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Route des Vergessens

sonstiger Name: Geschichte des Projektes
07.05.2006 bis 07.05.2026

Vorbemerkung

In diesem Artikel erinnert Wilfried Merks an den Beschluss des Stadtrates der Stadt Erkelenz am 07. Mai 2006, eine Route des Vergessens zu errichten, und beschreibt die Entwicklung der Route zum Zeitpunkt des 20-jährigen Bestehens im Jahre 2026.

Ratsbeschluss

Am 7. Mai 2006 stellten die beiden Stadtratsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und SPD den Antrag, eine „Route gegen das Vergessen“ in Erkelenz zu etablieren. Dieser Antrag erreichte den damaligen Bürgermeister Peter Jansen am 8. Mai 2006. So eine Route, basierend auf einer Idee der Aachener „Wege gegen das Vergessen“, gab es bis dahin im Kreis Heinsberg noch nicht. Die Erkelenzer Politik votierte im Spätsommer des gleichen Jahres für den Antrag. Die Antragstellenden hatten von Anfang an großen Wert auf die Beteiligung der Zivilgesellschaft gelegt.

Ziel der Route

Die Gräuel der NS-Zeit sollten an markanten und beispielhaften Orten im Stadtbild aufgezeigt werden. Die Opfer und Gegner des NS-Regimes sollten exemplarisch vorgestellt werden. Ziel war und ist es, aufzuzeigen, dass nationalsozialistisches Gedankengut bei uns präsent war und der Kampf dagegen auch hier stattfand. NS-Terror und seine Gegnerschaft kannten keine kommunalen Grenzen.

Entwicklung der Route

Bereits kurz nach der Antragsstellung entwickelten Schülerinnen und Schüler des Cornelius-Burgh-Gymnasiums in Erkelenz eine digitale Route. Bei einem bundesweiten Wettbewerb der Konrad-Adenauer-Stiftung errang die Gruppe den zweiten Platz.

© Konrad-Adenauer-Stiftung | Henning Lüders | KAS-Ehrung 2008
Ehrung der Schülerinnen und Schüler des SBG bei Preisverleihung 2008
Die Schülergruppe (oben) v.l.n.r.: Andreas Koerfer, Nils Backmann (✞), Benjamin Koerfer, Dominik Mercks, Joachim Marchner, Deutsche Bank; (unten) v.l.n.r. Henry Graef, Kathrin Gatzen, Julia Heck, Riccarda Mercks, Lukas Fothen. © Henning Lüder Konrad-Adenauer-Stiftung

Ab Herbst 2006 erarbeiteten rund ein Dutzend Personen auf der Grundlage der Schülerarbeit in einem mehrjährigen Prozess eine Route, die an insgesamt zwölf Standorten gemäß der Antragsstellung Erkenntnisse und Zusammenhänge aufbereiten half. In der Örtlichkeit wurden diese Stationen durch Bronzetafeln markiert, die vertiefenden Informationen wurden in einer Broschüre, inzwischen in der 3. erweiterten Auflage, und in einem Radtourenprospekt publiziert.

An neun Orten in der Kernstadt sowie an je einem Standort in Lövenich, Hetzerath und Lentholt (bei Schwanenberg) werden das jüdische Leben, der politische Widerstand und das Erstarken der NSDAP – teilweise an Hand von persönlichen Schicksale – beschrieben. Diese Arbeit wurde vom Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. von Anfang an und bis heute maßgeblich und federführend begleitet und koordiniert. Der Beschluss zur Entwicklung und Einrichtung wurde im Erkelenzer Hauptausschuss am 13.09.2006 gefasst. Im November des gleichen Jahres trafen sich rund zwei Dutzend Interessierte in der Erkelenzer Leonhardskapelle zur ersten Besprechung. In dieser und den folgenden Sitzungen wurde das Thema in drei Bereiche gegliedert:

  • Teil 1 (Stationen 1 bis 5): Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus
  • Teil 2 (Stationen 6 bis 10): „Gleichschaltung der Gesellschaft“ und Mitläufertum
  • Teil 3 (Stationen 11 und 12): Widerstand.
© Wolfgang Lothmann | Tafel Haus Spiess
Tafel an Haus Spiess

Während einige Routenstandorte an den damaligen „Originalschauplätzen“ wie den beiden jüdischen Friedhöfen an der Neusser Straße und in Lentholt etabliert wurden, mussten an einigen Stellen symbolhafte Plätze zur Erinnerungsarbeit herangezogen werden. So steht Haus Spiess am Franziskanerplatz, heute Ort für Beratungen einiger Stadtratsfraktionen, für die damalige politische Entwicklung der NSDAP im Erkelenzer Land. Die Region war bis 1933 keine Hochburg für die Nazi-Partei.

Am 9. November 2008 war es dann so weit, der erste Routenpunkt wurde öffentlich präsentiert. Am Alten Rathaus, in der NS-Zeit ein Polizeigefängnis, wird mit Routenpunkt 12 an den Widerstand erinnert.

Bei der Erstellung der Route spielten nicht nur die „sichtbaren Ergebnisse“, also die Bronzetafeln an den Routenpunkten bzw. das begleitende Informationsmaterial eine wichtige Rolle. Zu jedem Punkt wurde jeweils eine Implementierungsveranstaltung durchgeführt. Weil sich die Implementierungen über einige Jahre zogen, wurde durch die begleitende Öffentlichkeitsarbeit regelmäßig über die Route, ihre Hintergründe und aktuellen Ziele sowie die jeweiligen Themen informiert.

Auch nach der „Fertigstellung“ der Route hat der Heimatverein der Erkelenzer Lande e.V. mit Rückbesinnungen, kleineren Jubiläen und vor allem Bezügen zu internationalen und nationalen Gedenktagen kontinuierlich auf die Route hingewiesen.

Weiterentwicklung

Die Route ist nicht statisch. Allen an der Erarbeitung der Route Beteiligten war von Anfang an klar, dass die Route keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Die Routenpunkte stellen Ankerpunkte dar. Über diese Punkte wurde und wird ständig weiter geforscht. Diese Ergebnisse, Ereignisse und auch persönliche Erlebnisse finden in den Dokumentationen und Präsentationen bei den Stadtrundgängen oder den Radtouren ihren Niederschlag.

© Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. | Emonds-aus-Portal-Rheinische-Geschichte
Josef Emonds

So konnte das Kapitel 11 der Route, die kritische Kirche, einige Jahre nach der Eröffnung um eine ungewohnte Ehrung erweitert werden. Der 1898 in Terheeg geborene spätere katholische Geistliche Joseph Emonds wurde wegen seines Einsatzes für Jüdinnen und Juden 2013 zu einem „Gerechten unter den Völkern“ in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ernannt.

© Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. | Gräber sowjetischer Zwangarbeiter
Gräber sowjetischer Zwangsarbeiter auf dem Alten Friedhof

Auch heute sind noch zahlreiche Themen zu bearbeiten. So wurde zur „Zwangsarbeit“, Routenpunkt 1, Standort Alter Friedhof Brückstraße weil dort in der Nähe der Friedhofsmauer Richtung Lambertusweg ein Grabstein an Zwangsarbeiter*innen erinnert, schwerpunktmäßig die Rolle der hiesigen Landwirtschaft untersucht. Wichtig in diesem Kapitel ist, dass es damals Menschen gab, die versuchten, den Opfern das Leben zu erleichtern. Der Bereich Zwangsarbeit im industriellen Bereich ist für den Raum Erkelenz kaum dokumentiert.

© Hans-Peter Jans | HPJ Immerath 07.2015 (35)
Haus Nazareth Immerath

Bei der sog. Euthanasie, dem systematischen Massenmord an kranken, behinderten oder als „lebensunwert“ stigmatisierten Menschen, fehlen lokale Auseinandersetzungen. Bei Wikipedia findet man zu Haus Nazareth im abgebaggerten Immerath folgenden Eintrag: „Auch die Patientinnen von Haus Nazareth waren der nationalsozialistischen Ideologie zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ ausgesetzt. In den Jahren 1941 bis 1944 fielen 125 von ihnen der geheim gehaltenen und später als Aktion T4 bekanntgewordenen Mordwelle zum Opfer. Der Öffentlichkeit wurde vorgetäuscht, dass die Patienten verlegt würden, weil man kriegsbedingt Krankenhäuser benötigte.“1 2

  1. Wikipedia, Wikipedia Deutsch. https://de.m.wikipedia.org/, /wiki/Immerath_(Erkelenz)
  2. Heimatverein der Erkelenzer Lande e.V. (Hrsg.), Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 33, 2022. Alter Friedhof Brückstraße; Band 30, 2019

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