Sie sind hier: Startseite» Erkelenz» Wegekreuze » Das Hagelkreuz in Erkelenz

Das Hagelkreuz in Erkelenz

Stichworte: Hagelkreuz
1454 bis 2026

Intention des Hagelkreuzes

An der heutigen Tenholter Straße ist in der Hauptkarte der Bürgermeisterei von Erkelenz von 1820 stadtauswärts nicht nur das Schächerhäuschen vermerkt, sondern einige hundert Meter weiter feldwärts findet sich an einer Weggabelung, an der von dem Weg nach Tenholt ein Pfad Richtung Commerden abzweigt, ein weiterer Eintrag: Hagelkreuz.

Karte 1820 Hagelkreuz Erklenez

Die Bezeichnung Hagelkreuz benennt ohne Umschweife die konkrete Intention, die mit der Errichtung eines solchen Kreuzes als religiösem Zeichen verbunden ist. Hier Betende bitten in erster Linie darum, von Gewitterschäden, Wolkenbrüchen und schweren Unwettern mit Hagelschlag verschont zu bleiben. Es ist die Bitte, nicht durch von Hagel zerstörte Ernten in Hungersnot zu geraten. Es ist nicht die Bitte um gute Ernteerträge und um reiche Ernte, sondern es ist die Bitte um eine die Existenz sichernde, ausreichende Ernte.

„Hagel“ gehört zu den biblischen Plagen in der Exodus-Erzählung des Alten Testamens. Die Plagen stellten jede für sich eine große Bedrohung für die Menschen und die Natur dar; sie verwüsteten oder zerstörten Lebensraum.

Antike und Mittelalter litten schon unter klimatischen Veränderungen und Naturkatastrophen. Ab den 1430er Jahren spricht man in Europa von der Kleinen Eiszeit. 1437-1439 war Deutschland von extremen Kälteeinbrüchen im Mai und anhaltenden Niederschlägen betroffen. Über Hagel berichtet auch Mathias Baux an zwei Stellen der Stadtchronik: im Krieg zwischen den Brabantern und den Jülichern (1543) und an Ostern 1683. In dem letztgenannten Jahr soll es so stark gehagelt haben, dass sogar „hasen und feldthoener auffin feldt thodt blieben“1.

Unabhängig vom Jahrhundert ist Hagelschlag eine Menschen und Natur bedrohende Wetterlage. Dass religiös verwurzelte Menschen dafür um Verschonung bitten, ist verständlich. So erscheint ein im offenen Feld aufgerichtetes Kreuz sehr wohl als geeigneter Ort für diese Bittintention.

Beschreibung

Das schlichte Hagelkreuz an der Tenholter Straße ist kein Baudenkmal wie die Hagelkreuze von Holzweiler oder Venrath; es steht allerdings in der gleichen Tradition.

Auf zwei niedrigen Stufen aus Basalt befindet sich ein Betonsockel für das 3,6 m hohe, hellgrau gestrichene Metallkreuz, das aus zwei Eisenbalken mit einer Dornenkrone in der Vierung gefertigt wurde; hergestellt wurde es in der Kunstschlosserei Wilhelm Schroeder.2 Die Inschrift auf dem Sockel lautet: Im Kreuz ist Heil; dazu – weniger auffällig am rechten unteren Sockelrand – die Jahreszahl 1947.

Das Kreuz mit dieser eindrucksvollen Höhe fällt Passanten nicht sofort ins Auge, da es wenige Schritte zurückgesetzt, auf einem kleinen dreieckigen Platz, von Linden flankiert aufgestellt worden ist. Dieser Standort ist in der Deutschen Grundkarte 1959/71 eingetragen. Die heutige Bebauung war zu diesem Zeitpunkt bei weitem noch nicht abgeschlossen. Rechts und links der Tenholter Straße greift der Straßenname „Am Hagelkreuz“ diese Wegmarke auf. Vom Aufstellort des Kreuzes zweigt unmittelbar ein Fußweg als Verbindung zur Gustav-Stresemann-Straße ab.

Geschichte des Kreuzes und seiner Vorgänger

Ein erster Hinweis auf ein Kreuz an dieser Stelle findet sich bei Mathias Baux: „Item anno 1454 wart dat nyhe steinen hagelkrutz voir der stat op dem Aecher weg gemaeckt und opgericht.“3 Wind und Wetter haben offensichtlich über Jahrhunderte diesem Kreuz zugesetzt, so dass es stark beschädigt, wenn nicht sogar ganz verfallen war. Der Erkelenzer Stadtrat befasste sich 1867 und 1869 mit konkreten Erneuerungsplänen.4 Auch sind Zerstörungen von Kreuzen durch napoleonische Truppen überliefert, so sollten Dorfkreuze durch sogenannte  „Freiheitsbäume“ ersetzt werden. Auf genau diese napoleonische Zeit nimmt eine Schilderung über schwere Unwetter im Erkelenzer Kreisblatt vom 14. August 1875 Bezug. Es hat der Darstellung zufolge mehrere schwere Unwetter in dichtem Abstand gegeben, Mitte August wird die Wetterlage als von großer „Wucht“ und „Abnormität wahrgenommen. „Von allen Seiten hören wir von großen Schäden, die von Wolkenbrüchen, Überschwemmungen, Blitz- und Hagelschlag verursacht wurden.[…] Die verderblichen Wirkungen waren im Vergleich zu den Schäden, welche der gestrige Tag mit sich brachte, nur gering und sporadisch. Schon gestern früh gegen ½ 11 Uhr verkündeten hagelschwangere Wolken nichts Gutes.“ Es wird über Sachschäden in umliegenden Orten berichtet, Hagelkörner von 60-90 Gramm wurden gemessen. Für Erkelenz ist die dann folgende Beschreibung des Wetters und der dadurch verursachten Schäden sehr konkret: „Gestern Nachmittag gegen 6 Uhr zog abermals ein unheildrohendes Gewitter, diesmal von Südwest, über unsere Gegend her. Ein grauenerregendes Dunkel hüllte die Landschaft ein. Als der Sturm losbrach, hielt nichts vor ihm Stand. Allenthalben wurden Bäume entwurzelt oder ganz oder teilweise ihrer Krone beraubt. Hier in Erkelenz wurden außerdem mehrere Dächer teilweise fortgerissen und Schornsteine umgeworfen; am Hagelkreuz wurde eine der alten Linden, welche die Zerstörung des vormaligen Steinkreuzes durch Napoleon I. noch gesehen hatten, entwurzelt.“5

 Diese Darstellung belegt ein steinernes Hagelkreuz aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, das offenbar im 19. Jh. instand gesetzt worden ist. Vor Beginn des 1. Weltkriegs nahm der Erkelenzer Verschönerungsverein für das Schächerhäuschen und das Hagelkreuz eine Renovierung in Angriff, die erst nach Kriegsende abgeschlossen werden konnte. Das Erkelenzer Kreisblatt berichtet am 20. April 1918 über diese Arbeit des Vereins auf Spendenbasis und konstatiert, dass „die Anlagen am Hagelkreuz nach ihrer Renovierung einen erbaulichen Eindruck“ machen. Es werden gleich mehrere Wünsche im Zusammenhang mit der Renovierung formuliert, die Bürger mögen den Verein wieder großzügig mit Spenden unterstützen, beide Frömmigkeitsstätten mögen von Vandalismus verschont bleiben und als Gebetsstätten für ein stilles Gebet oder als Station bei Bittprozessionen genutzt werden.

© Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. | Hagelkreuz um 1930
Hagelkreuz um 1930

Im 2. Weltkrieg wurde das Hagelkreuz völlig zerstört.6

Die Neuerrichtung eines Kreuzes an der bekannten Stelle schien nach dem Krieg außer Frage zu stehen. Bei der Datierung gibt es zwei abweichende Jahresnennungen: 1951 und 1958. Sicher ist, dass das jetzige Kreuz ab 1947 als „Friedenskreuz“ auf dem Johannismarkt gestanden hat – ein Mahnmal zwischen Kriegsschutt und Wiederaufbau.

Im Juli 1958 muss das Hagelkreuz am heutigen Platz aufgerichtet gewesen sein, denn auf dem Johannismarkt wird das neue steinerne Friedenskreuz von Peter Haak eingesegnet, das auch an der der Kirche abgewandten Seite in der Vierung eine Dornenkrone zeigt. Die Chronik des Landkreises Erkelenz verweist im Juli 1958 nicht nur auf diese  Kreuzeinweihung, sondern vermerkt für den 12. Juli: „Zwei schwere, von Hagelschlägen begleitete Gewitter richten im Kreis Erkelenz große Schäden an.7

„Friedenskreuz“ und „Hagelkreuz“ sind fester Bestand im Erkelenzer Stadtbild. Die Sorge und die Bitte um Frieden und um die Verschonung von Naturkatastrophen sind offensichtlich generationsübergreifend – zeitlos – existentiell.8


  1. Baux, S. 265/495 ↩︎
  2. Vgl. HK 1972, S. 156 ↩︎
  3. Baux, S. 272/509 ↩︎
  4. Vgl. dazu Lennartz/Görtz, Erkelenzer Straßen, S, 34 ↩︎
  5. EK vom 14.8.1875 ↩︎
  6. HK 1972, S. 156 ↩︎
  7. HK 1959, S. 13 ↩︎
  8. Text: Agnes Borgs für den Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. im Mai 2026 ↩︎
  1. Heimatverein der Erkelenzer Lande e.V. (Hrsg.), Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 3, 1982. Lennartz, J./Görtz, Th., Erkelenzer Straßen
  2. Heimatverein der Erkelenzer Lande e.V. (Hrsg.), Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 17, 1998. Blaesen, Paul: Zeichen am Wege. Dokumentation christlicher Kleindenkmäler
  3. Joseph Brandts (Gründer), Erkelenzer Kreisblatt. Erkelenz, 14.08.1875, 14.04.1918
  4. Hiram Kümper (Hrsg.), Mathias Baux: Chronik der Stadt Erkelenz und des Landes von Geldern. Faksimile - Transkription - Übersetzung, Band 1. Neustadt an der Aisch, ISBN: 978-3-9815182-9-0, 2016
  5. Landkreis Erkelenz und Heimatverein der Erkelenzer Lande, Heimatkalender der Erkelenzer Lande. Erkelenz, 1959 und 1972

Wenn Sie uns Feedback zu diesem Artikel senden möchten, nutzen Sie bitte dieses Kontaktformular:

    * Pflichtfeld

    VIRTUELLES MUSEUM © 2026
    Datenschutz Impressum Kontakt