Der Bericht wurde am 23.07.2026 in der RP veröffentlicht.
Auch dieses Jahrhundert brachte der mittelalterlichen Stadt Erkelenz weitere Veränderungen. Allerdings ist jetzt Mathais Baux nicht mehr direkt unser Chronist, denn er ist vermutlich in den 1570iger Jahren verstorben. Aber die Chronik wurde von anderen, leider unbekannten Personen, fortgeführt, so dass wir auch einiges aus dem 17. Jahrhundert wissen. Günther Merkens vom Heimatverein der Erkelenzer Lande hat sich auf Spurensuche zur Geschichte der Stadt im 17. Jahrhundert begeben.
In diesem Jahrhundert wütete in Mitteleuropa (von 1618 bis 1648) der Dreißigjährige Krieg. Davon war auch das Erkelenzer Land betroffen. Dazu später mehr.
Die Reformation
Wenden wir uns aber zunächst den Auswirkungen der Reformation zu. Während die Reformation im Erkelenzer Umland bereits im 16. Jahrhundert Fuß fasste, war das zunächst in Erkelenz selbst nicht der Fall, auch bedingt durch die Erkelenzer Zugehörigkeit zu den katholischen spanischen Niederlanden. Um die Jahrhundertwende änderte dies sich jedoch. Im Jahre 1599 stellte der Bischof von Roermond fest, dass nunmehr auch die Stadt Erkelenz durch das Umland von der Reformation angesteckt sei. Und so wollte er im Jahre 1600 den Pfarrer von Erkelenz absetzen, weil dieser nach seiner Ansicht der Stelle nicht mehr gewachsen war. Dazu versagte allerdings der Propst des Aachener Marienstiftes seine Zustimmung. Das Marienstift Aachen hatte das Patronatsrecht in Erkelenz. Dies bedeutete u. a., dass das Marienstift das Vorschlagsrecht für die Besetzung der Pfarrstelle in Erkelenz hatte, die Ernennung lag allerdings beim zuständigen Bischof. Der Bischof verzichtete dann auf die Amtsenthebung. Als dann der Pfarrer 1602 starb, gab es erneute Probleme um die Neubesetzung. Propst und Bischof konnten sich nicht zunächst über die Besetzung einigen. Erst im Jahre 1607 erfolgte die Besetzung der Pfarrersstelle in Erkelenz.
Eine Aufzeichnung zum Jahre 1614 nennt dreizehn Reformierte in Erkelenz Doch offensichtlich sind das nur die, die zum neuen Glauben übergetreten sind. Aber es gab sicherlich auch Anhänger der Reformation, die aber öffentlich nicht mit ihrem bisherigen Glauben brechen wollten. Tatsächlich waren Ende des 17. Jahrhunderts keine Reformierten mehr in der Stadt, sei es, dass sie zur katholischen Kirche zurückgekehrt waren, oder sie die Stadt verlassen hatten. Öffentlicher reformierter Gottesdienst hat vom 16. bis 18. Jahrhundert in der Stadt nicht stattgefunden. Allerdings gab es im Erkelenzer Land, insbesondere in Schwanenberg und Lövenich, schon evangelische Gemeinden mit entsprechendem Gottesdienst.
Erste evangelische Kirchengemeinde in Lövenich
Im Jahre 1667 wurde die evangelische Kirchengemeinde Lövenich offiziell anerkannt. Als Predigthaus diente zuerst ein altes Haus am „Nierhoverend“, das aber wegen Baufälligkeit wieder aufgegeben werden musste. Am Ortsrand konnte man aber ein Grundstück erwerben und im Jahre 1680 mit dem Bau einer eigenen Kirche beginnen, in der dann 1684 die ersten Gottesdienste gefeiert wurden. Sie war noch ohne Turm, Glocke, Orgel und Empore. Die Hofkirche wurde entsprechend der reformierten Tradition als „Predigthaus“ gebaut mit Platz für eine Gemeinde, mit einem „Predigtstuhl“ (der späteren Kanzel), einem Abendmahltisch, auf den bei Bedarf eine Taufschale gestellt werden konnte und dem „Armenstock“ an der Tür für Abgaben und Kollekten. Es fehlt bis heute ein Kreuz oder ein anderes Bild.
Berichtet wird auch, dass im Jahre 1611 der Erkelenzer Schöffe Goßen seines Amtes enthoben wurde, weil seine religiöse Einstellung der des Ratskollegiums widersprach.
Bau des Franziskanerklosters
Auch die Gründung des Franziskanerklosters im Jahre 1645 war im Zuge der Gegenreformation eine entsprechende Maßnahme der katholischen Kirche. Im Jahre 1643 regte der Bischof von Roermond – Erkelenz gehörte seit 1560 zum Bistum Roermond – an, in Erkelenz eine Niederlassung der Franziskaner zu gründen. Dadurch sollte die Erkelenzer Bevölkerung, deren Nachbarschaft rundum von Irrlehren angesteckt war, durch Wort und Beispiel so erzogen werden, dass der Glaube bestärkt werde. Bürgermeister und Rat stimmten dem zu und so kamen 1645 einige Franziskaner aus Roermond nach Erkelenz. Sie fanden zunächst im Gasthaus Unterkunft, die Gasthauskirche war auch die Kirche der Franziskaner. Im Jahre 1651 wurde mit dem Bau eines Klosters begonnen, das schon ein Jahr später bezogen werden konnte. Etwas später, nämlich im Jahr 1656, begann der Bau der Klosterkirche, die dann im Jahre 1662 geweiht wurde. Der entsprechende Grund und Boden wurde vom Aachener Marienstift auf dem Gelände des ehemaligen Zehnhofes zur Verfügung gestellt. Das Kloster wurde 1802 säkularisiert, die Kirche wurde eine Nebenkirche von Sankt Lambertus. Im Bombenhagel Anfang 1945 wurden alle Gebäude vollständig zerstört.
Im Jahre 1680 zählte das Kloster elf Patres, vier Laienbrüder und zehn Novizen.
Die Juden im Erkelenzer Land
Werfen wir einen Blick auf eine weitere Religion im Erkelenzer Land, dem Judentum. Im 16. Jahrhundert finden sich keine Spuren jüdischen Lebens im Erkelenzer Land, die Landesherren hatten teilweise sehr restriktiv Judenordnungen erlassen. Die Stadt Erkelenz wie auch ein Teil von Wegberg waren ehemalige geldrische Gebiete und gehörten zu den spanischen Niederlanden Die katholischen Spanier ließen auf ihrem Territorium Erkelenz keine Juden zu. In der reformierten Reichsfreiherrschaft Wickrath, also auch in Schwanenberg, hingegen wurde ihnen erlaubt, sich niederzulassen. Wie andere kleine Landesherren gewährte Wickrath den Juden gegen Zahlung einer Gebühr ein Niederlassungsprivileg.
Wann sich die ersten Juden nach ihrer Vertreibung im Mittelalter wieder im Erkelenzer Land angesiedelt haben, ist nicht überliefert. Dies geschah aber vermutlich im 17. Jahrhundert.
Pfarrkirche Sankt Lambertus
Die Pfarrkirche Sankt Lambertus, erbaut im 15. Jahrhundert hatte ihre wesentliche Ausstattung bereits im 16. Jahrhundert erhalten. Aber auch im 17. Jahrhundert kamen weitere Ausstattungsstücke dazu, wie Figuren und insbesondere silberne Kelche. Erwähnt sei, dass um 1630 durch den Aachener Meister Johann Schade eine neue Orgel in Sankt Lambertus gebaut wurde, die bis etwa 1900 Bestand hatte. Es ist wahrscheinlich, dass Cornelius Burgh (später noch erwähnt), der von 1610 bis 1638 Organist an Sankt Lambertus war, diese Orgel nicht nur mit konzipiert, sondern auch noch gespielt hat.
Im 17. Jahrhundert wurden in Terheeg (1676) und Matzerath (1694) Kapellen gebaut. Die Matzerather Kapelle steht heute noch, die in Terheeg wurde im 2. Weltkrieg zerstört.
Kriegerische Auseinandersetzungen
Ich hatte schon den dreißigjährigen Krieg erwähnt, der allerdings in unsere Gegend keine entscheidende Rolle spielte. Aber andere kriegerische Auseinandersetzungen, insbesondere wenn das Herzogtum Geldern beteiligt war, berührten mehrfach Erkelenz. So nahmen im Spanisch-Niederländischen Krieg, (von 1568 bis 1648) im Jahre 1607 niederländische Truppen die Stadt ein und brandschatzten sie. Eine erneute Belagerung, allerdings ohne Erfolg, erfolgte dann im Jahre 1610 im Jülich-Klevischen Erbfolgekrieg.
Die Eroberung und Plünderung der Stadt im Mai 1674 beschreibt der Chronist ausführlich. Im Französisch-Niederländischen Krieg (von 1672 bis 1678) konnte das Heer des französischen Königs Ludwig XIV. zusammen mit den Truppen des Erzbischofs von Köln erst beim vierten Sturmangriff unter Einsatz von inzwischen erfundenen Kanonen die Stadt am Abend des 9. Mai 1674 einzunehmen, als zwei der vier Tore gefallen waren. An diesem Tag hörte Erkelenz auf, eine Festung zu sein. 400 Tote soll es bei den Angreifern gegeben haben, sechs bei den Verteidigern. Die Eroberer zwangen die Erkelenzer Bürger, vier Breschen in die Stadtmauern (neben dem Bellinghovener Tor, neben dem Maartor, hinter dem Zehnthof und zwischen Burg und Brücktor) zu schlagen und sprengten außerdem das Bellinghovener und das Oerather Tor. Weiterhin stellten die Eroberer eine Schutzgeldforderung von 7000 Reichstalern zur Abwendung von angedrohten Brandstiftungen, zur Sicherung von Kloster und Kirche sowie zum Schutze der Glocken. Weil die geforderte Summe nicht in voller Höhe gezahlt werden konnte, nahmen die Eroberer drei Geiseln, u.a. den Schöffen Gerhard Welters. Am 17. Mai kamen die Geiseln wieder frei. 1926 wurde zum Gedenken an Gerhard Welters eine Straße nach ihm benannt. Trotz der Zahlung des Schutzgeldes kam es noch zu Plünderungen und Brandstiftungen in der Stadt, so berichtet jedenfalls der Chronist.
Später wurde die Stadtbefestigung, insbesondere die Stadttore, notdürftig repariert und für einige Zeit wiederhergestellt, wie schriftliche Zeugnisse aus den Jahren 1695 und 1718 belegen. Dies geschah weniger aus militärischen als vielmehr aus fiskalischen Gründen, denn an den Stadttoren wurde die Akzise, eine direkte Steuer, vereinnahmt, der sich niemand entziehen konnte, solange alle Wege in die Stadt ausschließlich durch die Stadttore führten.
Das 17. Jahrhundert war insgesamt für Erkelenz ein unruhiges Zeitalter. Denn im März 1684 wurde die Stadt erneut von den Franzosen eingenommen und geplündert. Das vor der Stadt liegende Tenholt wurde fast völlig abgebrannt. Wiederum wurden Geiseln genommen, auch wieder Gerhard Welters, der zwischenzeitlich Bürgermeister in Erkelenz war. Sie wurden später freigelassen. Auch im Juni 1695 gab es wieder Plünderungen und Brandstiftungen, insbesondere in Kückhoven. Im Dezember desselben Jahres wurde die Stadt von französischen Truppen besetzt und u.a. wurden die Bellinghovener und Oerather Windmühle sowie in Oerath drei Häuser abgebrannt.
Sonstige Ereignisse
Die Chronik berichtet kurz auch über andere Geschehnisse im 17. Jahrhundert. So z.B. von einem Stadtbrand am 12. November 1686, bei dem 70 Häuser und 34 Scheunen eingeäschert wurden.
Im selben Jahr, so berichtet der unbekannte Chronist, gab es so viele Mäuse, dass ganze Feldstücke abgefressen wurden. Im Dezember 1690 war ein großes Erdbeben, dass fast ein ganzes „Pater Noster“ dauerte. Im September 1692 gab es nochmals ein starkes Erdbeben. In den Jahren 1697, 1698 und 1699 war eine große Dürre, so dass Getreide rar war und teilweise Hungersnot bestand.
Wirtschaftliches Leben in Erkelenz
Auch im 17. Jahrhundert waren der Handel und das Gewerbe wichtig für das wirtschaftliche Lage der Stadt. Gute Absatzmöglichkeiten für Handel und Gewerbe boten weiterhin die Markttage, deren die Stadt eine erhebliche Anzahl besaß. Für das gewerbliche Leben der Stadt waren die städtischen Verbrauchssteuern, die Akzisen, entscheidend; besondere der Kleinhandel war von ihnen erheblich betroffen. Doch war die Stadt anderseits auch bemüht, Handel und Gewerbe zu fördern. Für Brot, Fleisch, Bier und Wein, überhaupt für lebenswichtige Artikel, verordnete die Stadt in wirtschaftlich kritischen Zeiten, Richtpreise. Vor allem überwachte sie die Maße und Gewichte.
Wichtig für das Zusammenleben der Bürger waren auch die Weinstuben bzw. Bierhäuser. Im Mittelalter gab es in Erkelenz fast zehn Weinstuben und noch vielmehr Bierhäuser. Dazu kamen noch etliche Brauereien.
Erkelenz war im Mittelalter landwirtschaftlich geprägt, das Handwerk war nicht so stark vertreten. Deshalb bildeten sich Zünfte oder Bruderschaften auch erst später und nicht sehr viele. Nachgewiesen sind in Erkelenz u.a. die Bruderschaften für Brauer und Wirte, für Leineweber, Krämer, Schneider, Schmiede und Schlosser, für Schumacher und Bäcker. Die Bruderschaften haben in Erkelenz auf die innerpolitische Verwaltung der Stadt keinen nennenswerten Einfluss gehabt. Allerdings leisteten die Bruderschaften in Erkelenz der gesamten Bürgerschaft aber auch wieder gute Dienste bei Bränden und Feuersbrünsten, z.B. durch die Stiftung von Brandeimern, Feuerhaken und -leitern.
Wichtig war für die Stadt auch die Schützenbruderschaft. Ihre Entstehung geht wohl noch in das 15. Jahrhundert zurück. Die Schützenbruderschaft „Unserer Lieben Frau“ wurde 1418 in Erkelenz gegründet. Sie hatten in Erkelenz aber wohl überwiegend geselligen und repräsentativen Charakter, da der eigentliche Sicherheits- und Wachdienst, aus dem Schützenbruderschaften hervorgegangen sind, in Erkelenz anders geregelt war. Bei weltlichen und kirchlichen Anlässen übernahmen die Schützen den Ehrendienst; besonders entfalteten sie ihre Pracht bei der Sakramentsprozession, wo sie in nächster Nähe des Allerheiligsten marschierten.
Persönlichkeiten
Drei Personen sind für das 17. Jahrhundert in Erkelenz besonders zu nennen. Zunächst der schon erwähnte Cornelius Burgh, geboren um 1590 in Köln, gestorben ist er um 1638 in Erkelenz. Er war Jurist (Voersprecher = Anwalt), Organist an Sankt Lambertus und der Gasthauskapelle (von 1610 bis 1638), aber auch Komponist des Frühbarocks und lebte überwiegend in Erkelenz. Dann sei Dominicus de Gentis erwähnt, geboren am 10. März 1696 in Erkelenz als Wilhelm Philipp Gentis, gestorben am 5. Juli 1758 in Antwerpen. Er war von 1749 bis 1758 Bischof von Antwerpen und ist der einzige in Erkelenz geborene Bischof. Zum dritten ist es Petrus Gehlen. Er wurde wahrscheinlich in Matzerath geboren, am 04. Oktober 1662 in Erkelenz getauft und empfing am 22.12.1691 in Köln die Priesterweihe. Er war ab 1692 als Vikar an Sankt Lambertus tätig. Im Jahre 1694 hat er die Kapelle in seinem Heimatort Matzerath gestiftet. Möglich ist, dass er dies auch in der Absicht tat, ein Bollwerk gegen das protestantische Schwanenberg zu errichten, zu dem Matzerath vor der Reformation kirchlich gehörte. Außerdem schuf er mit Teilen seines Nachlasses die „Gehlen’sche Studienstiftung“, die heute noch existiert.
Zusammenfassung
Das 17. Jahrhundert brachte Erkelenz einerseits etliche kriegerische Auseinandersetzungen mit Plünderungen und Zerstörungen, anderseits aber auch weitere Entwicklungen, wie z.B. den Bau des Franziskanerklosters.
Das 18. Jahrhundert brachte dann weitere Umbrüche. Damit befasst sich der nächste Bericht.
Ergänzende Informationen und Fotos zu den einzelnen Punkten sind im Virtuellen Museum Erkelenz.1





