Als der Kirchturm von St. Lambertus in Erkelenz brannte

Kirchturmbrand

Am 19. Februar 1860 brannte in Erkelenz die Spitze des Kirchturms von Sankt Lambertus ab. Der Turm und die Kirche konnten durch den Einsatz vieler Erkelenzer gerettet werden. Darüber gibt es einen Bericht von  Landrat Claessen, Bürgermeister Büschgens und dem Beigeordneten A. Spieß, der in den Heimatblättern 1922 veröffentlicht wurde. Der Bericht schildert das Bemühen der Erkelenzer, das Feuer zu löschen und den Turm und die Kirche zu retten. Bewusst wurde jetzt bei der Wiedergabe die damalige Rechtschreibung beibehalten.

Hier der Bericht:

„Die Uhr zeigte am Sonntag die 9. Stunde …, als mit anhaltendem Schneegestöber und heftigem Sturmwinde die Bewohner der Stadt Erkelenz durch Donnerschlag und Blitz aufgescheucht wurden. Das Wetter brauste von Süd-West. Augenzeugen bemerkten über dem Kreuze der Thurmspitze der Pfarrkirche eine Feuerkugel, die sich zu theilen und in zweien blauen Strahlen dem Kreuze entlang bei einem knarrenden Geräusche in die Thurmspitze einzusenken schien. Aussprühende Feuerfunken machten es leider unverzüglich nur zu wahr, daß der Blitz gezündet. In wenigen Minuten war der Thurm von braven Bürgern erstiegen und zeigte es sich, daß das Innere der Spitze an zwei Stellen vom Feuer ergriffen war. Es begannen an dieser gefährlichen Stelle von den Meistern Mertens, Heinrich Clemens, von Coeln und dem Kamin-Gesellen Schluns und von Anderen die Versuche, das Feuer zu ersticken, dadurch, daß man in Wasser getunkte Tücher auflegte, daß man Brandspritzen in Thätigkeit setzte, daß man schwarze Seife verstrich, daß man Beile und Äxte handhabte, aber vergeblich. Die gegen Himmel lodernde Flamme verkündete der am Fuße des Thurmes in dumpfer Verzweiflung harrenden Menge, daß alles Menschenwerk eitel! Umsonst waren die Anstrengungen jener unerschrockenen Männer.

Das Signal zu den umfassendsten Löschungs-Vorbereitungen war damit gegeben. Durch reitende Boten wurden Feuerspritzen und Mannschaften aus den nahegelegenen Ortschaften requiriert. Gegen 10 1/2 Uhr hatte das Feuer bereits einen solchen Schaden angenommen, daß die Bewohner der der Kirche zunächst gelegenen Häuser, insbesondere der Brückstraße, auf ihre eigene Rettung Bedacht nehmen mussten. Das entfesselte Element schien sich in Feuerregen auflösen zu wollen, der vom Sturmwinde bald nach dieser, bald nach jener Richtung hingepeitscht wurde. Zu dieser Nachtstunde brach auch der Stärkste über! Das südliche Seitenschiff der Kirche hatte Feuer gefangen und kam von dort bald die zweite und ebenso bedrohliche Gefahr. Kühne Bürger waren es wieder, die hier den Schauplatz ihrer Thätigkeit suchten; der Kamin-Geselle Schluns, der Dachdecker von Coeln, der Hausknecht Hermann Heinrichs, hielten stundenlang Stand, arbeitend. Da die Spritzen sich dem brausenden Sturmwinde gegenüber ohnmächtig zeigten, mit Äxten und Planken, um das Feuer zu ersticken, während die vom Thurme herabstürzenden Feuerklumpen sichtlich ihr eigenes Leben in Gefahr brachten.

© Heimatverein der Erkelenzer Lande | Wilhelm Borgs | Zeichnung-St. Lambertus-Blitz-Portal-3

Man rettete, flüchtete – und es trat der ebenso erhabene als erhebende Moment ein, worin der Herr Oberpfarrer das Sanctissimum aus der Kirche entfernte. Die Arbeit stockte, man betete! Gegen 1 Uhr Nachts war das Feuer des südlichen Seitenschiffes ziemlich gelöscht. Inzwischen wurde von einem Bausachverständigen, um zu verhindern, daß die Feuermassen der abbrennenden Thurmspitze, welche auf einer Art von Gewölbe – einem Estrich – lagerten, sich dem Glockenstuhl mittheilten, der Vorschlag gemacht, über diesem Estrich ein Hilfsgewölbe anzubringen durch Auflegen von Planken und Erde. So weit aussehend die dazu erforderliche Arbeit war,  sie wurde unternommen, aber leider nur, um sie, sei es als verspätet, sei es als undurchführbar, bald wieder einzustellen. Diesem gescheiterten Versuche gegenüber nahm die Rathlosigkeit zu. Als einem der Unterzeichneten die Ansicht gemacht wurde, daß nunmehr der Einsturz des Estriches bevorstehe, wurden zur Verhütung von größerem Unglück Anstalten getroffen, die Kirche von Menschen zu räumen und die bedrohten Straßen absperren zu lassen. Um zu verhindern, daß, wenn dieses Unglück wirklich einträte, das Feuer sich mindestens nicht unverzüglich dem Hauptschiffe mittheilte, erbot sich in diesem kritischen Augenblick der Meister Eduard Mertens von hier, den Eingang, der aus dem Thurme dorthin führte, durch Bretter, Schiefer und Erde zu versperren, ein Wagestück, das er auch sogleich ausführte. Auch mußte zu dieser Stunde die Aufmerksamkeit auf das nördliche Seitenschiff der Kirche gerichtet werden, wo ebenfalls Feuer ausgebrochen war. Den anhaltenden Bemühungen der Dachdecker Jackels und von Coeln gelang es indes hier die Gefahr zu beseitigen.

Mittlerweile überzeugte man sich immer mehr und mehr, daß die ganze Thätigkeit darauf gerichtet sein müsse, der Feuermassen der nunmehr abgebrannten Thurmspitze auf dem Estriche, dessen eigenthümliche Construktion nicht hinlänglich bekannt war, Herr zu werden, und namentlich des Feuers, welches die darunter liegenden Planken zu verzehren schon im Begriffe war. Zu diesem Zwecke war es aber erforderlich, Wasser zu schaffen und zwar der Thurmtreppe entlang in einer Höhe von 130 Fuß. 80 Personen waren mindestens erforderlich, um diesen Dienst in der Treppe gehörig zu versehen, es war die letzte verzweifelte Anstrengung gegen 3 Uhr Morgens. Nachdem die Behörde durch Ersteigen des Thurmes sich überzeugt, daß das Aufpflanzen der Hilfsmannschaft in der Turmtreppe hinreichend gefahrlos schien, erfolgte der Aufruf zur Hilfeleistung sowohl an die kleine Schar der noch ermattet Anwesenden, als dadurch, daß zu den Nachbarorten mehrmals Boten entsendet und endlich die bereits heimgekehrten Bewohner der Stadt abermals zur Stelle alarmiert wurden. Zwischen Jung und Alt, Hoch und Niedrig begann der Wetteifer, nachdem die Bürger Mertens, Heinrich Clemens, Schluns, Schreinergeselle Rütter, Dachdeckermeister Lemmen und andere zur Feuerstelle geeilt, um mit ihrer äußersten Kraftanstrengung dieses letzte Rettungsmittel zu versuchen.

© Heimatverein der Erkelenzer Lande | Wilhelm Borgs | Zeichnung-Kirchturmhaube und Blitz-3

So könnte es am 19. Februar 1860 an Sankt Lambertus ausgesehen haben (Zeichung: Wilhelm Borgs).

Ausdauer! Ausdauer! rief es von allen Seiten. Man denke sich 80 Leute in der Nacht, in einer mit Eis bedeckten Thurmtreppe, der Eine über dem Anderen. Alle mit gefüllten Wassereimern versehen, und darüber ein FEUERMEER! Drei Mal wurden die Mannschaften gewechselt, inzwischen gelang es, das Feuer auf dem Estrich, und namentlich dem Meister Mertens, die unter demselben glühenden Balken mit einer Brandspritze zu löschen, indem er die Hauptkirchenglocke als Schutzdach benutzte. Gegen 8 Uhr Morgens war das entfesselte Element bewältigt, das Werk der kühnen und braven Bürger durch Gottes Hilfe mit dem besten Erfolg gekrönt.“

Zwei Jahrzehnte später, zwischen 1880 und 1883 erhielt der Turmhelm nach den Plänen des Architekten Wiethase wieder eine neue Spitze, nunmehr aber nicht aus Holz, sondern aus Stahl gedeckt mit Kupfer. Da aus gesundheitlichen Gründen Oberpfarrer Bell nicht mehr tätig sein konnte, wurden die Wiederaufarbeiten seitens der Pfarre vom Vorsitzenden des Kirchenvorstandes Peter Heinrich Fell geleitet (Information von Frau Lucie Hoogen und Pfarrarchiv Christ-König Erkelenz).  So wie der Turmhelm seiner Zeit geschaffen wurde, sehen wir ihn heute noch.

Der Erkelenzer Kirchturm brannte aber 1860 nicht zum ersten Mal. Im 17. Jahrhundert (das genaue Datum ist nicht bekannt) war gleichfalls ein Blitz in den Turm eingeschlagen, der ihn in Flammen setzte und dessen gotische Turmspitze (der Turmbau war 1458 begonnen worden und hatte rund 80 Jahre gedauert) vernichtete. Nach diesem Brand erhielt der Turm im Stil der damaligen Zeit nun eine barocke Haube, die dann 1860 abbrannte.  Leider existieren nur ungefähre Zeichnungen von dieser Haube.

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  1. Erkelenzer Geschichts- und Altertumsverein (Hrsg.), Heimatblätter. Monatsschrift für Heimatkunde. Jahrgang 1922, Seite 11

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