Der Bericht wurde am 07.08,2026 in der RP veröffentlicht
Preußische Besatzer, verheerende Brände, französische Revolutionstruppen: Das 18. Jahrhundert brachte Erkelenz kaum Ruhe. In diesem Bericht wird auf den großen Umbruch zurückgeblickt. Durch die staatlichen Umwälzungen am Ende des 18. Jahrhunderts bahnte sich auch in Erkelenz eine neue Zeit an. Das 18. Jahrhunderte in seiner alten Form geriet aus den Fugen und das kleine Städtchen stand vor grundlegenden Änderungen.
Die Chronik des Gottfried von Berg
Über die Zeit im 18. Jahrhundert wird nicht allzu viel in der Historie berichtet. Einzig der Lövenicher Gottfried von Berg hat den Zeitraum von 1750 bis 1776 schriftlich festgehalten. Aber nicht nur Ereignisse in Lövenich hat er niedergeschrieben, sondern auch solche in den Nachbarorten, z. B. in Katzem und Erkelenz. Die Chronik beginnt am 15. Januar 1750 mit dem Bericht über eine fast mittelalterlich anmutende Hinrichtung eines Kirchendiebes und endet im Februar 1776 mit einem kurzen Eintrag zur Erkrankung von Hornvieh in Lövenich und den Preisen für Landfrüchte.
Breiten Raum nehmen Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen im Erkelenzer Land ein, z. B. im Jahre 1758 zwischen den Preußen/Hannoveranern und den Franzosen. In vielen Jahren ist auch die Rede von Einquartierungen in Lövenich und den umliegenden Dörfern. Diese zeigen, wie die Bevölkerung unter den Militärlasten gelitten hat. Auch von anderen Dingen berichtet von Berg, z. B. von Hirschjagden, im Dezember 1769 sogar von einer Wolfsjagd. Er beschreibt Missionen, Prozessionen und Kirchenfeste, Schützentätigkeiten und Kirchenbauten. Über Ereignisse in Erkelenz schreibt er ausführlich z.B. über den Einzug des kurpfälzischen Gesandten Geheimrat Robertz am 27. Februar 1753 und der anschließenden Huldigung der Stadt Erkelenz an den Kurfürsten Carl Theodor. Im September 1762 berichtet er über die Feierlichkeiten zum einhundertjährigen Bestehen des Franziskanerklosters in Erkelenz.
Schon seit dem 15. Jahrhundert betrieb die Stadt zwei Windmühlen, die Oerather- und die Bellinghovener Mühle. Um 1740 hörte die Stadt auf, die Mühlen selbst zu betreiben. Sie verpachtete die Mühlen auf zwölf Jahre an den Meistbietenden. Später, in der französischen Zeit im Jahre 1813, wurden die Mühlen von den Franzosen enteignet und verkauft.
Zugehörigkeit zum Herzogtum Jülich
Wie im vorherigen Jahrhundert begann das 18. Jahrhundert wieder mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) wurde Erkelenz 1702 von preußischen Truppen besetzt, die die Stadt erst 1713 wieder räumten. Der Spanische Erbfolgekrieg endete nach über zehn Jahren durch den Frieden von Utrecht im Jahre 1713. In diesem Frieden erhielt Herzog Johann Wilhelm von Jülich und Kurfürst von der Pfalz im Jahre 1714 Erkelenz. Die Stadt, bisher eine geldrische Enklave im Jülicher Land, gehörte fortan zum Herzogtum Jülich und verlor so ihre jahrhundertealte Zugehörigkeit zum Oberquartier Geldern und damit u.a. auch die wirtschaftlichen Beziehungen in die Niederlande. Aber erst einige Jahre später, im Jahre 1719, huldigte die Stadt dem neuen Landesherrn.
All zu lange verblieb Erkelenz aber nicht im Herzogtum Jülich, denn 1727 wurde Erkelenz an den kurpfälzischen Geheimrat Freiherrn Johann Bernhard von Francken verpfändet, der sich auch zeitweise in der Stadt aufhielt. Besonders beliebt aber war der neue Landesherr wohl nicht in der Stadt. Im Jahre 1738 erließ er eine neue Zunftordnung und schränkte die Festlichkeiten ein. Das sorge für allgemeinen Unmut in der Erkelenzer Bevölkerung.
Umbau des Rathauses
Um Raum für die städtische Verwaltung zu schaffen, wurde das 1546 erbaute Rathaus, im Jahre 1756 erheblich umgestaltet, wie eine steinerne Inschrift über dem Eingang noch heute bezeugt So brach man die Zinnen und Ecktürme, deren Auskragungen im Mauerwerk noch heute erkennbar sind, ab und zog das Dach bis an das Gesims vor. Die Kreuzsprossenfenster im Obergeschoss wurden durch einfache Blausteingewände ersetzt und im Erdgeschoss alle Arkaden zugemauert. In den so gewonnenen Räumen richtete man auch eine Polizeiwache und eine Arrestzelle ein.
Es wurde ein Rokoko-Portal hinzugefügt und das Mauerwerk im Geschmack der damaligen Zeit mit weißer Tünche überstrichen.
Erkelenz wird französisch
Ab 1792 waren die französischen Revolutionäre bestrebt, ihre Ideen auch in die Nachbarstaaten von Frankreich zu tragen. Am 20. April 1792 erklärte Frankreich Österreich den Krieg (sog. Erster Koalitionskrieg). Die Revolutionsheere rückten in die österreichischen Niederlande vor. Völlig überraschend verlor das Koalitationsheer (Österreich und Preußen u. a.) die Schlacht von Valmy (heute im Département Marne). Kurze Zeit danach konnten die Franzosen Aachen besetzen. In den Jahren 1792/1793 (u. a. 1. Schlacht bei Aldenhoven) schien der Vormarsch der Franzosen gestoppt, sie wurden zurückgedrängt. Aber im Juni 1794 stießen die Franzosen erneut bis ins linksrheinische Gebiet vor. Nach dem Sieg der Franzosen in der 2. Schlacht bei Aldenhoven am 2. Oktober 1794 besetzten diese dann das Rheinland.
Morgens, am 3. Oktober 1794, überschritt das französische Heer bei Linnich und Coerrenzig die Rur, nachdem bei Coerrenzig eine Pontonbrücke geschaffen worden war („aus sechs kupfernen Schiffen“). Die Österreicher zogen sich in Richtung Köln zurück und versuchten noch einmal erfolglos bei Odenkirchen Widerstand zu leisten. Vor Sonnenuntergang des gleichen Tages rückten französische Truppen durch das Maar Tor in die Stadt Erkelenz ein. An Widerstand war nicht zu denken. Erkelenz hatte bereits seit der Belagerung von 1674 aufgehört, eine wirkliche Festung zu sein. Wohl waren noch die Tore vorhanden, welche von den Wächtern jeden Abend abgeschlossen wurden. Aber die Mauern waren zerfallen, die Stadtgräben versumpft und die Wälle waren bewachsen. Auch hatten die brutalen Requisitionen der Kroaten und Ungarn, die als Teil des Koalitionsheeres u.a. im Erkelenzer Land Station machten, bei der Bevölkerung keine Sympathie gefunden, man sah sie deshalb gerne abziehen. So ergab sich Erkelenz ohne Widerstand den französischen Truppen und Erkelenz erhielt eine ständige französische Besatzung. Wenn man bedenkt, dass zu der eigentlichen Stadt Erkelenz damals nur der Teil innerhalb des Promenadenringes gehörte, so war die Einquartierung außerordentlich hoch und bedrückend. Das Verhältnis zwischen Besatzung und Bevölkerung war deshalb nicht immer reibungslos. Die Besatzungstruppen versorgten sich dadurch, dass sie aus der Erkelenzer Bevölkerung herausholten, was möglich war. Die Franzosen versuchten aber auch, Propaganda für die Revolution zu machen. Dazu gehörte u. a. die Errichtung des Freiheitsbaumes.
Die Zivilgewalt lag zunächst in den Händen von Volksbeauftragten, welche von den Besatzungstruppen kontrolliert wurden. Erkelenz gehörte anfangs zum Kanton Jülich, dann zu Wassenberg und wurde ab Juni 1798 ein selbstständiger Kanton im Arrondissement Crefeld. Später wurden durch den Präfekten ein Bürgermeister und mehrere Beigeordnete ernannt.
Interessant ist, dass die Franzosen sehr um die Instandhaltung der öffentlichen Wege und Straßen bemüht waren. So wurde im Jahre 1795 mit dem Bau der Heerstraße von Aachen über Erkelenz, Gladbach und Crefeld nach Duisburg begonnen, die heute noch existierende B 57.
Im Jahre 1798 wurde der ausschließliche Gebrauch der französischen Sprache bei allen administrativen und richterlichen Handlungen verfügt. Am 01. Mai des gleichen Jahres erfolgte die Einführung des Personenstandsregisters. Die bisher von der Kirche geführten Kirchenbücher mussten an die Mairien (Bürgermeisteramt) abgegeben werden. Die Ideen der Revolution stimmten mit denen der Kirchen nicht überein. So war es nicht verwunderlich, dass es zu Spannungen kam. Die Kluft zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Besatzern wurde noch vergrößert durch die fanatische Religionsfeindschaft der Franzosen. Am 2. Mai 1798 wurden u.a. in Erkelenz alle öffentlichen religiösen Zeichen und Zeremonien außerhalb der kirchlichen Gebäude, also Wallfahrten, Prozessionen und Leichenzüge, untersagt und infolgedessen überall die Kreuze an öffentlichen Wegen und auf den Kirchhöfen entfernt. Auch die Kirche selbst und insbesondere die Klöster litten sehr unter der neuen Herrschaft. Dies wirkte sich aber erst ab 1802 aus und wird in der nächsten Folge beschrieben.
Für eine andere Religionsgesellschaft, dem Judentum, brachten die Franzosen dagegen neue Freiheiten. Ab 1791 in Frankreich und etwas später auch im besetzten Gebiet galt, dass alle Juden vor rechtlicher Willkür, wirtschaftlicher Unsicherheit und gesellschaftlicher Diffamierung geschützt waren. Im Erkelenzer Land wirkte sich dies aber erst im folgenden Jahrhundert aus. Darüber wird ebenfalls in der nächsten Folge berichtet.
Über das Elementarschulwesen im 18. Jahrhundert in Erkelenz ist kaum etwas bekannt. Bekannt ist, dass es seit dem 15. Jahrhundert in Erkelenz (wohl in der heutigen Schülergasse) eine Schule gab, näheres dazu ist nicht bekannt. Im Jahre 1734 wurde auf dem Markt (neben dem Alten Rathaus) ein neues Schulhaus gebaut, das also auch noch während der Franzosenzeit genutzt wurde. Eine allgemeine Schulpflicht kam erst später.
Sonstige Ereignisse in Erkelenz
Was passierte sonst noch im 18. Jahrhundert in Erkelenz? Erwähnenswert sind einige Brände, die großen Schaden anrichteten.
Im Jahre 1712 zerstörte eine Feuersbrunst in der Stadt Erkelenz 70 Häuser und 40 Scheunen und Stallungen. Zu Schäden an Leib und Leben ist nichts Näheres bekannt. Wegen der hohen Schäden erließ der Kurfürst Johann Wilhelm einen vierjährigen Steuernachlass für die vom Brand betroffenen Bürger.
Am 17. April 1777 entflammte ein Strohhaufen in einer Scheune in der Nähe des Schwanenberger Marktes. Das Feuer sprang durch den scharfen Westwind auf die Fachwerkhäuser des Marktes und der damaligen Pferdetränke über. Obwohl die Häuser rund um die Kirche brannten, kam das Kirchengebäude selbst mit leichten Schäden davon. Insgesamt wurden 14 Häuser zerstört, darunter auch das Schulgebäude und das Küsterhaus. Menschen kamen nicht zu Schaden.
Im 18. Jahrhundert traf ein Blitz die damals hölzerne Turmspitze von Sankt Lambertus, die dann abgebrannte.
Persönlichkeiten
Bedeutende Personen für Erkelenz im 18. Jahrhundert waren u.a. der schon erwähnte Gottfried von Berg und der Bildhauer Heinrich Jansen.
Gottfried von Berg wurde Ende Oktober 1712 in Lövenich geboren, gestorben ist er am 06. Oktober 1786 in Lövenich. Er verfasste die Chronik von Lövenich für die Jahre 1750 bis 1776, hat aber auch viele Ereignisse aus den Nachbardörfern festgehalten. Sein Tagebuch stellt eine bedeutsame Geschichtsquelle für das dörfliche Leben des 18. Jahrhunderts im Erkelenzer Land dar.
Heinrich Jansen wurde wohl um 1705 geboren, wo und wann genau, wissen wir nicht. Seine Ausbildung genoss er wahrscheinlich in einem Handwerksbetrieb, vielleicht als Möbelschreiner im Aachen-Lütticher Raum. Er entwickelte eine virtuose Schnitztechnik und arbeitete nur mit Eichenholz. Als „Meister von Erkelenz“ gestaltete er Werke für niederrheinische Kirchen, Bürger- und Bauernhäuser. Zu seinen wichtigen Kunstwerken zählen die Ausstattung der ehemaligen Kreuzherren-Klosterkirche von Brüggen samt Hochaltar sowie der heute verlorene Hochaltar in der Viersener Sankt-Remigius-Pfarrkirche. Jansen starb wahrscheinlich um 1779 in Erkelenz.
Zusammenfassung
Das 18. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Umbrüche. Das Mittelalter endete und mit der Franzosenzeit begann eine neue Zeit. Im 19. Jahrhundert folgte ein weiterer Umbruch. Darüber wird in der nächsten Folge berichtet.
Ergänzende Informationen und Fotos zu den einzelnen Punkten sind im Virtuellen Museum Erkelenz.1








