Dieser Bericht wurde in gekürzter Form am 17.09. und 07.10.2026 in der RP veröffentlicht.
Erkelenz im 19. Jahrhundert: Auflösung der Klöster, Bau Haus Spies, Ende der Franzosenzeit, Beginn der Preußenzeit, Ende der Stadtbefestigung, Landwehrstamm in Erkelenz, Postkutsche und Eisenbahn bringen Mobilität, das Krankenhaus entsteht, Friedhof Brückstraße und jüdischer Friedhof entstehen, die erste Zeitung erscheint und in Erkelenz beginnt die Industrialisierung und das Baumschulzentrum entsteht
Wir setzen unsere Reise durch die 700jährige Erkelenzer Stadtgeschichte fort. Günther Merkens vom Heimatverein der Erkelenzer Lande hat sich weiter auf Spurensuche begeben, diesmal im 19. Jahrhundert. Dabei ist er auf viele Ereignisse gestoßen, die diese Zeit Epoche ausmachen.
Das 19. Jahrhundert brachte wohl die bisher größten Veränderungen für Erkelenz. Aber zunächst ging es dort weiter, wo das vorherige Jahrhundert geendet hatte, mit der Erkelenzer Zugehörigkeit zu Frankreich. Und die Franzosen setzten u.a. ihre vorher begonnenen Repressalien gegen die katholische Kirche, insbesondere gegen die Klöster, fort.
Auflösung der Klöster
Nachdem bereits durch die Revolution und die Republik in Frankreich die Klöster aufgehoben und die kirchlichen Güter konfisziert worden waren, wurden durch Napoleonisches Dekret vom 10. Juni 1802 die Güter der Kirchen und Klöster auch im Département Roer eingezogen und der Verwaltung der Nationaldomänen überwiesen.
In Erkelenz wurde das Franziskanerkloster von dem Dekret betroffen. Die Klostergebäude fielen an die Stadt, welche diese später u. a. zu Schulzwecken verwandte. Die Kirche erklärte der Aachener Bischof zur Nebenkirche der Pfarrkirche Sankt Lambertus. Einige der aus dem Kloster vertriebenen Franziskaner blieben in Erkelenz oder Umgebung.
Nicht besser erging es dem Kreuzherrenkloster Hohenbusch. Die Kirche und zwei Flügel der Klostergebäude wurden niedergelegt. Die Ausstattung der Kirche (u. a. die Orgel) kam zum Teil an die reformierte Gemeinde in Linnich, wo sie sich teilweise heute noch befindet. Andere Gegenstände kamen in Kirchen der Umgebung. Die umfangreiche Bibliothek wurde zum Teil nach Paris gebracht oder ging in den Wirren nach der Säkularisation verloren. Einige Bücher sind jedoch erhalten geblieben und befinden sich heute in der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln. Die restlichen Gebäude der Klosteranlage wurden verkauft und lange Zeit als landwirtschaftlicher Betrieb genutzt. Die Klosterbrüder blieben teilweise als Priester im Erkelenzer Land.
Auch die Gasthauskirche in Erkelenz fiel der Säkularisation zum Opfer. Im Jahre 1802 wurden das Gasthaus und die Leonhardskapelle aufgelöst und die Kapelle der Stadt Erkelenz zu Schulzwecken überlassen.
Veränderung der Zugehörigkeit zum Bistum
Für die Katholische Kirche gab es noch eine Änderung. Nach Abschluss des Konkordates mit Papst Pius VII. wurde im Jahre 1802 für das besetzte linke Rheinufer das Bistum Aachen geschaffen. Damit wurde die jahrhundertelange Zugehörigkeit von Erkelenz zum Bistum Lüttich (759-1559) bzw. Roermond (1559 -1801) beendet. Der erste Bischof in Aachen war Marc-Antoine Berdolet, der von Napoleon ernannt wurde. Im Juli 1821 wurde das Bistum Aachen jedoch wieder aufgelöst. Erkelenz gehörte nun zum Erzbistum Köln. Die Erkelenzer Pfarre wurde 1802 zur Kantonalpfarre erhoben. Am 16. Januar 1802 ernannte der Generalvikar von Roermond den in Terheeg 1735 geborenen Anton Evertz zum Kantonalpfarrer.
Die Franzosenzeit
Im Jahre 1800 wurde die Munizipalität, die zunächst die Stadt führte, durch einen Maire (Bürgermeister) ersetzt, der vom Präfekten ernannt wurde. 1789/90 war Heinrich Josef Jansen der erste Bürgermeister in der Franzosenzeit. Wie im Mittelalter wurden die Bürgermeister jeweils am Feste Petri Stuhlfeier für ein Jahr eingesetzt. In „Geschichte der Stadt Erkelenz“ sind alle Bürgermeister in der Franzosenzeit genannt.
Dem Bürgermeister standen ein oder mehrere Beigeordnete zu Seite. Erkelenz hatte zwei Beigeordnete, wovon einer aus Kückhoven kommen musste. Letzter Bürgermeister in der Franzosenzeit war von 1808 bis 1814 Johann Adam Gormanns (Vater von Hermann Josef Gormanns), der in Westrich geboren wurde. Im Jahre 1806 zählte die Mairie Erkelenz 4003 Einwohner, Gerderath 839 und Schwanenberg/Grambusch 847.
Heute noch sichtbares Zeichen der Franzosenzeit ist das 1806 erbaute „Haus Spiess“. Die spätbarocken und klassizistischen Züge des „Couvenstils“ waren typisch für den Aachener Architekten, nach dem dieser Baustil benannt wurde. Seinen Namen erhielt das Haus nach seinem Bauherrn Johann Joseph Spiess. Er war ehemaliger Offizier der Leibwache des französischen Königs Ludwig XVI. und wurde unter Napoleon in Erkelenz als Domänenverwalter und Rentmeister für die Kantone Erkelenz und Odenkirchen im Arrondissement Crefeld eingesetzt.
Um 1810 zeigte sich, dass die Herrschaft Napoleons über Europa zu Ende ging. Immer mehr Schlachten im Osten Europas verlor Napoleon und musste sich immer weiter zurückziehen. Entscheidend war dann die Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813). Dabei besiegten die Truppen der Koalition die Truppen Napoleons. Die Folge war dessen Rückzug aus Deutschland.
Nach der Völkerschlacht bei Leipzig hielten sich noch Teile der im Rückzuge begriffenen französischen Truppen in Erkelenz und Umgebung auf. Vor den herannahenden Truppen der verbündeten Russen und Preußen flohen sie aber in aller Eile.
Am 15. Januar 1814, mittags zwischen 13 und 14 Uhr, zogen die ersten Kosaken in die Stadt Erkelenz ein. Sie hatten bei Düsseldorf den Rhein überquert und mussten auf ihrem Zuge westwärts den Weg über Erkelenz nehmen, weil die Festung Jülich noch von einer starken französischen Besatzung gehalten wurde. In den Jahren 1814 /15 zogen durch Erkelenz immer wieder russische, schwedische und preußische Truppen, die zu der entscheidenden Schlacht bei Waterloo (18.06.1815) unterwegs waren. Die durchziehenden Soldaten belasteten die Stadt bis an die Grenze des Möglichen.
Die Preußen regieren in Erkelenz
Im Jahre 1814 war die Franzosenzeit zu Ende, Erkelenz atmete auf. Im Mai 1814 wurden die „französischen Rheinlande“ als Generalgouvernement vom Nieder- und Mittelrhein in preußische Verwaltung übernommen. Der Wiener Kongress brachte dann im Januar 1815 die Länder auf dem linken Rheinufer endgültig in den Besitz Preußens. Ab 15. April 1815 gehörte Erkelenz dann offiziell zu Preußen.
Am 23. April 1815 fand aus Anlass der Beendigung der jahrzehntelangen Franzosenherrschaft und des Beginns der preußischen Herrschaft auf dem Markt eine größere Feier statt. Die Huldigung für den neuen Landesfürsten war in Aachen am 15. Mai 1815, an der außer dem Kantons-Kommissar sämtliche Bürgermeister des Kreises Erkelenz als Deputierte ihrer Gemeinden teilnahmen.
Nach Entlassung des Kantons-Kommissars Gormanns ernannte die Regierung im Jahre 1816 den Landrat von Dewall zum Verwalter des Kreises Erkelenz. Sitz des Landrates, und damit Kreisstadt, wurde Erkelenz.
Die Stadtgemeinde Erkelenz und die Landgemeinde Kückhoven bildeten seit Jahrhunderten einen gemeinsamen Verwaltungsbezirk. Zur Franzosenzeit wurden sie als Samtgemeinde von dem Maire, ab 1815 von dem Bürgermeister der Stadt Erkelenz verwaltet. Nach der Entlassung des während der Franzosenzeit amtierenden Maire Gormanns übernahm am 2. Januar 1814 der bisher beigeordnete Bürgermeister Heinrich Terstappen die einstweilige Verwaltung der Stadt und Samtgemeinde. Er wurde am 4. Mai. 1815 vom Bürgermeister N. Erdmann abgelöst, der bis 1822 Bürgermeister blieb.
Nun könnte man annehmen, die Preußen drehen das Rad zurück. Aber nein. Einiges was die Franzosen geschaffen hatten, z.B. das Personenstandswesen -bis heute- oder der Code civil, wurden von den Preußen weitergeführt. Erst 1900 wurde der Code civil durch das Bürgerliche Gesetzbuch -BGB- ersetzt, aber viele der alten Rechtsgrundsätze wurden übernommen. Zum Teil gelten diese heute noch.
In der Franzosenzeit wurde erstmalig die Häuser, bisher nur mit Merkmalen oder Symbolen bezeichnet, systematisch nummeriert. In Erkelenz schien das aber nicht so richtig funktioniert zu haben, denn erst im Sommer 1898 entschloss sich der Erkelenzer Stadtrat zu einer Neuordnung des allgemeinen Kennzeichnungssystems in der Stadt, denn erst jetzt wurden amtliche Straßennamen sowie Hausnummern eingeführt.
Trotzdem begann 1815 in Erkelenz eine positive Entwicklung, so mussten z.B. Gebäude für die diversen neuen Behörden geschaffen werden. Damit einhergehend entwickelte Erkelenz sich vom Bürger- und Bauernstädtchen zunächst zu einer Beamtenstadt, aber dann durch die ersten Ansiedlungen der Industrie auch zu einem Industriestädtchen. Und dies alles führte auch zu einer Veränderung der Infrastruktur.
Schon früh kümmerten sich die Preußen um den Zustand der Erkelenzer Befestigungsanlagen. Wie schon in vorherigen Berichten geschildert, waren diese in einem schlechten Zustand, die Mauern waren an einigen Stellen eingestürzt oder drohten einzustürzen. So forderte die Regierung in Aachen die Stadt auf, alles Mauerwerk entweder nach historischen Gesichtspunkten wieder instand zu setzen oder abzubrechen. Im Rat der Stadt entschied man sich trotz der Befürchtung, dass mit dem Abbruch der Stadtmauern auch die Stadtrechte verloren gehen könnten, letztendlich aus Kostengründen für den Abbruch. Um diesen zu finanzieren, wurde das Gelände vor der Mauer parzelliert und in den Jahren 1816 bis 1818 auf Abbruch verkauft. Mit dem Abbruchmaterial wurden u.a. die Gräben zugeschüttet. Anstelle der Stadtmauern, -gräben und -wällen entstanden die vier Promenaden.
Heute ist nicht auszudenken, welche touristische Bedeutung Erkelenz hätte, wären die Befestigungsanlagen damals erhalten geblieben.
An der heutigen Wallstraße blieben damals wenige Meter der Stadtmauer erhalten, weil hier die kleinen Häuschen direkt an die Mauer angebaut waren. Ab dem Jahre 1905 wurden aber auch diese Häuser abgerissen.
Nachdem die Franzosen das Rheinland verlassen hatten und die Preußen nunmehr Landesherren waren, begannen sie sofort, eine militärische Organisation aufzubauen. Im Jahre 1814 schufen sie neben dem „normalen“ Heer die „Landwehr“. Diese war eine Bereitschaftstruppe, die nicht kaserniert war. Im Jahre 1816 wurde u.a. Erkelenz als Standort für einen Landwehrstamm bestimmt. Die Stärke des Landwehrstammes in Erkelenz wurde 1825 mit 25 Soldaten angegeben. Sie wohnten in Erkelenzer Privathäusern, was nicht unproblematisch war. 1818 wurde an der Westpromenade ein Zeughaus zur Unterbringung von Waffen und Material gebaut, übrigens zum Teil mit Steinen der abgebrochenen Stadtmauer. 1945 wurde es völlig zerstört.
Im Jahre 1830 wurde der Landwehrstamm nach Jülich verlegt, kehrte aber 1867 wieder zurück. Die Unterbringung erfolgte wie vorher in verschiedenen Quartieren in der Stadt. Dieser provisorische Charakter der Unterbringung wurde 1880 durch den Neubau eines Bezirkskommandos an der Ecke zur Westpromenade beendet. Aber schon einige später war die Nutzung zu Ende. Der Landwehrstamm wurde zum 1. April 1899 nach Rheydt verlegt. Im folgenden Jahrhundert wurde das Gebäude u.a. als Amtsgericht genutzt, heute ist es die Kreismusikschule.
Die Stadt entwickelt sich
Ein Übersichtplan der Stadt Erkelenz aus dem Jahre 1819 zeigt, dass die Bebauung sich überwiegend innerhalb der alten Stadtmauern an der heutigen Aachener Straße, am Franziskanerplatz, rund um die Kirche, an der unteren Kölner Straße, der Gasthausstraße, der Burgstraße, Im Pangel und an der Brückstraße erstreckt. Außerhalb der Stadtmauer ist nur eine Bebauung an der Brückstraße in Richtung Oestrich vorhanden. In der Stadt ist die Bebauung recht dicht, aber viele Grundstücke haben auch freie Flächen hinter der Bebauung, wahrscheinlich Gärten und Wiesen.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts vergrößerte sich die Stadt. So entstand z.B. ab dem ehemaligen Bellinghovener Tor die Bahnstraße (heute Kölner Straße) und diese Straße wurde mit der Zeit die wohl bedeutendste Straße der Stadt. Vom alten Stadtkern aus entwickelte sich nach dem Bau der Eisenbahn im Jahre 1852 eine prächtige Straße mit großen Bürgerhäusern, mit Geschäften und Verwaltungsgebäuden wie Post, Sparkasse und Landratsamt.
In der Preußenzeit entstand ein wichtiges Gebäude in Erkelenz, das Landratsamt, es wurde 1893 an der oberen Bahnstraße gebaut. Bis dahin gab es ein eigenes Landratsamt nicht, es war jeweils an die Wohnung des Landrates gekoppelt. Das im Jahre 1893 erbaute Landratsamt wurde 1964 zu Gunsten des Neubaus eines Kreishauses abgerissen. Dieses ist zwischenzeitlich auch schon wieder abgerissen und wartet seit Jahren auf einen Nachfolgebau.
Mobilität in Erkelenz
Schon vorher begann in Erkelenz eine wichtige Entwicklung, im wahrsten Sinne des Wortes rauschte die neue Zeit heran. Am 11. November 1852 wurde die Eisenbahnteilstrecke Rheydt-Herzogenrath der Linie Düsseldorf-Aachen eröffnet. Dadurch erhielt Erkelenz einen Eisenbahnanschluss, der für die weitere Entwicklung der Stadt von wesentlichem Vorteil war und auch der Mobilität der Bevölkerung wesentlich verbesserte. Der Bahnhof lag aber zunächst weit vor der Stadt in Richtung Kückhoven.
Weitere geplante Eisenbahnstrecken wie Erkelenz – Jülich – Düren (1868), Erkelenz – Grevenbroich – Hilden und Erkelenz – Opladen (1870) sowie eine Kleinbahn von Immerath über Erkelenz, Wegberg nach Brüggen bzw. Erkelenz – Matzerath -Wassenberg – Heinsberg (1909) wurden aus verschiedenen Gründen nicht realisiert.
Was aber die Mobilität der Bevölkerung betrifft, so wurde diese in Erkelenz schon vorher für bestimmte Kreise durch den Anschluss an das Postkutschennetz verbessert. Ab 1803 führten Postkutschenlinien durch Erkelenz, so z.B. Köln – Roermond und Aachen – Krefeld. 1836 folgte dann eine Verbindung nach Linnich und Jülich sowie 1839 nach Wassenberg und Heinsberg.
Der Anschluss in Erkelenz im Jahr 1852 an das Eisenbahnnetz bedingte dann auch eine Anpassung der Postkutschenzeiten. Mit der folgenden Ausbreitung des Eisenbahnnetzes ging schließlich zum Ende des 19. Jahrhunderts die Postkutschenzeit zu Ende.
Beginn der Straßenbeleuchtung
Mitte des 19. Jahrhundert gab es in Erkelenz einen weiteren Schritt in die neue Zeit, der Beginn der Straßenbeleuchtung. 1846 wird eine spärliche Straßenbeleuchtung erwähnt, wie immer diese auch war. Eine wesentliche Verbesserung erfolgte im Jahre 1859. In diesem Jahr wurden Öl-Straßenlaternen aufgehängt, die Erkelenz von der Stadt Neuss gekauft wurden, da Neuss auf Gasbeleuchtung umgestellt hatte. Die Laternen hingen an Seilen, die über die Straße gespannt waren. Zum Reinigen, Füllen und Anzünden mussten sie heruntergelassen werden. In späteren Jahrzehnten wurden die Öllampen durch Petroleumlampen ersetzt.
Die Elektrizität kam etwa ab 1900 nach Erkelenz. Dazu mehr im nächsten Bericht.
Geldintitute entstehen
Im 19. Jahrhundert wurden in Erkelenz die ersten Geldinstitute gegründet. Im Jahre 1836 richtete der „Aachener Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit“ eine Zweigstelle als Spar- und Darlehnskasse in der Westpromenade ein. Einige Zeit später bestanden dann noch weitere Geldinstitute, die aber nicht lange Bestand hatten. Im Jahre 1898 wurde eine Kreisspar- und Darlehnskasse gegründet, die etwas später den Namen „Kreissparkasse des Kreises Erkelenz“ erhielt. 1919 wurde dann noch die „Städtische Sparkasse Erkelenz“ gegründet.
Soziale Einrichtungen entstehen
Eine für die Erkelenzer Bevölkerung wichtige soziale Einrichtung wurde 1840 eröffnet. Der schon erwähnte Aachener Verein eröffnete in seinem Gebäude an der Westpromenade den ersten Kindergarten im Kreis Erkelenz, der allerdings kostenpflichtig war. Insgesamt besuchten von der Eröffnung 1840 bis 1883 299 Kinder diesen Kindergarten, von denen die meisten bis zum Schuleintritt blieben.
Einige Jahre später wurde eine weitere bedeutsame soziale Einrichtung in Erkelenz begründet. Im Jahre 1864 stellte der Notar Hermann-Josef Gormanns an der Brückstraße ein Wohnhaus mit Stallungen, Hofraum und Garten dem Orden Arme Dienstmägde Jesu Christi aus Dernbach zur Verfügung, damit die Schwestern dort ambulante Krankenpflege betreiben konnten. Vor seinem Tode vermachte er der Stadt am 05. März 1867 eine Stiftung von 60.000 Talern und sieben Gärten am Zehntkamp (heute Zehnthofweg). Mit dieser Stiftung sollte ein Armen-, Kranken- und Waisenhaus errichtet werden. Und so entstand zwischen 1869 und 1871 das erste Krankenhaus im Kreis Erkelenz. Diese Stiftung ist auch heute noch Träger des Hermann-Josef-Krankenhauses.
Kirchturmbrand und Bildung einer Feuerwehr
Eine Brandkatastrophe ereignete sich am 19. Februar 1860, es brannte die hölzerne Spitze des Kirchturms von Sankt Lambertus. Nach Zeitzeugenberichten spielten sich dramatischen Rettungsszenen ab. Schließlich gelang es wagemutigen Männern, dass Feuer, das zwischenzeitlich auch das Dach des Kirchenschiffes erreicht hatte, zu löschen. Mehr als 80 Erkelenzer Bürger bildeten eine Eimerkette, um den Brand zu bekämpfen.
Zwei Jahrzehnte später, zwischen 1880 und 1883 erhielt der Turmhelm nach den Plänen des Architekten Wiethase wieder eine neue Spitze, nunmehr aber nicht aus Holz, sondern aus Stahl, gedeckt mit Kupfer. Diese Helmspitze, nach Beschädigung im 2. Weltkrieg repariert, sehen wir heute noch.
Etwa in der gleichen Zeit war erkennbar, dass die 1630 gebaute Orgel, die durch den Turmbrand wenig gelitten hatte, erneuert werden musste, da Reparaturen aufwendig und kostspielig waren. Im September 1886 wurde von Oberpfarrer Bell angeregt, eine neue Orgel zu schaffen. Einige Zeit später gründete sich ein Orgelbauverein, der schon bald mehr als 500 Mitglieder hatte. Aufgabe des Vereins war die Geldbeschaffung. Zum Bau der Orgel kam es aber erst nach 1900.
Der Brand des Kirchturmes 1860 zeigte, dass in Erkelenz ein vernünftiger Löschschutz nicht vorhanden war. Deshalb entstanden Überlegungen zur Gründung einer freiwilligen städtischen Feuerwehr, die dann 1865 gegründet wurde. Die erste Zeit war schwierig und während der Kriegszeit 1870/71 und auch danach war die Feuerwehr nicht mehr aktiv. Im Jahre 1889 kam es deshalb zu einer Wiederbelebung und Erkelenz hatte jetzt eine gut funktionierende freiwillige Feuerwehr.
Der Friedhof an der Brückstraße wird angelegt
Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts befand sich – wie wohl überall – der Erkelenzer Friedhof rings um die Pfarrkirche Sankt Lambertus. Diese Lage rund um die Kirche führte auch zu dem Begriff „Kirchhof“. Während der französischen Zeit sollte der Friedhof außerhalb des Stadtgebietes angelegt werden. In Erkelenz kam das aber erst in der preußischen Zeit zur Durchführung. Während der Kirchhof kircheneigenes Gelände war, kaufte die Stadt Erkelenz im Jahre 1820 an der Straße nach Oestrich (heute Brückstraße) ein entsprechend großes Gelände. Am Allerseelentag des Jahres 1825 wurde der Friedhof eingeweiht, am folgenden Tage erfolgte die erste Beisetzung. Ab dem Jahre 1824 wurde an der Straßenseite eine Mauer mit Tor gebaut, die etwa 1832 fertig war. Zum Bau der Mauer wurden u.a. Steine aus der abgebrochenen Stadtmauer an der Burg benutzt. Im Jahre 1864 wurde der Friedhof bereits erweitert.
Jüdisches Leben in Erkelenz
Nachdem sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts (im Jahre 1852) wieder Juden in Erkelenz ansiedelten, wurde für diese ein Friedhof benötigt. Vermutlich waren die ersten Begräbnisse noch auf dem Friedhof in Lentholt.
Nachdem die jüdische Gemeinde 1862 einen Betsaal an der Burgstraße und ab 1869 eine Synagoge an der Westpromenade eingerichtet hatte, wurde bereits 1865 die Anlage eines Friedhofes diskutiert. Am 24. März 1865 schrieb Bürgermeister Reinkens an den Regierungspräsidenten wegen der „Anlage eines Judenfriedhofes“. Er erwähnte, dass in Erkelenz 29 Juden und in Matzerath, Venrath und Anhoven 16 Juden wohnten. Am 4. 8. 1865 genehmigte dann der Regierungspräsident die Anlage eines Friedhofes.
Der jüdische Friedhof lag am Rande von Erkelenz, schräg gegenüber dem Güterbahnhof. Dieser existiert heute nicht mehr. Einige hundert Meter weiter befand sich die alte Bellinghovener Mühle. Frucht- und Kohlenhändler hatten sich nach dem Bau der Eisenbahn im Jahre 1848/49 an der Straße, dem sog. Bahnabfuhrweg, heute Neusser Straße, nach und nach angesiedelt. Hinter dem Friedhof begann das freie Feld.
Am 6. Januar 1869 fand die erste Bestattung auf dem Friedhof statt. Johanna Mendel, eine Tochter des Händlers Bernhard Mendel, wurde beerdigt. Dies erregte im katholischen Erkelenz derart die Neugierde, dass zahlreiche Bürger zum Friedhof kamen. 1892 war der Friedhof schon zu klein, so dass er erweitert wurde.
Das Schulwesen in Erkelenz
Am 14. Mai 1825 erließ der preußische Staat per Kabinettsorder die Schulpflicht für alle Kinder. Mit diesem Gesetz machte der Staat deutlich, dass ab diesem Zeitpunkt schulische Bildung eine Aufgabe des Staates war. Bereits im Jahre 1734 war auf dem Markt (neben dem Alten Rathaus) ein Schulhaus gebaut worden, aber erst jetzt erfolgte Schule unter staatlicher Aufsicht. Die Räumlichkeiten im alten Schulhaus waren unzulänglich. Deshalb beschloss die Stadtverordnetenversammlung nach langen Diskussionen, die ehemalige Gasthauskapelle zu einem Schulhaus umzubauen. In die ehemalige Gasthauskapelle wurde eine Zwischendecke eingezogen, welche die spätgotische Halle zerstörte und auch der Dachreiter wurde entfernt und die Stützpfeiler verschwanden. Im Gebäude entstanden zwei „Schulstuben“ und eine Lehrerwohnung. 1827 wurde die neue Schule bezogen. Auch die Gasthausschule war bald zu klein und 1858 wurde in einem Teil der ehemaligen Gendarmerie Kaserne (bis zur Säkularisierung im Jahre 1802 Teil des Franziskanerklosters) ein weiteres Schulgebäude eingerichtet
Zeitungen in Erkelenz
Zu Beginn des 17. Jahrhundert erschienen in Deutschland die ersten gedruckten Zeitungen. Im Erkelenzer Land dauerte es aber noch einige Jahrzehnte, bis die erste Zeitung erschien. Im Jahre 1834 erschien im Verlag J. F. Dietz auf der damaligen Maarstraße, (heute Aachener Straße), das Wochenblatt für den Kreis Erkelenz und dessen Umgebung. Es erschien nur einmal wöchentlich und hatte eine Auflage von mehreren Hunderten Exemplaren. Am 5. Augst 1854 erschien dann zum ersten Mal als Probeblatt das Erkelenzer Kreisblatt, herausgegeben von dem Buchdruckereibesitzer Joseph Brandts. Die Zeitung erschien einmal wöchentlich am Samstag und kostete vierteljährlich 6 Silbergroschen incl. Stempel bei Austragung durch Boten, auswärts durch Boten oder im Postversand 7,5 Silbergroschen.
Das Erkelenz Kreisblatt etablierte sich schnell, schon ab 1. April 1858 erschien es in größerem Format und zweimal wöchentlich, samstags und mittwochs. Der Leserkreis stieg und weit über die Kreisgrenzen hinaus wurde die Zeitung gelesen. Der Abonnementpreis betrug jetzt 10 Silbergroschen.
Am 11. August 1877 wird im Verlag Joseph Brandts auch die Erkelenzer Zeitung herausgeben und dem Kreisblatt samstags gratis beigefügt. Ab Januar 1878 erschien die Erkelenzer Zeitung zweimal wöchentlich, mittwochs und samstags, aber immer noch als Beilage zum Erkelenzer Kreisblatt. Am 29. September 1915 wurde die Erkelenzer Zeitung letztmalig aufgelegt.
Am 1. Juni 1878 erschien dann noch eine neue Zeitung in Erkelenz, die Erkelenzer Volkszeitung. Nach kurzer Zeit wurde jedoch diese Zeitung am 30. Juni 1878 wieder eingestellt.
Wie bei der Erkelenzer Kreiszeitung wollte Brandts auch hier vermeiden, dass später jemand anders nochmals eine Volkszeitung in Erkelenz herausgeben konnte. Deshalb sicherte er sich den Namen und gab ab dem Jahre 1894 als Gratisbeilage zum Kreisblatt nunmehr auch die Erkelenzer Volkszeitung heraus. Wie die Erkelenzer Zeitung wurde auch die Erkelenzer Volkszeitung am 29. September 1915 eingestellt.
Im 19. Jahrhundert beherrschte Brandts bzw. seine familiären Nachfolger mit seinen drei Zeitungen das Erkelenzer Zeitungswesen. Das Erkelenzer Kreisblatt wurde bis 1944 herausgegeben.
Beginn der Industrialisierung
Bedeutsam für Erkelenz war auch die im 19. Jahrhundert beginnende Industrialisierung, zunächst vornehmlich im Textilbereich.
Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war in Erkelenz das Kleingewerbe und die Landwirtschaft die wirtschaftliche Grundlage. Im Erkelenzer Umland gab es etliche Hauswebereien, die insbesondere für Fabriken in Gladbach und Rheydt arbeiteten. Im Jahre 1861 waren im Erkelenzer Land 4.744 Webstühle in Betrieb.
Erste industrielle Ansätze in bescheidenem Umfang gab es ab dem Jahre 1825. Erste Nachricht über so etwas wie einen Industriebetrieb gibt es aus dem Jahr 1827, in dem der Landrat Beermann von der „Stecknadelfabrik“ Polke sprach. Um 1825 ließ sich Andreas Polke aus Ratibor in Erkelenz nieder und gründete eine Stecknadelfabrik. Einige Jahrzehnte später, im Jahre 1856, gründete Johann Bernhard Oellers aus Venrath die Mechanische Weberei J.B. Oellers. Er baute um 1877/78 ein großes Wohnhaus an der Bahnhofstraße (heute Kölner Straße) und erwarb gleichzeitig große Grundstücksteile hinter diesem Haus. In den folgenden Jahren baute Oellers dort seine Rockstofffabrik auf. Die Fabrikräume entstanden hinter der damaligen Tonhalle entlang der Gasse, dem heutigen Parkweg.
Ein weiterer Textilbetrieb existierte seit 1872, die mechanische Plüschweberei Karl Müller (heute Ecke Kölner Straße – Heinrich-Jansen-Weg). Müller hatte zunächst in der Oerather Straße, dann in der Bellinghovener Straße gewohnt und war danach zur Bahnstraße (heute: Kölner Straße) gekommen, wo er um 1890 seine Villa baute (das Haus wurde 1979 abgebrochen). Um 1900 baute er hier seinen Betrieb hinter der Villa (am heutigen Heinrich-Jansen-Weg) aus und beschäftigte 60 Arbeiter.
1897/1898 baute der Kaufmann Gottfried Halcour, der aus Kuckum stammte, jenseits der Eisenbahn an der heutigen Neußer Straße eine Textilfabrik. Hier produzierte Halcour überwiegend Damenoberbekleidungsstoffe und Moire für Unterröcke für Großkonfektionäre.
An der Ziegelgasse gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Leimfabrik (Gründungsdatum ist nicht bekannt), die einem Dr. Hermes gehörte. Gleich gegenüber war die Firnisfabrik des Franz Peters. Im Jahre 1898 wurde auf der Hermann-Josef-Straße (heute Hermann-Josef-Gormanns-Straße) neben der Molkerei die Dampfmalzfabrik Warlimont gebaut.
Die für Erkelenz bedeutendste Industrieansiedlung war 1897, als der Industriepionier Anton Raky die Zentrale der von ihm gegründeten Internationalen Bohrgesellschaft von Straßburg nach Erkelenz verlegte. Der wirtschaftliche Aufschwung begann aber erst nach der Jahrhundertwende. Im nächsten Bericht wird dazu näheres beschrieben.
Fast parallel zur Industrialisierung erfolgte in Erkelenz die Entwicklung zum Baumschulzenrum. Im Jahre 1850 wurde der erste Betrieb gegründet und schon 1862 folgte der nächste.
Beginn des Baumschulzentrum Erkelenz
Alles begann im Jahre 1850, da kam der Gärtner Karl Platz als 21jähriger Gärtner aus Bonn nach Erkelenz und ließ sich in Oestrich nieder. Hier gründete er eine Kunst- und Handelsgärtnerei. 1873 wurde der Betrieb von Oestrich zur Brückstraße verlegt. Um diese Zeit hatte Platz neben umfangreichen Gewächshauskulturen schon die ersten Baumschulen angelegt und so wurde er zum Begründer dieses Zweiges des Gartenbaus in Erkelenz. Karl Platz starb 1890. Seine Tochter Maria heiratete 1900 den Gärtner Peter Müller, der 1899 aus Trier nach Erkelenz gekommen war. Müller führte den Betrieb nicht nur weiter, sondern konnte ihn noch wesentlich vergrößern. Seit 1900 führt die Firma den Doppelnamen „Müller-Platz“, der längst weit über Erkelenz hinaus ein Gütezeichen war.
Gegenüber von Müller-Platz, an der Ecke Brückstraße/Theodor-Körner-Straße, lag die Gärtnerei und Baumschule Schley. Heinrich Hubert Schley (1829 bis 1872) kam aus Laurenzberg bei Aldenhoven und gründete 1862 zunächst am Franziskanerplatz eine Gärtnerei. Im Jahre 1872 starb Heinrich Schley, die beiden Söhne Willhelm und Peter führten zusammen mit der Mutter den Betrieb weiter, 1895 übernahmen sie den elterlichen Betrieb und verlagerten ihn an die Brückstraße. Wilhelm Schley wurde 1909 in die Stadtverordnetenversammlung von Erkelenz gewählt, der er bis 1933 angehörte. Lange Jahre war er auch 1. Beigeordneter (Stellvertreter des Bürgermeisters).
Wesentlich für die Entwicklung zum Baumschulzentrum war auch, dass Platz und Schley zahlreiche Schüler ausbildeten, die später, zum Teil nach Aufenthalten in auswärtigen Betrieben, in Erkelenz ebenfalls Baumschulen und Gärtnereien gründeten. So gründete Hermann Morjan 1893 eine Baumschule in Grambusch, Peter Goertz 1900 in Lövenich, Conrad Porten 1921 in Erkelenz, Paul Gerards 1925 in Oestrich, ab 1929 dann in Mennekrath und letztlich Josef Hallen 1932 in Golkrath.
Vereine entstehen
Erwähnt sei noch, dass im Jahre 1832 die „Erkelenzer Carnevals-Gesellschaft“ gegründet wurde, die heute noch aktiv in Erkelenz den Karneval gestaltet. Ab 1815 entstanden im preußischen Rheinland die Karnevalsvereine als Form des zivilen Widerstandes und des Protestes. Das zivile Bürgertum wollte in den Karnevalsvereinen den preußischen Militarismus verspotten -die Funkengarden zeugen davon- und sich den strengen Verboten der Obrigkeit humorvoll widersetzen.
Es wurden aber noch andere Vereine gegründet, z.B. der Städtische Musikverein, der Städtische Gesangsverein und der Turnverein.
Von Interesse sind auch einige Zahlen. Einwohner 1855: 4116 Katholiken, 40 Evangelische und 6 Juden. Im Jahre 1861 gab es in Erkelenz 685 Wohnhäuser und 32 öffentliche Gebäude.
Bedeutende Personen
Bedeutende Personen für Erkelenz im 19. Jahrhundert waren neben den schon erwähnten Hermann-Josef Gormanns, Anton Raky und dem Bürgermeister Franz Reinkens noch der Ordensgeistliche Leo Heinrichs und die Schriftstellerin Else Schilling. Einzelheiten zu diesen Personen, wie auch zum gesamten 19. Jahrhundert finden Sie im Virtuellen Museum Erkelenz.
Dieser Bericht zum 19. Jahrhundert zeigt, dass dieses Jahrhundert der Stadt viele Ereignisse und Entwicklungen brachte, die einen wichtigen Schritt in die Neuzeit darstellten.
Das folgende 20. Jahrhundert brachte weiterhin viele wichtige Ereignisse. Dazu mehr im nächsten Bericht. Ergänzende Informationen und Fotos zu den einzelnen Punkten sind im Virtuellen Museum Erkelenz.1
















