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Ernst de Werth

⁎ 06.07.1894 † 29.09.1075
04.04.1932 27.01.1934 Bürgermeister
sonstiger Name: letzter Bürgermeister vor der NS-Zeit
06.07.1894 bis 29.09.1974
© Stadtarchiv Erkelenz | Ernst de Werth

Vorbemerkung

Dr. Ernst de Werth war gewählter Erkelenzer Bürgermeister für 12 Jahre; seine Amtszeit  endete aber bereits nach einem Jahr. Am 20. Februar 1932 hatte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Nachfolger von Bürgermeister Johannes Spitzlei gewählt. Dr. de Werth wurde am 4. April 1932 vom Aachener Regierungspräsidenten in sein Amt eingeführt. Bei der Stadtratssitzung am 6. Juni 1933 war er jedoch nicht mehr anwesend, sondern er war beurlaubt. Nicht Krankheit oder Militärdienst führten zum raschen Dienstende, sondern Dr. de Werths Beurlaubung wie auch die anschließende Neubesetzung des Bürgermeisterpostens spiegeln in aller Schärfe die Auswirkungen der neuen Machtverhältnisse in Deutschland Anfang des Jahres 1933 auf das politische Leben in der rheinischen Kleinstadt Erkelenz.

Leben

Am 6. Juli 1894 wird Alexander Franz Ernst de Werth als Sohn der Eheleute de Werth in Remscheid geboren, laut Geburtsanzeige „ein prächtiger Knabe“. Nach dem Abitur in Kleve beginnt de Werth in Heidelberg sein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften, das durch den 1. Weltkrieg und seinen  Dienst an der Westfront unterbrochen wird. Nach Kriegsende nimmt er sein Studium in Freiburg wieder auf; dort ist er im Promotionsregister mit Datum 24. Februar 1921 als Dr. rer. pol. Alex Ernst von Werth geführt. Am 19. Mai 1923 heiratet er Maria Elisabeth Christine Henriette Terhaar (1.3.1900 – 4.1.1984). Das Ehepaar de Werth hat vier Kinder. In seiner gut zehnjährigen Berufstätigkeit vor der Wahl zum Bürgermeister der Stadt Erkelenz war de Werth u. a. als Syndikus der landwirtschaftlichen Berufsvertretung im Kreis Rees, im Landratsamt des Landkreises Münster und als Amtsverwalter in St. Mauritz bei Münster tätig. „Dem neuen Bürgermeister der Stadt Erkelenz geht der Ruf eines vorzüglichen Verwaltungsfachmannes und eines durch solche Erfahrungen auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens vorgebildeten Mannes voraus.“1

Dr. de Werth hatte von 1924 bis 1926 der DNVP2 angehört und war seit 1926 Mitglied der Zentrumspartei3. Die Zentrumspartei hatte bei seiner Wahl in Erkelenz die absolute Mehrheit im Stadtrat. Am 20. Februar 1932 wurde er mit 10 Ja-Stimmen und 9 Enthaltungen für 12 Jahre zum Bürgermeister gewählt, also eine bis Frühjahr 1944 projektierte Amtszeit. Anfang April 1932 war de Werth offiziell in sein Amt eingeführt worden, bereits am 6. Juni 1933 war er jedoch beurlaubt und nahm an der Stadtratssitzung nicht mehr teil. Seine Dienstzeit in Erkelenz war beendet. Er  starb am 20. September 1975 in Münster-Wolbeck; dort lebte seine Frau noch bis zu ihrem Tod am 4. Januar 1984.

Stationen der Amtszeit in Erkelenz

Als Bürgermeister Johannes Spitzlei am 31. März 1932 nach 17-jähriger Amtszeit in den Ruhestand ging, stand mit Dr. Ernst de Werth sein Nachfolger seit über einem Monat fest.

Wahl und Amtsantritt

Am 20. Februar 1932 hatte die Stadtverordnetenversammlung de Werth zum neuen Bürgermeister von Erkelenz gewählt. Das Erkelenzer Kreisblatt informiert über die Wahl, das Ergebnis und gibt einen kurzen Einblick in die Berufsstationen. Die kurze, einjährige Amtszeit zeigt punktuell die gravierende politische Umwälzung im Dt. Reich und das Ende der Weimarer Republik.

Bei der Wahl de Werths wurde das Dt. Reich vom 2. Präsidialkabinett Heinrich Brünings (Zentrumspartei) regiert; diese Regierung in der unmittelbaren Abhängigkeit von den Machtbefugnissen des Reichspräsidenten hatte vom 1. Oktober 1931 bis zum 1. Juni 1932 (235 Tage) Bestand. Zentrales politisches Thema war die Arbeitslosigkeit. In der Woche vor der Bürgermeisterwahl in Erkelenz hatte Hindenburg seine Bereitschaft für eine zweite Amtszeit als Reichspräsident erklärt. Im ersten Wahlgang (13.03.1932) verfehlte er die Wiederwahl, erst der zweite Wahlgang am 10. April 1932 brachte den Wahlerfolg. Genau zwischen diesen beiden Wahlgängen liegt die Amtseinführung des neuen Bürgermeisters Dr. de Werth am 4. April 1932.

Agnes Borgs | Erkelenzer Kreisblatt. 1854-1941 80 (6.4.1932).pdf

Die Reden des Aachener Regierungspräsidenten und des Vertreters der Stadtverordnetenversammlung dokumentieren in ungewöhnlich deutlicher Sprache und in mehrfacher Wiederholung

  • die Dr. de Werth als Maßstab vorgehaltene Amtsführung und Leistung seines Vorgängers Johannes Spitzlei („Wir haben an ihm den Maßstab, an dem gemessen wird.“),
  • die schwierige wirtschaftliche Lage des Staates insgesamt und der Stadt Erkelenz („Sie treten in außerordentlich schwerer Zeit ihr schweres Amt an. Schwer ist Ihr Amt, weil die allgemeine wirtschaftliche Depression auf allen Berufsständen lastet […] und weil an Sie als Nachfolger eines vorbildlichen und beliebten Bürgermeisters besonders hohe Anforderungen gestellt werden.“) und
  • der sich in den neun Enthaltungen manifestierte Vorbehalt gegen seine Person („Sie wurden nicht einstimmig gewählt.[…] Ich empfehle nochmals Ihnen Herr Bürgermeister und Ihren Stadtverordneten vertrauensvolle Zusammenarbeit und vertrauensvolle Beziehungen zum Herrn Landrat und zum Kreis.“).

Keine Euphorie, mit der eine neue Aufgabe angegangen werden kann, sondern eher Nüchternheit und ein hoher Erwartungsdruck. Dr. de Werth greift in seiner Replik, in der er eine auf Vertrauen basierende Arbeit verspricht, die Besonderheit der Situation auf: „Meine Herren, ein Programm meiner zukünftigen Tätigkeit wollen Sie nicht von mir fordern. Die Notzeit läßt ein Programm auf weite Sicht nicht zu.“5

Am 7. April stellt sich de Werth in einer „kurzen und schlichten Feier im Sitzungssaal des Rathauses“6 seinen Mitarbeitern vor.

© Stadtarchiv Erkelenz | 1944 Arbeitszimmer Bürgermeister
Arbeitszimmer des Bürgermeisters

Das Wahljahr 1932

Eine der wichtigsten Aufgaben an der Spitze der städtischen Verwaltung wird für Ernst de Werth wohl die Organisation und Durchführung mehrerer Wahlen gewesen sein. Fünf Wahlen standen für das Jahr 1932 an, die alle organisiert und durchgeführt werden mussten. Bei diesen Wahlen zeichnete sich einen zunehmende Zustimmung der NSDAP ab. Bei der Wahl zum Preußischen Landtag erhielt sie in der Rheinprovinz bereits über 28 % der Stimmen.

13. März 1932       1. Wahlgang Reichspräsidentenwahl

10. April 1932       2. Wahlgang Reichspräsidentenwahl (Kandidaten: Hitler, Hindenburg, Thälmann)

24. April 1932       Preuß. Landtagswahlen („Preußenwahl“)

31. Juli 1932         Reichstagswahlen

6. Nov. 1932         Reichstagswahlen

Bei jeder Wahl ein vorgeschalteter und ein wörtlich zu nehmender „Wahlkampf“: Versammlungen, Reden, öffentliche Kundgebungen, Plakatieren, Demonstrieren – oft mit handgreiflichen Auseinandersetzungen.

Alle aufgeführten Wahlen bedeuteten den direkten Urnengang für die Bevölkerung. Allein die Wahlhäufigkeit stellte eine Herausforderung dar. Dennoch lag die Wahlbeteiligung, gemessen an der für heute oft konstatierten „Wahlmüdigkeit“, recht hoch. Bei der „Preußenwahl“ verzeichnete man für die Rheinprovinz und hier speziell für den Wahlkreis Köln-Aachen, zu dem Erkelenz gehörte, 74,3%.7 Mit diesen Wahlen eng verknüpft sind Regierungsrücktritte und Regierungsneubildungen.

23. Mai 1932         Rücktritt der Regierung Braun (SPD) in Preußen

30. Mai 1932         Rücktritt von Kanzler Brüning (Z) und seiner Regierung

17. Nov. 1932       Rücktritt der Regierung v. Papen (parteilos)

Eindeutiger als die rasche Wahlabfolge und die Regierungswechsel verdeutlichen die Wahlergebnisse vom 24. April 1932 die gravierenden Veränderungen innerhalb der politischen Landschaft und die Destabilisierung der Demokratie. Das Wahlergebnis ist gesamtpolitisch wie auch regional markant. In der Rheinprovinz insgesamt erreichte die KPD 15,5%, die SPD 10,2%, das Zentrum 34,4% und die NSDAP 28,4% der Stimmen. Im Wahlkreis Köln-Aachen schnitten diese Parteien folgendermaßen ab:

KPD            13,6%

SPD             11,0%

Z                 42,1%

NSDAP       22,5%

Die mehrheitliche Zustimmung für die Zentrumspartei und der auffallende Zuwachs für die NSDAP (vorher in Köln-Aachen 1,1%) spiegeln zwei Artikel  im Erkelenzer Kreisblatt. Für den 8. Mai 1932 wurde zur Delegiertentagung des Zentrums in den „Schwarzen Adler“ eingeladen. „Angesichts des großen Sieges der Zentrumspartei bei der Preußenwahl und angesichts des völligen Zusammenbruchs der liberalen Parteien sind Aufgaben und Verantwortung des Zentrums ins Ungeheuerliche gewachsen. Das Zentrum ist mehr als je die Achse der deutschen Politik, der Granitblock der Ordnung, der Sammlung, des Maßes, der Sicherheit, der Vernunft.“8 Am 19. Mai wird das Wahlergebnis an gleicher Stelle unter der Überschrift „Gedanken zur Wahl auf dem Lande. Woher das Erstarken des Nationalsozialismus?“ kommentiert.

Erkelenz in den Jahren 1932/1933

Erkelenz zählte in diesen Jahren ca. 7000 Einwohner. Die Stadt verfügte schon zu Beginn des 20. Jhs. über eine gut ausgeprägte Infrastruktur. Erkelenz hatte ein Wasserwerk (seit 1903), das fast alle innerstädtischen Haushalte mit Frischwasser versorgte, ein Abwasserkanalsystem, ein Elektrizitätswerk und eine Badeanstalt. Zudem verfügte die Stadt seit 1852 über einen Anschluss an das Eisenbahnnetz mit eigener Bahnstation. In Erkelenz gab es außerdem eine Reihe größerer Handwerksbetriebe und Fabriken; die Stadt hatte zu Beginn des 20. Jhs. einen deutlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Neben der Volksschule gab es seit 1923 ein Vollgymnasium für Jungen und seit 1905 eine Höhere Mädchenschule, die allerdings nicht bis zum Abitur führte. Dr. de Werth war also Bürgermeister einer in Maßen wohlhabenden Stadt mit einem durchaus stabilen Sozialgefüge. Die Erkelenzer Zeitung berichtet über das aktive Vereinsleben und über Feste und Festveranstaltungen.

In Erkelenz wird Kirmes gefeiert. 1932 ist z. B. der Schlossermeister Wilhelm Schröder Schützenkönig und im Schützenornat in der Zeitung abgebildet, auf Reichsebene wird Brüning entlassen und v. Papen neuer Reichskanzler.

Am 5. April 1933 berichtet die Erkelenzer Zeitung über die feierliche Abiturentlassfeier am Erkelenzer Gymnasium, zum 10. Mal wird das Abiturzeugnis in Erkelenz ausgehändigt. Neben vielen Rednern spricht auch Dr. de Werth als Vorstand des Kuratoriums. In einer „aufmunternden Ansprache“  habe er in „zündenden Worten“ die Abiturienten aufgefordert, „mutig in die Zukunft zu sehen, ganze Männer zu werden und die Lehren zu befolgen und zu festigen, die sie von dem hochgebildeten Lehrerkollegium des Erkelenzer Gymnasiums erhalten hätten, wo sie sorgsam geleitet und vorbereitet worden seien für den ferneren Lebensweg“.9

© Agnes Borgs | 1933 Abiturientia

1933 stehen die Mai- und Erntedankumzüge bereits ganz im Zeichen nationalsozialistischer Formgebung.

EK 28.04.1933 Anzeige Fahnen
Anzeige EK April 1933

Das Erkelenzer Kreisblatt berichtet ausführlich über den Fackelzug zu „Führers Geburtstag“ (20. April) und die Maifeier in Erkelenz. Auf die passende Kleidung hatte sich der Handel zügig eingestellt, Schuhhäuser warben für SA und SS Stiefel (z. B. in Ratheim) und in Erkelenz konnte man sich mit Hakenkreuzfahnen und Wimpeln ausstatten.

An diesen wenigen Details wird die schnelle und intensive Durchdringung des öffentlichen Lebens im Geist des Nationalsozialismus erkennbar.

Amtsende für Dr. de Werth

Das Dienstende als Erkelenzer Bürgermeister ist erneut im Kontext von Wahlen zu sehen. Adolf Hitler ist seit dem 30. Januar 1933 Reichskanzler; am 5. März 1933 sind Reichstagswahlen und eine Woche später am 12. März finden die preußischen Provinzial- und Kommunalwahlen statt.

Der Aachener Anzeiger titelt dazu am 14. März 1933:

Die Eroberung der Rathäuser

Die Bürgermeister von Köln, Frankfurt, Magdeburg, Altona und Kiel durch Göring beurlaubt/Dr. Niesen Kölner Stadtoberhaupt

Wahl Provinziallandtag 12.3.33 Aachener Anzeiger 14.3.33
Grafik zu den Wahlergebnissen aus dem Aachener Anzeiger

Umsetzung der Wahlergebnisse vom März 1933

Diese Wahlen hat Adolf Hitler am Wahltag in einer Rundfunkansprache programmatisch auf die Zukunft hin gewichtet; es sei von den Nationalsozialisten selbst dafür zu sorgen, dass ihre Macht von nun an durch nichts mehr erschüttert werde. „Von nun ab wird der Kampf der Säuberung und der In-Ordnungbringung des Reiches planmäßig und von oben gelenkt sein. Ich befehle Euch daher strengste und blindeste Disziplin.“ Gerade Disziplin und Unterordnung seien Garanten des Erfolgs. „Sollten die Feinde der Nationalen Erhebung irgendeinen Widerstand versuchen, dann wird der Wille der Regierung der nationalen Revolution sie blitzschnell niederringen.“10 Das triumphale Auftreten auf Reichsebene ist durch die Wahlergebnisse im heutigen Heinsberger Kreisgebiet nicht gedeckt, für den Kreistag des Kreises Erkelenz hatte die Wahl am 12.3.33 folgende Sitzverteilung gebracht: Zentrum 12 Sitze, NSDAP 8 Sitze, SPD und KPD je 1 Sitz.11

Völlig klarsichtig und illusionslos wird in der Presse die sich abzeichnende politische Veränderung benannt: „Der Sieg der nationalen Revolution ist vollständig. […] Damit sind auch alle Fragen des kommunalen Lebens in eine völlig veränderte Sicht gerückt. Der Kehraus in den Rathäusern beginnt. Eine Massenablösung von Stadträten, Bürgermeistern und Oberbürgermeistern ist die unvermeidbare Folge.“ Die Nationalsozialisten hätten bereits in den vorangegangenen Tagen „eine rücksichtslose vorwärtsdrängende Aktivität in diese Richtung entfaltet.“ Viele Bürgermeister und leitende Kommunalbeamte seien „entfernt“ worden, räumten „freiwillig das Feld, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Dieser Prozeß wird weitergehen.“12

Zur Realisierung dieser prognostizierten politischen Entwicklung griffen Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen ineinander: Propaganda, systematische Behinderung der demokratischen Institutionen, Aufmärsche und Randale, Verhaftungen, Repressalien gegen Amtsträger; es sind regionale wie überregionale Vorgehensweisen, die durch Erlasse und Reichsgesetze begleitet wurden.

Die erste Stadtverordnetenversammlung in Erkelenz nach den Kommunalwahlen im März 1933 fand auf den Tag genau ein Jahr nach der Amtseinführung von Dr. Ernst de Werth als Bürgermeister statt. Das Erkelenzer Kreisblatt widmet sich dieser Sitzung in  einem ganzseitigen Bericht (EK vom 5.4.1933)), wie folgt überschrieben:

Einmütiger Wille zur tatkräftigen Arbeit

Erste Stadtverordnetensitzung nach dem 12. März

Hitler und Hindenburg Ehrenbürger der Stadt. Treuebekenntnis zum Reich

Der neu gewählte Rat wird vereidigt. Dr. de Werth leitet die Ratssitzung, die in der Aula des Gymnasiums stattfindet, unter dem Anspruch, dass „jeder das Beste hergibt zum Wohl der Gesamtheit. Wir wollen unerbittlich Pflichten von uns fordern, damit das Werk, dem wir auf Gedeih und Verderb verbunden sind, gelingt.“13

© Archiv Heimatverein | Wilhelm Schmitter | Gymnasium Erkelenz an der Suedpromenade

Vor der weiteren Abwicklung der Tagesordnung erklärt der Vorsitzende der Zentrumsfraktion Schley, seine Partei sei bereit, jedem die Hand zu reichen, der ehrlich bestrebt sei, das Wohl der Stadt und damit auch des Vaterlandes zu vertreten. Der NSDAP Stadtverordnete Kurt Horst greift die Erklärung auf, definiert das Wohl der Stadt als Ergebnis konsequenter nationalsozialistischer Politik und stellt den Antrag, Hitler die Ehrenbürgerwürde der Stadt zu verleihen und innerstädtische Straßen nach nationalsozialistischen Größen neu zu benennen. Der Antrag wird um die Ehrenbürgerwürde für Reichspräsident Hindenburg erweitert und mehrheitlich angenommen. Damit hat Bürgermeister de Werth die Aufgabe, dem Reichskanzler und dem Reichspräsidenten die Ehrenbürgerschaft anzutragen. Bereits am 10. April 1933 bedankt sich Reichspräsident Hindenburg, dieser Brief wird im Fenster der Fa. Schmitter am Markt für die Öffentlichkeit ausgehängt. Die Anträge auf Verleihung der Ehrenbürgerwürde entsprachen offenbar der Anweisung von oben, wie gleichlautende Anträge in umliegenden Städten zeigen.

Insgesamt trugen der äußere Rahmen der Versammlung und ihr Verlauf Züge der nationalsozialistischen Propaganda:

Vom Gymnasium wehten die schwarz-weiß-rote Fahne und das Hakenkreuzbanner, mit gleichen Fahnen und zusätzlich mit den Portraits des Reichskanzlers und des Präsidenten war der Tagungsraum dekoriert. Diese Fahnenkombination entsprach der Präsidialanordnung vom 12. März 1933. Nach Sitzungsende wurde das Horst-Wessel-Lied gesungen, anschließend „zog die NSDAP, eine Fahnenabordnung des Stahlhelms und die Freiwillige Feuerwehr mit klingendem Spiel durch die Stadt“.14

Beflaggung, Umzug und Musik sind optische, akustische und personelle Zeichen für den Dominanzanspruch der NSDAP. Es  folgt keine ruhige, konstruktive Ratszusammenarbeit. Drohungen, Unterstellungen, Repressalien, Verhaftungen und Entlassungen dienten nachfolgend der Machtfestigung der NSDAP. Diese Vorgehensweise wurde zudem gesetzlich flankiert.

  • Durch das „Gesetz zur Gleichschaltung der Länder“ vom 31.03.1933 wurden die Ergebnisse der Reichstagswahlen auf die Volksvertretungen der Länder übertragen, also eine diktierte Machtverschiebung zugunsten der NSDAP.
  • Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 war die Gleichschaltungsgrundlage für den öffentlichen Dienst und gesetzliche Absicherung für die Entlassung von Regimekritikern und jüdischen Beamten; damit beginnt eine „Personalsäuberung“ in Behörden und Institutionen.

Auswirkungen für Erkelenz

Beamtenentlassungen und  Verhaftungen gab es nicht nur in Großstädten (Konrad Adenauer war seit dem 13. März 1933 als Kölner OB entlassen), sondern die Maßnahmen greifen auch in aller Konsequenz im hiesigen Raum. Die Bürgermeister von Kirchhoven, Doveren, Dremmen, Wassenberg und Körrenzig waren im März/April 1933 bereits entlassen, beurlaubt oder zum Rücktritt genötigt. Am 14. April wurde der Erkelenzer Landrat Flesch beurlaubt und am 18. April war Bürgermeister Reuber in Beeck in Schutzhaft genommen worden; über die „Räubereien“ des Beecker Bürgermeisters berichtet das Erkelenzer Kreisblatt ausführlich am 4. Mai 1933.

„Am 8. Mai 1933 musste der Bürgermeister der Stadt Erkelenz, Dr. Ernst de Werth, zurücktreten. Vorher war er wegen angedrohter Schutzhaft nach Berlin geflohen, wo ihm das preußische Innenministerium persönlichen Schutz gewährte. Es kam zu einer Untersuchung […]. Bürgermeister de Werth wurde beschuldigt, Unfrieden zwischen SA und politische Leiter geschürt zu haben.“15 Zeitgleich mit Dr. de Werth reichte auch der Direktor der Erkelenzer Sparkasse das Entlassungsgesuch ein.

Nach einjähriger Amtszeit sprach der NSDAP-Kreisleiter Horst als Ratsmitglied in der Stadtratssitzung vom 6. Juni 1933 dem Bürgermeister in Abwesenheit das Misstrauen aus, zu einer Zusammenarbeit mit ihm sei die NSDAP nicht bereit. Als Begründung wurde u. a. angeführt: Der Bürgermeister

  • habe die städtische Festhalle für eine Wahlveranstaltung mit Innenminister Frick (NSDAP) im Oktober 1932 nicht zur Verfügung gestellt,
  • sei im Juni 1932 nicht gegen die aufständischen Kommunisten vorgegangen,
  • habe das Hissen der Hakenkreuzflagge an der Volksschule behindert.16
EK 01.08.33 Pensionierung de Werth

Am 28. Juli 1933 geht es  in der Stadtratssitzung um den Beschluss, Dr. de Werth aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums zu entlassen. Gegen den zu fassenden Beschluss sprechen namentlich die Ratsmitglieder Wilhelm Schley, Heinrich Fell und Friedrich Viehausen, der Antrag wird jedoch mehrheitlich angenommen. Die Tagespresse behandelt die Entscheidung als Randnotiz.

Die Antragsbegründung von Kreisleiter Horst mündete in eine dem Bürgermeister vorgeworfene antiparteiliche Haltung. „Dr. de Werth […] sei der Nationalsozialistischen Partei in seiner Eigenschaft als Bürgermeister von Erkelenz in einer Weise entgegengetreten, die auf eine gehässige Einstellung zu ihr schließen lasse.“17

Am 27. Januar 1934 wird Dr. de Werth, der als vorzüglicher Verwaltungsfachmann und ein auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens vorgebildeter Mann sein Amt angetreten hatte, wegen politischer Unzuverlässigkeit in den Ruhestand versetzt – nicht entlassen. Er ist zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt und bleibt bis 1938 arbeitslos, da die NSDAP jede Tätigkeit behinderte und eine Anstellung verbot. Während des Krieges war er in der Rüstungsinspektion eingesetzt und wurde nach dem Krieg Referent für Wirtschaftverbandsfragen unter Prof. Nölting, dem 1. Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen.

Das NSDAP-Mitglied Heinrich Feemers aus Wildenrath – ein Holzhändler – wird zum kommissarischen Nachfolger im Amt des Bürgermeisters von Erkelenz bestellt.18

  1. Erkelenzer Kreisblatt vom 20. Febr. 1932
  2. Deutschnationale Volkspartei. siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Deutschnationale_Volkspartei (Stand:02.2026)
  3. siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Zentrumspartei (Stand: 02.2026)
  4. Quelle: https://www.wgff-tz.de/details.php?id=325053 (Stand: 02.2026)
  5. Alle Zitate zur Einführung aus EK vom 6. April 1932
  6. Erkelenzer Kreisblatt vom 7. April 1932
  7. Vgl. dazu  https://www.wahlen-in-deutschland.de/wluKoelnAachen.htm (Stand: 02.2026)
  8. Erkelenzer Kreisblatt vom 6. Mai 1932
  9. Erkelenzer Kreisblatt vom 5. April 1933
  10. Zitiert nach Aachener Anzeiger vom 14. März 1933
  11. So bei W. Frenken u.a., Der Nationalsozialismus im Kreis Heinsberg, S. 55
  12. Aachener Anzeiger vom 14. März 1933
  13. Erkelenzer Kreisblatt vom 5. 4. 1933
  14. Ebd.
  15. Frenken u. a., Der Nationalsozialismus im Kreis Heinsberg, S. 56
  16. Vgl. Darstellung bei Kahlau, Hk 1994, S. 159
  17. Zitiert nach Kahlau, Hk 1994, S. 159
  18. Text: Agnes Borgs im Januar 2026 für den Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V.
  1. Joseph Brandts (Gründer), Erkelenzer Kreisblatt. Erkelenz, Ausgaben vom 20. Februar 1932, vom 6. und 7. April 1932, vom 6. Mai 1932, vom 15. April 1933
  2. unbekannter Autor, Aachener Anzeiger. Aachen, Ausgabe vom 14. März 1933
  3. Frenken/Funken/Zumfeld/Gillessen, Der Nationalsozialismus im Kreis Heinberg. Museumsschriften des Kreises Heinsberg 4, Heinsberg, 1983
  4. Kreis Heinsberg (Hrsg.), Heimatkalender des Kreises Heinsberg. Heinsberg, 1994
  5. unbekannter Autor, Internetadresse. https://www.wgff-tz.de/details.php?id=325053 (Stand 02.2026) Totenzettelsammlungen
  6. unbekannter Autor, Internetadresse. https://www.wahlen-in-deutschland.de/wluKoelnAachen.htm (Stand: 01.2026)

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