WILHELM BORGS erzählt aus der guten alten Zeit.
Kleidungskauf heute
Wer heutzutage neue Kleidung kaufen möchte, geht in ein Geschäft oder Kaufhaus, sucht aus, probiert und bei Gefallen kann man nach dem Bezahlen das ausgesuchte Teil mit nach Hause nehmen.
Noch leichter und bequemer geht es heute. Zu Hause über Smartphone oder PC eine entsprechende WEB-Seite aufrufen, den Katalog durchblättern, bestellen und zusenden lassen (so ähnlich wie früher der Versandhandel bekannter Versand-Häuser). Nach dem Empfang anprobieren und eventuell bei Nichtgefallen oder Nichtpassen an den Lieferanten kostenlos (meistens) zurückschicken.
Die Klingel weckte mich aus meinen Gedanken. An der geöffneten Haustür, vor mir sichtbar ein großer Karton mit Beinen. „Ihre Bestellung“, höre ich, „bitte hier unterschreiben“. Nach meiner Bestätigung auf dem hingehaltenen Smartphone drückt mir der Lieferant das Paket in die Hände. Erwartungsvoll öffne ich dieses und probiere, ob das gewünschte Kleidungsstück passt und ob es mir insgesamt gefällt.
Kleidungskauf in den 1950er Jahren
In den 1950er Jahren war es nicht so einfach und bequem, eben anders. Vater brauchte einen neuen Anzug. Schneider Baatz, ein Kamerad aus Kriegszeiten, wohnte und arbeitete in seiner Schneiderei in Matzerath. Sonntagsmorgens, es gab noch die 6-Tage Arbeitswoche, durfte ich auf dem kleinen Sattel, auf der Fahrrad-Querstange, Platz nehmen. Die Fahrt ging über die Aachener Straße in Richtung Granterath, an der Tankstelle rechts herum, dann links in den Feldweg1, heute zwischen Landwirtschaftsschule und dem Supermarkt, an dem Weiher (heute im Park) vorbei bis nach Matzerath.
Aussuchen und Maßnehmen
Zeichnung von Wilhelm Borgs
Zunächst wurde nach vorliegenden Modezeitschriften, die die neuesten Modetrends zeigten, abgeklärt, welcher Schnitt es sein sollte, wichtig: Kragen, Revers, Taschen und Hosenbein-Umschlag (war damals noch üblich). Dann legte der Meister einige Stoffballen aus dem Regal meinem Vater vor. Begriffe wie: Gabardine, Loden, Tweed, Glencheck oder Manchester waren Worte, die für mich recht exotisch klangen. Meistens nahm Vater eine Stoffprobe mit nach Hause, an der dann durch Anbrennen (mit einem Streichholz) festgestellt wurde, ob Wolle im Stoff enthalten war. War die Stoffauswahl geklärt, nahm der Schneider Maß und trug die persönlichen Körpermaße, Werte wie Bein- und Ärmel-Länge, in sein Auftragsbuch ein. Zum Schluss wurden noch passende Knöpfe ausgesucht.
Foto: Wilhelm Borgs
Anprobe
Nach einigen Tagen, beim zweiten Besuch, musste Vater die provisorisch gehefteten Kleidungsstücke (die Jacke so ohne Ärmel sah lustig aus) probieren. Stimmte etwas nicht, konnte gegebenenfalls korrigiert werden. Beim dritten Termin probierte der Kunde die fertig genähte Kleidung. Der Meister überzeugte sich, ob alles gut sitzt, die Längen stimmen usw.
Maßschneider und Maßschneiderinnen wie im Beispiel gab es mehrere in der Region, in den Dörfern und in der Erkelenzer Innenstadt für Frauen-, Kinder- und Männer-Bekleidung.
Konfektionierte Bekleidung
Die erste Serienfertigung von Mänteln in Standartgrößen gab es 1836 in Berlin. Der Trend, vorgefertigte Kleidung anzubieten und in größeren Warenhäusern zu verkaufen, setzte sich in zunehmender Maße durch. Auch in Erkelenz gab es 1856 ein Kaufhaus, gegründet vom Kaufmann Weyl. 1900 zog das Kaufhaus mit dem Schwiegersohn Alexander Weinberg und Ehefrau Friederike geb. Weyl in die Kölner Straße 4 um.1937 kaufte Adolf Martini das Kaufhaus von den jüdischen Vorbesitzern. Nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg und Wiederaufbau wurde an dieser Stelle 1950 das Kaufhaus Martini wieder eröffnet. Martini ließ auch gegenüber das von Ernst Weinberg 1928 erbaute und im Krieg zerstörte Geschäftshaus mit Passage und vielen Schaufenstern wieder aufbauen.
Heutzutage hat sich die Anzahl der großen Warenhäuser stark reduziert und weitere Schließungen könnten auf Grund des veränderten Kaufverhaltens leider folgen.
Eine andere Möglichkeit in der Nachkriegszeit an Kleidung zu kommen
Die Bezeichnung Recycling gab es damals noch nicht im deutschen Sprachgebrauch. Eine Art Recycling gab es aber schon. Sparsame Leute ließen aus Armeebeständen, aus alten Uniformen, Kleidung schneidern. Auch Fahnen dienten zur Produktion neuer Kleider. Eine Tante zeigte stolz ihr neues, rotes Sommerkleid.
Kopfbedeckung
Damals gehörte zum „Guten Ton“, zur perfekten Kleidung, auch eine Kopfbedeckung, gemeint sind Hüte. Ähnlich wie die Fertigung von Anzügen, Hosen, Kleidern, Röcken usw. gab es auch Maßanfertigung von Hüten, bei Hutmachern bzw. Hutmacherinnen in Erkelenz. Die Auftragsbearbeitung war etwas einfacher; Model, Farbe und Kopfumfang waren die nötigen Angaben.
Zeichnung: Wilhelm Borgs
Auf der Kölner Straße gab es in den 1950 – 1980er Jahren neben dem genannten Kaufhaus mehrere Damen- und Herrenhutgeschäfte. Dort konnten die Kunden vorgefertigte Hüte in reichlicher Auswahl, natürlich auch Mützen und Kappen kaufen.
Schon vor Jahrzehnten, als es nicht mehr so üblich war, einen Hut zu tragen, wurde das Hut-Sortiment verkleinert. Einige Inhaber erweiterten und boten Herrenkleidung wie Hosen, Jacken und Pullover an. Andere beendeten den Hut-Verkauf und gaben ihr Geschäft ganz auf. Im folgenden Bild ein Beispiel für einen noch existierenden Laden in Erkelenz.
Zeichnung: Wilhelm Borgs





