Historischer Hintergrund
Die Geschichte des Herzogtums Geldern als eigenständiger Herrschaftsraum beginnt 1339, als am 13. März Rainald II. auf dem Reichstag zu Frankfurt durch Kaiser Ludwig den Bayer zum Herzog erhoben wurde. Über 200 Jahre konnte sich das Herzogtum als selbstständiges Gebiet behaupten, bis Herzog Wilhelm von Geldern, Kleve, Jülich und Berg es am 7. September 1543 im Venloer Traktat an Kaiser Karl V. abtreten musste. Durch diesen Vertrag endete der 3. geldrische Erbfolgekrieg mit dem Verlust der Selbstständigkeit des Herzogtums Geldern und dem gleichzeitigen Macht- und Territorialgewinn der Habsburgischen Niederlande. Gut 100 Jahre früher war im Jahr 1423 mit dem Tod Rainald IV. bereits das Ende des Hauses Geldern eingetreten.
Für Erkelenz stellt sich der Zeitraum zunächst als Herrschaftsabfolge der geldrischen Herzöge dar; der Chronologie folgend ist die Privilegienzuweisung für die Stadt sowie die Beteiligung der Herzöge an politischen Ereignissen und Konflikten der jeweiligen Regentschaft zu erkennen.
Die stadthistorische Entwicklung von Erkelenz und das machtpolitische Auftreten der Herzöge sind als zwei Seiten einer Medaille zu betrachten.
Genau diese beiden Aspekte führt Mathias Baux in der „Chronik der Stadt Erkelenz und des Landes von Geldern“ zusammen.
Territoriale Ausdehnung infolge siegreicher Schlachten und Feldzüge sind eine Herrschaftssäule; neben der militärisch dominierten Strategie steht aber gleichwertig die geschickte Heiratspolitik und die dynastische Absicherung der Macht. Auch hierzu gewährt die Chronik punktuell interessante Einblicke.
Sophie und Eleonore – Ehefrauen von Rainald II.
Rainald II. setzte mit seinen beiden Ehen das Muster seines Vaters fort, der in erster Ehe mit Irmgard von Limburg verheiratet war und dessen zweite Ehefrau Margarethe von Flandern war. Damit war der Graf von Geldern und Zutphen durch Heirat mit ausgesprochen vornehmen Familien des Westens verbunden. Rainald I. verlor allerdings den Kampf um das schwiegerväterliche Herzogtum Limburg gegen Brabant in der Schlacht bei Worringen 1288.
Sein Sohn Rainald II. verfolgte über Jahre das Ziel, seinen Vater politisch zu entmachten. Eine der Methoden: die wiederholte Gefangennahme seines Vaters über einen Zeitraum von acht Jahren bis zu dessen Tod am 9. Oktober 1326 – es ist das Jahr der Stadtrechtsverleihung an Erkelenz. Rainald II. selbst hat „viii jaer lanck als ein administrator, in wilchen viii jaern hy synen vader gefenklich hielt to Montfort“1 regiert. Rainald war zu diesem Zeitpunkt mit Sophie de Berthout verheiratet. Über sie heiratete er in das Haus Mechelen; seine Frau starb im Mai 1329 im Alter von 26 Jahren. Aus der vierjährigen Ehe stammen Kinder Mechthild und Maria.
Die zweite Ehe ist für die Strategie seiner Karrierepolitik weitaus entscheidender. Er heiratete Eleonore von England, die Tochter des englischen Königs Eduard. Es werden zwei Söhne geboren: Rainald und Eduard. Seine Unterstützung des englischen Königs im Krieg gegen Frankreich war ein „wichtiger Baustein in Rainalds politischem Aufstieg“2 .
Diese drei Marksteine seines Lebens, die Erhebung in den Herzogstand und die beiden Ehen, sind in seinem Wappen zusammengeführt; das Wappen des „ersten fuerst van Gelder und van Zuetven“3.
Auf blauem Grund ist der doppelschwänzige Löwe mit geöffnetem Maul und hoch aufgerichtet, auf den Hinterbeinen stehend, zu sehen; entsprechend der 1339 erfolgten Erhebung in den Herzogstand trägt der Löwe eine Krone. Auf der heraldisch linken Seite (in der Ansicht rechts) des hier quergeteilten Wappens sieht man in der oberen Hälfte drei goldene Pfähle auf rotem Grund und einen mittig platzierten silbernen Wappenschild, der Bezug zu seiner ersten Ehefrau Sophie von Berthout (1303 – 1329), Erbin von Mechelen.
Im unteren Teil beziehen sich die drei übereinander angeordneten Löwen auf rotem Grund auf seine zweite Ehefrau Eleonore von England (18.6.1318 – 22.4.1355). Im Mai 1332 war Eleonore in Nimwegen mit Rainald II. verheiratet worden.
Die dynastisch-funktional erfolgreiche Ehe war jedoch keine glückliche Verbindung. Der Ehemann betrieb um 1338 auf verschiedene Weise die Trennung von Eleonore, nicht zuletzt mit der Behauptung, sie sei an Lepra erkrankt. Offensichtlich stand ihm Eleonore in geschickter Taktik zur eigenen Rehabilitation in nichts nach. Ein nicht in allen Details gesichertes Geschehen wird von Baux ausgeschmückt dargestellt. So soll sie bei einer Versammlung der Ritterschaft in Nimwegen „ob ir blote leyf ein hembden van de allre subtylster syden und […] nam einen mantel dair oever“4 angezogen haben und mit den beiden Söhnen an der Hand vor die Versammlung getreten sein, den Mantel und das Kleid ausgezogen haben, um so durch Augenschein zu beweisen, dass die vorgebrachte Seuchenbehauptung eine Lüge sei und sie wie „alle anderen Frauen […] keinen Fehler von den Gnaden Gottes an [ihrem] Leib“5 habe.
Eleonore überlebte ihren Ehemann um 12 Jahre. Zunächst sicherte sie für ihren minderjährigen ältesten Sohn Rainald die Herrschaft. Rainald heiratete im Juni 1347 Maria von Brabant, die der Überlieferung nach eine stattliche Mitgift von 80000 Schilden6 mit in die Ehe brachte. Die eheliche Verbindung mit Brabant stand allerdings im Widerspruch zu der durch seine Mutter begründeten Verbindung zum englischen Königshaus; so unterstütze Eleonore ab ca. 1350 ihren zweiten Sohn Eduard, der seinen Bruder Rainald in der Schlacht bei Tiel, die den Höhepunkt der innerfamiliären Erbstreitigkeiten darstellte, im Jahr 1361 für 10 Jahre gefangen setzte – auch die Gefangennahme naher Verwandter zur eigenen Machtsicherung folgt einem familiären Beispiel. Einige Jahre der Gefangenschaft verbrachte Rainald III. in Rosendael. Von dieser gut ausgebauten Residenz der geldrischen Herzöge ist heute noch der Turm aus dem Entstehungsjahr erhalten.
Eduard starb 1371 unverheiratet und kinderlos. Rainald III., der Dicke genannt, wurde in seine alte Position als Herzog von Geldern restituiert, starb jedoch bald ohne rechtmäßigen Erben im Dezember 1371.
Mechthild und Maria – Töchter von Rainald II.
Die widerstreitenden Parteiungen der Brüder hatten zu zahlreichen Fehden und kriegerischen Auseinandersetzungen geführt, unter denen auch die Stadt Erkelenz gelitten hat. Genau in diesen Feldzügen sind wichtige Urkunden, Siegel und Privilegien verloren gegangen. So fehlt seit den 1370er Jahren die Urkunde der Stadtrechteverleihung, als bei der Eroberung der Stadt durch den Grafen von der Mark „alle ire carten, privilegien, segel und brieff genommen“7 worden seien.
1371 stellt sich die Situation für die geldrische Stadt Erkelenz in mehrfacher Hinsicht als schwierig dar. Sie steht vor der Last großer Kriegsschäden, zudem fehlen ihr die Dokumente für zuvor übertragene Rechtstitel. Darüber hinaus ist die Herrschaftsnachfolge aufgrund eines fehlenden legitimen Erben strittig. Das Erbe beanspruchen sowohl Mechthild von Geldern wie auch Maria von Jülich und Geldern, Töchter von Rainald II. In diesem Erbstreit stehen sich die alten Parteigruppierungen gegenüber: Mechthild wird von den Heekeren unterstützt, während die Bronkhorster für die Jülicher und Maria Partei nehmen. Maria streitet für ihren älteren, noch minderjährigen Sohn Wilhelm (1363 – 1402) um das Erbe, sein Vater ist bis zur Volljährigkeit sein Vormund. Die Mutter setzt die Erbansprüche durch und ihr Sohn wird als Wilhelm I. von Geldern 1377 kaiserlich belehnt; die Belehnung wird 1379 erneuert und Wilhelm wird als „dominus et princeps terrarum gelre“ anerkannt. Die Situation im Herzogtum bei Ende des Erbstreits fasst Baux nüchtern und klar zusammen, der lange Krieg habe „dat lant wederumb jamerlick verdorven“8. Die Regelung der Herrschaftsnachfolge bringt für die Stadt Erkelenz die offizielle Bestätigung aller verlorenen Privilegien und Rechte, die Stadt solle durch den in den Kriegswirren erlittenen Verlust keinen Nachteil haben.9
Mit Datum vom 22. Dezember 1377 fordert Wilhelm die Stadt Erkelenz auf, seiner Mutter Maria von Geldern als Erbherrin zu huldigen. Damit wird für sie eine Rolle im politischen Herrschaftsgefüge benannt. Wilhelm hatte seiner Mutter die Stadt kurz zuvor als „Leibzucht“ übertragen, Erkelenz stellt also einen Teil der Altersversorgung für Maria von Geldern dar. Nach offenbar erfolgter Huldigung bestätigt sie als Stadtherrin ebenfalls alle bisherigen Rechte und Privilegien. Weitergehend erhält die Stadt die Zusicherung, dass keine zusätzlichen Steuerlasten ohne die Zustimmung der anderen Hauptstädte der Grafschaft erhoben werden. Die Qualität dieser Zusage wird ausdrücklich herausgestellt. Offenbar waren solche Umlagen die Regel und sind ein Beleg für die „Dauerbelastung […] insbesondere der Städte durch die nicht enden wollenden Fehden und kriegerischen Auseinandersetzungen“10. 1402 stirbt Wilhelm I., sein Bruder Rainald wird sein Nachfolger als Herzog von Geldern.
Maria d´Harcourt – Ehefrau von Rainald IV.
Am 5. Mai 1405 heiratete Maria d´Harcourt (1380 – nach 1428) Rainald IV. von Geldern. Sie stammte aus der Normandie, hatte verwandtschaftliche Beziehungen zum französischen Herrscherhaus, lebte zeitweilig als Hofdame am Hof des Herzogs Ludwig von Orléans und schloss 1405 eine arrangierte und politisch funktional motivierte Ehe, durch die die Beziehung zwischen Frankreich und dem Herzogtum Geldern-Jülich gefestigt werden sollte.
Das Wappen der Eheleute zeigt neben den Löwen der Territorien Geldern und Jülich (heraldisch linke Seite) drei goldene Lilien auf blauem Grund; damit wird die Verbindung Marias mütterlicherseits in das französische Königshaus Bourbon aufgegriffen.
Hier wurde eine Zweckehe geschlossen, deren wesentlichste Aufgabe neben der Allianz zwischen Frankreich und Jülich – Geldern darin bestand, durch einen legitimen Erben die Existenz des Herzogtums in der Nachfolgegeneration zu sichern. Diese eheliche Zweckbestimmung unterstützte der Herzog von Orléans, der auch Lehnsherr des Herzogs von Geldern war, durch die Mitgift von 30 000 Goldschilden, die im Fall einer Kinderlosigkeit zurückzuzahlen waren. Rainald IV. hatte mindestens sechs nichteheliche Kinder, seine Ehe blieb kinderlos. Der Tod Rainald IV. am 25. Juni 1423 bedeutete daher das Ende der Dynastie des Hauses Geldern. Rainald „wart begraven to Minichuysen anno 1423 und wart mit in begraven helm und schilt, want hy was der leste hertoch van Gelre und Guilich nae der rechter linien“.11
Die Stadt Erkelenz verdankt Rainald IV. die urkundliche Zusicherung vom 24. September 1422, einen Wochenmarkt am Donnerstag und zwei Jahrmärkte zu Christi Himmelfahrt und zu Fronleichnam abhalten zu dürfen einschließlich des Tages vor und nach dem Fest.
Die Bekanntheit heute verdankt Maria d´Harcourt (seit der Heirat Maria von Geldern) nicht ihrer Ehe mit Rainald, sondern einer herausragenden künsterlich-ästhetischen Arbeit. Ihr Stundenbuch ist eine über 900seitige Handschrift von 1415 – Scriptor ist der Mönch Helmich de Leev – mit noch über 100 erhaltenen Miniaturmalereien, Rankenverzierungen und Randbemalungen mit Blüten und Phantasietieren. Ein Stundenbuch ähnelt einem Brevier. Laien dient diese Sammlung von Gebeten, Psalmen und Hymnen dazu, den Tag in einer festen zeitlichen Einteilung aus dem Glauben zu strukturieren.
Das Stundenbuch der Maria d´Harcourt gilt heute als Hauptwerk der niederländischen Miniaturmalerei des 15. Jahrhunderts.
Diese meisterlich kunstfertigen Miniaturen ihres Stundenbuchs sind seit langem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. In den letzten Jahren ist das Wissen über Maria von Geldern um den politischen Aspekt vertieft worden. Dabei ist ihre Rolle als gesellschaftlich hochrangige, adlige Frau sowie ihr Wirken und Eigenleben an der Seite ihres Mannes herausgestellt worden. „Maria von Geldern lernte die Sprache ihrer neuen Territorien schnell und spielte, wo immer möglich, eine politische Rolle, Sie war gut ausgebildet und selbstbewusst.“ Sie hat offenbar politische Verhandlungen geführt und ihre Position auch demonstriert. So unterzeichnete sie ihre Briefe mit Herzogin von Jülich und Geldern und nicht nur mit Maria.“12
Ob Maria von Geldern Erkelenz besucht hat – unwahrscheinlich. In der hiesigen Gegend war ihr wohl Jülich gut bekannt.
Schlussbemerkung
In den Lebenslinien der geldrischen Herzoginnen des 14. und 15. Jhs. zeigt sich das überschaubare Spektrum der ihnen zugewiesenen Rollen und ihr Aktivitätsraum. Das Leben der Maria von Geldern verdeutlicht genau drei Bestimmungen oder Gestaltungsmöglichkeiten. Vor dem Hintergrund der territorialen Machtbehauptung der Ehemänner ist die erste Bestimmung der Herzoginnen, durch die Geburt legitimer Erben die Dynastie zu sichern; das persönliche Glück bleibt nachrangig. Eigene politische Handlungsoptionen sind begrenzt und nicht selbstverständlich – aber offenbar möglich. Handlungsfreiräume ergeben sich nachweislich im Umfeld der Klöster als Wissenschafts- und Kunstzentren oder in der Förderung kirchlicher Einrichtungen.
Erkelenz war für die Herzoginnen nie Wohnsitz. Rainald II. soll sich mit seinem Hofstaat zwischen 1342 und 1343 mehrmals in Erkelenz aufgehalten haben. Zum Hofstaat gehörte auch die Ehefrau – zu diesem Zeitpunkt Eleonore. Hauptzweck des Aufenthaltes waren verschiedenen Verwaltungstätigkeiten.13 Die Burganlage in Erkelenz war keine Residenz, sondern eine Landesburg in der Funktion, die landesherrliche Machtposition gegenüber Fremden, Feinden und Angreifern zu demonstrieren und dem Landesherrn bei administrativen Reisen als Wegstation zur Verfügung zu stehen.14
- Baux, Chronik, S. 72
- Kümper, Erläuterungen, S. 55
- Baux, Chronik, S. 34
- Baux, Chronik, S. 77
- Baux, Chronik, S. 78
- So bei Kümper, Erläuterungen, S. 57
- Baux, Chronik, S. 87
- Baux, Chronik, S. 90
- Vgl. dazu Kastner, Regesten, Nr. 8, S. 27
- Kümper, Erläuterungen, S. 130
- Baux, Chronik, S, 95
- Zu Maria von Geldern zitiert aus: Oosterman, Spuren in der Landschaft, S. 11 und 155
- Vgl. dazu Corsten, Stadtrechte, S. 141
- Text: Agnes Borgs im Juli 2026 für den Heimatverein der Erkelenzer Lande e, V.
- , Die Urkunden des Stadtarchivs Erkelenz Regesten. Pulheim, ISBN: 3-0535-5079, 2001
- , Erkelenz erhält Stadtrechte. Fragen und Probleme. In: Herborn, W./Krings, W., Studien zur Geschichte der Stadt Erkelenz vom Mittelalter bis zur frühen Neuzeit, Seite 37 . 47, Bonn, 1976
- , Schriftenreihe der Stadt Erkelenz. Band 1, 1976
- , Mathias Baux: Chronik der Stadt Erkelenz und des Landes von Geldern. Faksimile - Transkription - Übersetzung, Band 1. Neustadt an der Aisch, ISBN: 978-3-9815182-9-0, 2016
- , Mathias Baux: Chronik der Stadt Erkelenz und des Landes von Geldern. Erläuterungen - Kommentare, Band 2. Neustadt an der Aisch, ISBN: 978-3-9815182-9-0, 2016
- , Maria von Geldern 1380 -1429. Spuren in der Landschaft. Nijmwegen , 2022
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