Vorbemerkung
Im Jahre 1852 hatte sich erstmalig seit dem Mittelalter wieder ein Jude in Erkelenz niedergelassen. Dies wurde dadurch ermöglicht, dass der preußische Staat den Juden durch das Judenemanzipationsgesetz vom 23.06.1847 ermöglichte, die gleichen bürgerlichen Rechte und Pflichten wie alle Bürger des Staates zu erhalten. Dies brachte wirtschaftlich die Möglichkeit, sich überall niederzulassen und Gewerbe zu treiben. Innerhalb eines Jahrzehnts siedelten sich so viele Juden in Erkelenz an, dass ein Bethaus, später eine Synagoge, in Erkelenz eingerichtet werden konnten. Zur Abhaltung eines Gottesdienstes werden zehn jüdische Männer im Alter von über 13 Jahren benötigt (Minjan). Bürgermeister Reinkens erwähnte 1865 in einem Schreiben an den Regierungspräsidenten wegen der Anlage eines jüdischen Friedhofes, dass in Erkelenz 29 Juden und in Matzerath, Venrath und Anhoven 16 Juden wohnten. Bereits 1861 waren die Grundvoraussetzungen zur Errichtung eines Bethauses in Erkelenz erfüllt.[fussnoten]Die Daten stammen aus Rütten, 2008, Seite 26 ff. und Seite 36 ff.[{fussnote]
Bethaus
Im Jahre 1861 erfolgte die Eingabe an den Regierungspräsidenten in Aachen zur Einrichtung eines Betsaales. Nach der Genehmigung des Antrages mieteten die Gemeindemitglieder ein Jahr später einen Raum im Obergeschoss eines Wohnhauses in der Oerather Straße (heute Burgstraße 9) an. Der Raum befand sich über einer Toreinfahrt.1
Der Betsaal wurde in den folgenden 5 Jahren zu klein für die wachsende Gemeinde, so dass sie bereits 1868 ein Haus zur Errichtung einer Synagoge erwarb.
Am 5. Juni 1869 bat die Gemeinde beim Landrat um die Einrichtung einer Synagoge in diesem Haus. Der Landrat stimmte dem zu. So konnten bereits am 23. Juli 1869 die Thorarollen von der Oerather Straße in die neue Synagoge überbracht werden. An dem Festzug beteiligten sich „sämtliche Honoratioren der Stadt und Leiter der staatlichen und militärischen Behörden begleiteten den Festzug. Auch „der Präsident der Pfarrkirche“, wohl der Vorsitzende des Kirchenvorstandes der katholischen Kirche, fehlte nicht.„2 Zur Einrichtung der Synagoge richtete die jüdische Gemeinde zudem ein Fest mit Konzert und Ball aus.
Dieses Gebäude blieb bis zur Zerstörung in der Pogromnacht am 9. November 1938 die Synagoge in Erkelenz. SA- und SS-Männer demolierten den Innenraum vollständig. Die Thora wurde zertrümmert, Kultgefäße flogen auf die Straße. Das Gebäude selbst wurde nicht in Brand gesetzt, wohl aber im Innern völlig zerstört.3 Zwei Torarollen wurden von den Nationalsozialisten zur Kreisleitung gebracht. Nach dem Krieg fand vor dem Landgericht in Mönchengladbach ein Prozess statt und fast alle Beteiligten wurden zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.4
Kurz nach Einmarsch der Amerikaner 1945 wurde Kaplan Schmalen von einem Offizier aufgefordert, sich in einem Haus in der Brückstraße zu melden. Dort wurde dem Priester zwei Torarollen übergeben. Von wem ist nicht überliefert. Schmalen wiederum gab die beiden Torarollen später jüdischen Rückkehrern, nämlich Gustav Herz und dessen Sohn Oskar, die 1947 aus dem Shanghaier Exil zurückkehrten, wie auch dem Rechtsanwalt Adolf Weinberg, der gleichfalls 1947 aus dem belgischen Exil zurückkam. Letzterer ließ sich in Düsseldorf nieder und engagierte sich in der dortigen jüdischen Gemeinde. Die drei Überlebenden übergaben dann dort während des Pessach Gottesdienstes die beiden Torarollen. Die genauen Umstände der Rettung lassen sich heute nicht mehr rekonstruieren.5
Die Düsseldorfer Synagoge besitzt aber immer noch diese zwei Rollen. Eine ist unbeschädigt und kann daher in einem Gottesdienst verwendet werden, die andere wird nur noch als Schaurolle eingesetzt, um Interessierten die Tora zu erklären. Der Kantor der Gemeinde fand bei einer genauen Prüfung in der Rolle ein kleines Lederbändchen mit dem schriftlichen Vermerk „Erkelenz“.6
Seit der Zerstörung 1938 gibt es keine Synagoge oder Bethaus mehr in Erkelenz. An der Stelle, an der die Synagoge stand, erinnern Tafeln an ihre Geschichte.
Gebäude
Das Synagogengebäude war ein Backsteinbau, der sich kaum von den umliegenden Gebäuden unterschied. Man erkannte ihn an zwei rundbogigen Fenstern. Auf dem Satteldach befand sich ein Turmreiter.
Aus der Wiedergutmachungsakte von 1957 lässt sich der Innenraum der Synagoge wie folgt beschreiben. Es existierte keine Frauenempore. Um die geforderte religionsgesetzliche Trennung zwischen Frauen und Männern zu erreichen, also eine architektonische Trennung zu gewähren, verlief stattdessen ein Podest entlang der Wand, worauf die Frauen sich stellten. Im Raum standen Sitze mit Pulten, der Toraschrein hatte einen zusätzlichen Aufbau, eine Bima (Podium) mit Lesepult und Sitzbank war vorhanden. Ein großer Kronleuchter hing an der Decke. Kokosläufer bedeckten den Boden. Ein Ofen stand im Raum.
Auch die Kultgegenstände werden in der Akte aufgeführt. Vorhanden waren vier Torarollen, jeweils Schmuck (Krone, Schild, Zeiger) für drei Torarollen, ein silberner Kidduschbecher, zwei silberne Besonim(Gewürz)büchsen, ein Chanukkaleuchter, eine Ewige Lampe (sie hängt immer in der Nähe des Toraschranks), eine Esther-Rolle (sie wird am Purim-Fest gelesen), ein Schofarhorn, fünf Behänge (Vorhänge, Decken, Mäntel) und neun Toramäntel.7 8
- Heute befindet sich dort ein Sanitätshaus.
- Rütten, 2008, Seite 38
- siehe Rütten, 2008, Seite 40
- siehe Rütten, 2010, S. 175-199
- Pfarrarchiv, Tod und Auferstehung der niederrheinischen Stadt und Gemeinde Erkelenz, Erinnerungen des Erkelenzer Kaplan Schmalen 1940-1946, S. 39. Allgemeine Wochenzeitung, Jüdisches Wochenblatt für die Nord-Rheinprovinz und Westfalen, 12.05.1918.
- Mitteilung von Herbert Rubinstein, Düsseldorf
- Landesarchiv NRW, Wiedergutmachungsakte Synagoge Erkelenz
- Text von Hubert Rütten und Wolfgang Lothmann 2026 für den Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V.
- , Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 22, 2008. Hubert Rütten: Jüdisches Leben im ehemaligen Landkreis Erkelenz
- , zeitpunkt.nrw. zeitpunkt.nrw
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