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Aufstehen bei Oma und Opa

sonstiger Name: Aufstehrituale in den 1950er Jahren
1950-1959

Wilhelm Borgs erzählt aus alten Zeiten

Vorbemerkung

Wer heute morgens aufsteht, ins Bad geht, hat direkt warmes Wasser, die elektrische Zahnbürste oder der Rasierapparat funktioniert auf Knopfdruck und es ist auch im Raum durch die Zentralheizung angenehm warm.

Um das Frühstück vorzubereiten, werden die benötigten Lebensmittel aus dem Kühlschrank geholt. Der angeschaltete Kaffeevollautomat produziert gleichzeitig schon den Kaffee. Die neuste Ausgabe der Zeitung ist auch schon da.

 „Opa, erzähl‘ mal, wie es früher war“,  fordern mich mit erwartungsvollen Blicken Kristin und Niklas, meine beiden Enkelkinder, auf.

Damals war ich als Kind häufig bei meinen Großeltern. Ja, vor 70 Jahren sah das Leben in vielen Haushalten ganz anders aus.

Aufstehen bei Oma und Opa

Wie es früher war…in der Schülergasse.

Bei Oma und Opa morgens um 7°° Uhr, ein tägliches Ritual, eine Szene.

Frühmorgens, direkt nach dem Aufstehen, fing der Tag schon mit Arbeit an.

Nach dem Weckerklingeln und Anziehen ist Omas erster Gang in die Küche zum Herd. Mit einigen Handgriffen legt sie etwas Papier und einige dünne Holzscheite auf die Glut im Herd und entfacht so wieder das Feuer. Minuten später kommt eine Schaufel mit Kohlen hinzu, die sie am Vortag mit einem Eimer aus dem Kohlekeller bis in die erste Etage geschleppt hat. Der Kessel, gefüllt mit frischem Wasser, steht nun auf der Herdplatte.

In der Küche, der Raum, wo sich das alltägliche Leben abspielte, wurde es angenehm warm. Kein Heizkörper einer Zentral-Heizung erwärmte den Raum, der Herd in der Küche war die einzige Wärmequelle, die zum Heizen und Kochen diente.
Das Haus der Großeltern im Schatten des 83 Meter hohen Lambertus-Kirchturmes war 1902 gebaut worden und hatte somit eine für damalige Bedürfnisse übliche Ausstattung.
Heute steht an dieser Stelle ein großer Neubau mit Büros und Wohnungen1.

© Wilhelm Borgs | Opa beim Rasieren
Opa beim Rasieren. Zeichnung von Wilhelm Borgs

Opa betritt nun die Küche. Seinen Hemdkragen hat er nach innen geklappt und die Ärmel hochgekrempelt. Vor dem Spülstein (Waschbecken) mit nur einem Kaltwasserhahn wäscht er sich (noch 1950 hatten nur 20 Prozent der deutschen Haushalte ein Badezimmer). Inzwischen pfeift der Wasserkessel. Opa gießt einige kleine „Schlucke“ des warmen Wassers in den Rasiertiegel.

© Wilhelm Borgs | Rasierschaum schlagen
Rasiertigel zum Schaumschlagen. Zeichnung: Wilhelm Borgs

Mit der Rasierseife und dem speziellen Pinsel erzeugt er mächtig Schaum, der auf Wangen und Kinn landet. Mittels Rasiermessers oder mechanischen Rasierapparats verschwinden nun Schaum und Barthaare (der erste Rasierapparat mit Wechsel-Wegwerf-Klinge wurde von der amerikanischen Firma Gilette 1901 auf den Markt gebracht. Der erste handliche Elektro-Rasierer mit beweglichen Scherköpfen wurde erst 1937 von Remington angeboten, aber schon 1931 erfunden).
 Zum Schluss kommt noch der Kamm zur Anwendung; das Ergebnis: ein exakter, geradlinigen Scheitel ist sichtbar. Das war damals ein Muss.

© Wilhelm Borgs | Oma mahlt Kaffee
Oma mahlt Kaffeebohnen. Zeichnung: Wilhelm Borgs

Zwischenzeitlich sitzt Oma auf einem Stuhl, die Kaffeemühle zwischen die Oberschenkel geklemmt, und malt durch kräftiges Drehen den Kaffee.

Ratsch, ratsch ist zu hören. Die in dem Trichter eingefüllten Kaffeebohnen (die Zeiten von Ersatzkaffee, in der Erkelenzer Region Muckefuck genannt, aus Getreide oder Chicorée hergestellt, sind vorbei) erzeugen das knackende Geräusch. Ein stark duftender, angenehmer Kaffeegeruch durchströmt den Raum. Nachdem Oma das Kaffeepulver aus der Mühle in die Porzellan-Kanne geschüttet hat, kommt das kochende heiße Wasser darüber. Der als sehr anregend empfundene, betörende Duft wird noch stärker. Damit der Kaffee länger warm bleibt, stülpt Oma einen Kannenwärmer (eine Art Mütze mit wärmeisolierenden Eigenschaften) über die Kaffeekanne. Nun kann endlich am gedeckten Tisch gefrühstückt werden.

© Wilhelm Borgs | Kaffeemühle

Die meisten verheirateten Frauen waren damals „nur“ im Haushalt tätig. Das war ein Fulltimejob. Das bedeutete von morgens bis abends arbeiten, Essen kochen, waschen, bügeln, putzen, staubsaugen, die Kinder betreuen und vieles mehr. Ich habe meine Oma und Mutter immer bewundert, wie sie das alles bewältigten.

Diese Zeilen richten sich vorwiegend an die jüngere Generation; sie sollen am Beispiel Morgentoilette und Frühstück veranschaulichen, wie aufwendig das Leben war.

  1. siehe Rheinische Post vom 26.April 2023
  1. Rheinische Post Mediengruppe (Hrsg.), Rheinische Post. Düsseldorf, vom 26.04.2023

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