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Erkelenz im 14. Jahrhundert - Auf den Spuren der Stadtwerdung

Jan. 1326 bis 1399

Dieser Bericht ist am 10.04.2026 in der Rheinischen Post erschienen.

Erkelenz feiert 700 Jahre Stadtrechte – doch eine Urkunde von 1326 gibt es nicht. Die Jahreszahl geht auf eine Chronik aus dem 16. Jahrhundert zurück. Historische Indizien zeigen: Die Stadtwerdung war ein langer Prozess.

In diesem Jahr erinnert Erkelenz an die Verleihung der Stadtrechte vor 700 Jahren, also im Jahre 1326. Aber wie kommt es zu diesem Datum? Nun ja, das hat Mathias Baux in seiner Chronik der Stadt Erkelenz aus dem 16. Jahrhundert festgehalten. Auf Seite 265 schreibt er: „Im Jahre 1326 hat Graf Reinald von Geldern der Stadt und den Bürgern von Erkelenz Stadt- und Bürgerrechts gegeben gegen Propst und Stift Unserer Lieben Frau zu Aachen“

© Archiv Heimatverein | Otto Bußmann | So könnte es gewesen sein, Erkelenzer Notgeld von

So könnte es gewesen sein. Jedenfalls auf einen Notgeldschein von 1921

Baux hat dies aber erst etwa 1550, also 200 Jahre später, niedergeschrieben. Eine Quellengabe fehlt. Auch eine entsprechende Urkunde aus dem Jahre 1326 gibt es nicht oder nicht mehr. Baux schreibt später, dass bei der Eroberung durch den Grafen von der Mark im Jahre 1370 der Stadt alle Privilegien, Handfesten und Urkunden genommen worden. Es fehlt hier die Nennung der Urkunden usw. sowie eine Quellenangabe. Welche Unterlagen sind verloren gegangen? War da auch die Urkunde für die Verleihung der Stadtrechte von 1326 dabei? Wir wissen es nicht! Die Stadtrechte wurden dann ab 1377 durch mehrere Urkunden der Herzöge von Geldern bestätigt.

Heute wissen wir, dass die Stadtwerdung ein Prozess war, der sich durchaus über Jahre oder Jahrzehnte erstrecken konnte. Und einen förmlichen „Verwaltungsakt“, so wie wir es heute kennen, gab es nicht.

Was machte denn im Mittelalter eine Stadt aus? Entscheidend waren z. B. vorhandene Befestigungsanlagen, das Recht, Märkte abzuhalten, zentrale Gebäude wie Kirchen und Rathaus oder die Lage an wichtigen Handelsstraßen. Gab es dies denn dieses schon vor 1326 in Erkelenz? Die Burg in Erkelenz wird erstmalig 1377 urkundlich erwähnt, wann sie entstanden ist, wissen wir nicht. Es kann aber durchaus sein, dass sie bereits im 13. Jahrhundert entstanden ist. Und eine Stadtbefestigung, eine wie auch immer geartete Umwallung -nicht so stark wie im 15. Jahrhundert gebaut-  gab es mit Sicherheit.

In Erkelenz gab es zu dieser Zeit mindestens einen siebentägigen Markt im Herbst am Simon- und Judas-Tag. In einer geldrischen Landesrechnung von 1294/95 wird ein Markt in Erkelenz am Tage der beiden Heiligen erwähnt. Und die wichtige Handelsstraße Köln/Roermond – Brabant/Flandern berührte Erkelenz. Die Erkelenzer Textil- und Ledergewerbe haben offensichtlich nicht nur für den Eigenbedarf produziert. Am Handel mit diesen Produkten sind 1346 bzw. vor 1370 in Erkelenz ansässige jüdische und lombardische Kaufleute beteiligt gewesen. Handelsbeziehungen sind 1344 nach Aachen bzw. 1360 nach Neuss und Köln bezeugt. Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts ist auch eine Beteiligung Erkelenzer Kaufleute am Maashandel nachweisbar.

Auch eine weitere Voraussetzung ist erfüllt, denn schließlich gab es in Erkelenz eine romanische Kirche, im 12./13. Jahrhundert erbaut. Ein Gewand-/Rathaus existierte schon vor 1326 in Erkelenz. So wird in einer Urkunde um 1300 ein domus fori, dictus gewanthus erwähnt, was bedeutet, dass Erkelenz in dieser Zeit schon eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung hatte.

Alles Genannte sind Voraussetzungen, um eine Stadt zu sein. Erkelenz erfüllte sicherlich um 1300 diese Voraussetzungen. Und deshalb gibt es keinen Zweifel, dass Erkelenz zu Beginn des 14. Jahrhundert eine mittelalterliche Stadt war. Wenn Baux das Jahr 1326 als das Datum der Stadtwerdung nennt, dann ist dies das Datum der Stadtwerdung und Erkelenz feiert aus gutem Grund in diesem Jahr das 700jährige Stadtjubiläum.

Interessant ist auch, dass erstmalig im Jahre 1926 ein Stadtjubiläum gefeiert wurde, vorher gab es dies, soweit die Unterlagen dies hergeben, nicht. Und die Feier ist natürlich eng mit dem Ende der alliierten Besatzung nach dem 1. Weltkrieg zum 31. Januar 1926 verbunden, und eine patriotische Feier zur Erinnerung an die Verleihung der Stadtrechte passte genau in die Zeit.

Baux schreibt auch, dass die Verleihung der Privilegien gegen dem Willen des Propstes und des Marienstifts in Aachen erfolgte. Seit 966 gehörte Erkelenz nachweislich zur Grundherrschaft des Marienstifts, die Landesherrschaft dagegen wurde ab dem 13. Jahrhundert durch die Grafen von Geldern ausgeübt.

Beide hatten unterschiedliche Rechte gegenüber den Bürgern von Erkelenz. Mit der Stadterhebung um 1326 änderte sich das Verhältnis von Grundherrn und Landesherrn. Dieser griff mit der Stadterhebung direkt in die Rechte des Marienstifts ein. Die Einwohner von Erkelenz wurden nun zu Erkelenzer Bürgern. Zwar leisteten sie weiter Abgaben und Dienste (den sog. Zehnt) an das Stift, doch hatte sich ihre rechtliche Stellung verändert, z. B. in der Gerichtsbarkeit. Zivil- und Strafsachen lagen nun der Hand der Erkelenzer Schöffen. Erkelenz gehörte jetzt zum Territorium der Grafschaft -später Herzogtum- Geldern und war für Geldern ein wichtiger Verteidigungspunkt gegenüber dem Herzogtum Jülich.

Erkelenz ist natürlich älter als 700 Jahre, das ist nur die Zeit des Besitzes der Stadtrechte. Wie alt Erkelenz wirklich ist, wissen wir nicht. Was wir wissen ist die erste urkundliche Erwähnung im Jahre 966. Darüber hat die RP am Geburtstag, dem 17. Januar, bereits ausführlich berichtet. Einzelheiten siehe hier;

Aber was wissen wir außer der Stadtwerdung noch über Erkelenz im 14. Jahrhundert? Es gibt nur wenige Informationen. So ist z.B. festgehalten, dass im Jahre 1355 aus den Steinen der zerstörten Raubritterburg Grippekoven ein Teil des Brücktores im Rahmen der Stadtbefestigung erbaut wurde.

© Archiv Heimatverein | Stadtsiegel; 14. Jhdt.

Bekannt aus dem 14. Jahrhundert ist auch ein Schöffensiegel, das auf einer Urkunde von 1331 angebracht ist. Das Siegel ist quer geteilt und zeigt oben einen halben geldrischen Löwen, von Steinen begleitet, unten eine Mispelblüte. Seit dem Jahre 1364 erhielt die obere Hälfte einen ganzen aufgerichteten Löwen, ohne Steine.

Bis zum 16. Jahrhundert war die Mispelblüte noch von zwei heraldischen Lilien begleitet, die Anfang des 17. Jahrhunderts wieder weggelassen wurden. Auch war der Löwe nicht mehr aufgerichtet, sondern schreitend.

Die Einwohnerzahl ist nicht bekannt, wohl die Fläche des Stadtgebietes, markiert durch die Stadtbefestigung. Nur innerhalb der Stadtbefestigung gab es eine Bebauung, dabei war die Stadt anfangs nicht dicht bebaut. In der Stadt gab es noch genügend Freiflächen, z.B. an den Häusern waren Gärten und Wiesen und in der Stadt waren Plätze. Das damalige Stadtgebiet können wir auch heute noch gut erkennen, wird es doch durch die Promenaden anstelle der Stadtbefestigung markiert.

Die Wohnhäuser im alten Erkelenz waren meist aus Holz- und Fachwerk, selten nur aus Stein gebaut. Die Häuser waren unregelmäßig an- und ineinander gebaut, ein Umstand, der es möglich machte, dass im Jahre 1540 durch eine Feuersbrunst fast die ganze Stadt abbrannte.

In der Zeit von 1372 bis 1377 wurden auch in Erkelenz Münzen geprägt. Dies war in der Zeit, in der Wilhelm von Jülich als Wilhelm I. Herzog von Geldern war. Bei den Prägungen handelt es sich um sogenannte Helmgroschen. Weitere Münzprägungen aus Erkelenz sind nicht bekannt.

Handelnde Personen für Erkelenz sind im 13. Jahrhundert, mit Ausnahme des Grafen Rainald, nicht bekannt, auch nicht die Namen der Bürgermeister und Schöffen.  Im Jahre 1326 regierte Graf Rainald II. die Grafschaft Geldern. Aufgrund des teilweise recht eigentümlichen Regierungsstils seines Vaters erklärte Rainald II. diesen 1316 für regierungsunfähig und übernahm die Regentschaft. Rainald II. lebte von etwa 1295 bis zum 12. Oktober 1343. Im Jahre 1339 wurde die Grafschaft Geldern zum Herzogtum erhoben.

Rainald II. erließ von 1321 bis 1335 Land- und Deichrechte für die einzelnen Landesteile und fixierte damit das überlieferte Gewohnheitsrecht. Erstmals wurde dadurch ein Ansatz der Rechtssicherheit geschaffen, da die Statuten sowohl für die Regierenden wie die Untertanen gültig waren. Unter Rainald II. kam es wahrscheinlich zu einer ersten Verwaltungsgliederung in der Grafschaft Geldern durch die Bildung der Ämter, was übrigens auch die Erhebung zur Stadt von Erkelenz begründen könnte. Erkelenz wurde nämlich ein solches Amt, welches aber in Personalunion durch das Amt Krickenbeck verwaltet wurde. Generell kann festgestellt werden, dass Graf Rainald II. von Geldern eine in ganz Europa beachtete Persönlichkeit war. An ihn erinnert heute in Erkelenz die Graf-Reinald-Straße, die diesen Namen im Jahre 1926 erhielt.

Im nächsten Bericht schauen wir uns an, was denn in Erkelenz im 15. Jahrhundert passierte.1

  1. Text von Günther Merkens, 2026 für die Rheinische Post vom 10.04.2026
  1. Gaspers/Sels, Geschichte der Stadt Erkelenz . Erkelenz, 1926
  2. Hiram Kümper (Hrsg.), Mathias Baux: Chronik der Stadt Erkelenz und des Landes von Geldern. Faksimile - Transkription - Übersetzung, Band 1. Neustadt an der Aisch, ISBN: 978-3-9815182-9-0, 2016
  3. Hiram Kümper (Hrsg.), Mathias Baux: Chronik der Stadt Erkelenz und des Landes von Geldern. Erläuterungen - Kommentare, Band 2. Neustadt an der Aisch, ISBN: 978-3-9815182-9-0, 2016

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