Seit dem 16. Jahrhundert hatten alle Erkelenzer Bürgermeister ihren Amtssitz im Alten Rathaus am Markt. Der letzte dort amtierende Bürgermeister war Bernhard Hahn. Er verließ 1907 das Alte Rathaus als Amtssitz.
Mit dem Beginn der industriellen Neuzeit, die die Stadt Erkelenz um die Jahrhundertwende erreichte, wuchsen auch die Aufgaben der kommunalen Verwaltung. Das Alte Rathaus wurde zu klein und war außerdem in einem schlechten Zustand. Das Ausweichen in einige Räume des ehemaligen Franziskanerklosters brachte aber keine entscheidende Verbesserung.
Entsprechend der schlechten wirtschaftlichen Lage der Stadt verfiel das Alte Rathaus zusehends. Erst 1926, zum 600jährigen Stadtjubiläum, wurde das Alte Rathaus saniert und renoviert.
Ein Notgeldschein aus dem Jahre 1921 zeigt die Situation.
Planung eines neuen Rathauses
Durch die Anbindung an das Eisenbahnnetz und die Ansiedlung von Industriebetrieben (etwa Anton Raky mit der Internationalen Bohrgesellschaft) stieg der Wohlstand in Erkelenz in einem ungeahnten Maße. Die Bürger der Stadt suchten nach einem repräsentativen Ausdruck dieser Situation und wollten so um 1910 das Alte Rathaus abreißen lassen und es nach den Plänen des Erzdiözesanbaumeisters Heinrich Renard mitten auf dem Markt und etwas erhöht in einstiger Form und mit einem großen Anbau neu entstehen lassen. Das Projekt scheiterte an den Kosten und dem Ausbruch des 1. Weltkrieges.
So betrieb dann Bürgermeister Johannes Spitzlei (seit 1. 6. 1916 Bürgermeister) den Erwerb eines geeigneten Hauses, in dem alle städtischen Dienststellen zusammengefasst werden konnten. Dieses Ziel wurde erreicht, als das sogenannte Claessensche Haus am 15. 2. 1918 bei einer öffentlichen Versteigerung von der Stadtgemeinde erworben wurde. Dieses Haus spiegelt Erkelenzer Geschichte wieder.
Belegt ist, dass Franz Josef Dreling 1821 der Besitzer des Hauses mit Nebengebäuden war. Man darf vermuten, dass er es kurz nach 1800 baute. Das Haus war eines der ganz wenigen Häuser erster Klasse in Erkelenz und sein Besitzer, der Rentner Franz Josef Dreling (1768-1823) sicher einer der reichsten Männer der Stadt. Ein Grundstücksverzeichnis, das er am 22. 2. 1823 unterschrieb, zählt 112 Grundstücke als sein Eigentum auf.
Es gibt allerdings nur Indizieen dafür, dass Dreling das Haus um 1800 erbaute. Zunächst wohnte Dreling im Jahre 1800 noch im Haus seines Schwiegervaters an der Maarstraße (heute Aachener Straße). Des Weiteren wurde das Kreuzherren-Kloster Hohenbusch 1802 aufgelöst. In den Neubau des Hauses am Johannismarkt wurden u. a. ein Kamin und mehrere Türen des Klosters eingebaut.
Die Drelings waren eine alte Erkelenzer Patrizierfamilie. Der Vater von Franz Josef Dreling, Paul Winand Dreling, war 1777/78 und 1785/86 Bürgermeister in Erkelenz. Franz Josef Dreling heiratete Maria Anna Hasenbach. Diese entstammte selbst einer einflussreichen Erkelenzer Familie. Ihr Vater war 1780/81 und 1788/89 Erkelenzer Bürgermeister und der letzte Drossart (Amtmann) von Erkelenz.
Zwei Töchter aus der Ehe Dreling-Hasenbach heirateten Männer, die in der Erkelenzer Stadtgeschichte eine Rolle spielen. Es waren Luise Dreling (1790—1867), die den ehemaligen französischen Offizier der Leibgarde Ludwig XV Josef Johann Spieß (1767-1836) heiratete (der war Domänenverwalter und der Bauherr des Hauses Spieß am Franziskanerplatz) und Maria Anna Constanta Dreling, die mit Carl Hofstadt verheiratet war. Hofstadt (1795-1861) war von 1827-1851 Bürgermeister in Erkelenz. Hofstadt bewohnte das Haus am Johannismarkt. Wann er es bezog und ob er schon zu Lebzeiten seines Schwiegervaters Dreling hier wohnte, ist nicht bekannt.
Übrigens gehörte zum Drelingschen Besitz im Jahre 1821 auch das alte Brauhaus auf dem Johannismarkt. Im Grundstücksregister wurde die Bezeichnung „Brauhaus“ später gestrichen und durch „Stallungen“ ersetzt. Das Gebäude wurde 1903 abgebrochen.
Zwei Jahre vor seinem Tode hatte Carl Hofstadt am 24. 5. 1859 das große Hausgrundstück an Landrat Gustav Claessen und dessen Ehefrau Elisabeth Prinzen verkauft. Gustav Claessen (1814-1875) war Sohn des Erkelenzer Notars und Justizrats Matthias August Claessen, der in der Maarstraße (heute Aachener Straße) wohnte. Am 29. 8. 1850 wurde er mit der Wahrung der Geschäfte des Landkreises Erkelenz beauftragt und am 17. 7. 1852 zum Landrat ernannt.
Kauf des ehemaligen Hauses Claessen
Während des ersten Weltkrieges beschloss die Erbengemeinschaft Claessen, das Haus zu verkaufen. Um einen angemessenen Preis erzielen zu können, sollte das 19 ar 75 qm große Grundstück mit Haus, Hofraum, Einfahrt, Nebengebäuden und Garten öffentlich versteigert werden. Am 17. 12. 1917 sprach sich die Ratsversammlung für den Erwerb des Hauses aus. Die Versteigerung wurde auf den 15. Februar 1918 festgesetzt. Bürgermeister Spitzlei ersteigerte für die Stadt Erkelenz das Objekt. Der endgültige Verkauf wurde am 19. 12. 1918 vor dem Notar Justizrat Meyer getätigt.
Das Haus war ein repräsentatives Gebäude, das jedoch für die Zwecke der Stadtverwaltung noch um- und ausgebaut werden musste.
Bekannt war, dass Ausstattungsstücke des 1802 aufgelösten Kreuzherren-Klosters Hohenbusch in dem Haus am Johannismarkt eingebaut wurden. Es waren vor allem große kunstvoll geschnitzte Eichentüren und ein Marmorkamin, die im größten Raum des Hauses eingebaut wurden. Dieser Raum wurde später der Sitzungssaal des Bürgermeisteramtes.
Dem neuen Zweck des Hauses entsprechend brauchte man 1918 eine neue Ausstattung. Es war eine unruhige Zeit. Der 1. Weltkrieg ging mit Revolution zu Ende. Die Monarchie zerbrach. Der Arbeiter- und Soldatenrat versuchte auch in Erkelenz Einfluss zu gewinnen. Am 2. Dezember 1918 besetzten belgische Truppen die Stadt.
In dieser Situation stand am 30. Dezember 1918 u. a. die Beschaffung eines Tisches für den Sitzungssaal auf der Tagesordnung der Ratsversammlung. Es lag ein Angebot der Firma Ferrier über 1.700 Mark vor. Es musste darüber schon früher Diskussionen gegeben haben. Der Ratsherr Fell machte deshalb den Vorschlag, den Tisch vom Kollegium zu stiften, „um Angriffen aus der Bevölkerung von Vornherein zu begegnen“. Eine sofort aufgelegte Zeichnung der Ratsversammlung erbrachte 2.700 Mark. Damit konnte der Beschluss gefasst werden, nicht nur den Tisch, sondern auch die Stühle anfertigen zu lassen.
In den 1930iger Jahren musste die reich mit Ornamenten und Figuren geschmückte Decke des Sitzungssaales restauriert werden. Der damalige Bürgermeister Meyer wollte die hohen Kosten sparen und eine glatte Decke einziehen lassen. Dieses Vorhaben wurde jedoch vom Amt für Denkmalpflege verhindert und die Decke in ihrem alten Zustand restauriert.
Die früher als Stallungen und Schuppen genutzten Gebäudeteile wurden ebenerdig für Büros ausgebaut und nahmen dann das Meldeamt, Ordnungsamt und Bauamt auf. Auch die Polizei zog hier ein. Im Obergeschoß blieb der Anbau im alten Zustand als Scheunenraum.
Im ersten Stock des Haupthauses bezog Bürgermeister Spitzlei seine Dienstwohnung. Auch seine Nachfolger Dr. de Werth und Meyer wohnten dort, bis um 1935 die Stadt für den jeweiligen Bürgermeister am Zehnthofweg einen Neubau erstellte (heute Kindergarten). Danach wurden auch die bisherigen Wohnräume für Büros genutzt.
Das ehemalige Haus Inderfurth
Schon vor dem Claessenschen Haus hatte die Stadtgemeinde das Nachbargebäude gekauft, dann aber vermietet. Auch zu diesem Grundstück gehörten umfangreiche Stall- und Scheunenanlagen. 1918 wurde es von der belgischen Besatzung belegt. Die Nebengebäude wurden auf Verlangen der Belgier zum Teil abgerissen, weil sie mehr Platz zur Lagerung ihrer Kohlevorräte beanspruchten. Später benutzte die Stadt den großen Platz auch als städtischen Bauhof.
Über das Alter des Hauses kann nur gesagt werden, dass Maueranker in der weiß getünchten Backsteinfront die Jahreszahl 1525 zeigten. Von besonderer Schönheit war die Tür neben der Toreinfahrt des Claessen’schen Hauses.
Das Inderfurth-Haus hatte die Ausfahrt zur Gasthausstraße. Erst nach dem ersten Weltkrieg bezog das städtische Wohlfahrtsamt das Haus, später war hier die Polizeistation.
Auch dieses Anwesen war Eigentum einer Alt-Erkelenzer Familie. Es waren die Gerkrath. 1821 war Sigismund Gerkrath der Besitzer. Er starb 1827 und war der Sohn Anton August Gerkrath, dessen Bruder Franz Sigismund in der Franzosenzeit 1791/92 hier Bürgermeister war. Wer das Haus nach 1827 bewohnte ist nicht bekannt, es blieb aber im Familienbesitz. Im Jahre 1840 ließ sich hier Sanitätsrat Dr. Carl Josef Hubert Inderfurth als praktischer Arzt nieder. Er hatte am 2. Oktober 1840 Katharina Gerkrath, eine Tochter des Rechtsgelehrten Franz Sylvester Gerkrath, der ein Bruder von Sigismund Gerkrath war, geheiratet. Die Praxis des Dr. Inderfurth blieb bis zu seinem Tode 1870 im Hause. Teile des Hauses, bzw. seiner Nebengebäude waren vermietet. Es ist bekannt, dass z. B. 1853 ein „Postlokal für die königliche Postexpedition“ im Hause des Dr. Inderfurth an gepachtet war. Nach dem Tode von Inderfurth hat die Stadtgemeinde das Haus gekauft und zunächst vermietet.
Zerstörung und Wiederaufbau
Im Schicksalswinter 1944/45 fielen sowohl das Claessensche, als auch das Inderfurth-Haus den Bomben zum Opfer.
Am 20. Oktober 1953 wurde feierlich der Grundstein für das neue Rathaus gelegt. Die Einsegnung hatte Oberpfarrer Wiggers übernommen. Der linke Messdiener ist der Autor dieses Berichtes.
Die beiden Grundstücke wurden nun zu einer Einheit. Der neue Verwaltungsbau entstand nach Plänen des Erkelenzer Architekten Heinz Tillmanns. Am 23. März 1955 wurde er eingeweiht, nachdem die Verwaltung das Haus schon im
Herbst des Vorjahres bezogen hatte.
Das neue Rathaus, etwa 1960
In späteren Jahren, insbesondere nach der Kommunalen Neugliederung 1972 stieg der Platzbedarf für die Verwaltung. Zunächst wurden Gebäude angemietet, dann wurde das Rathaus durch Aufstockung und Anbauten erheblich erweitert. Die letzte Erweiterung waren von 2002 bis 2005, die eingeschossige Aufstockung des Rathaus-Traktes zum Johannismarkt und die zweigeschossige Aufstockung zur Gasthausstraße sowie das neue Stadtarchiv.1
Das Gebäude der Stadtverwaltung wurde Anfang der 1950er-Jahre erbaut und Ende der 1960er erweitert. Anfang der 2000er-Jahre wurden unter anderem Gebäudeteile aufgestockt. Seitdem ist die Verwaltung in Erkelenz personell gewachsen, da die Stadt – wie andere Kommunen auch – zusätzliche Aufgaben übernehmen musste. Das Verwaltungsgebäude befindet sich mittlerweile an seiner Kapazitätsgrenze, zudem entsprechen Büroräume zum Teil nicht mehr den erforderlichen Standards. Deshalb wird die Stadtverwaltung am Johannismarkt in Erkelenz schrittweise modernisiert. Die Arbeiten sollen mehrere Jahre dauern.2 3
- https://rp-online.de/nrw/staedte/erkelenz/erkelenz-rathaus-bietet-zu-wenig-platz-fuer-alle-mitarbeiter_aid-36744327 (Stand: 05.2026) ↩︎
- https://rp-online.de/nrw/staedte/erkelenz/arbeiten-haben-begonnen-erkelenzer-rathaus-wird-modernisiert_aid-148552201 (Stand: 05.2026) ↩︎
- Beitrag von Günther Merkens für den Heimatverein der Erkelenzer Lande, unter Verwendung des Berichtes von Josef Lennartz, Heimatkalender 1981, Seite 56ff. Dort sind auch die jeweiligen Quellen angegeben. ↩︎
- , Heimatkalender des Kreises Heinsberg. Heinsberg, Jahrgang 1981, Seite 56 ff, Josef Lennartz: Das Stadthaus am Johannismarkt in Erkelenz
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