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Die Preußenzeit in Erkelenz

Die Allgemeine Entwicklung

Als der Wie­ner Kon­gress 1814/1815 das eu­ro­päi­sche Staa­ten­sys­tem neu ord­ne­te, wur­den auch die Gren­zen am Rhein neu ge­zo­gen. Das Kö­nig­reich Bay­ern er­hielt im Süd­wes­ten die Pfalz mit den Städ­ten Zwei­brü­cken, Spey­er und Kai­sers­lau­tern. Dem Gro­ßher­zog­tum Hes­sen wur­de das links­rhei­ni­sche (nun so ge­nann­te) Rhein­hes­sen zu­ge­schla­gen, ein Ter­ri­to­ri­um, das auch die Städ­te Worms und Bin­gen so­wie die Bun­des­fes­tung Mainz ein­schloss. Der Lö­wen­an­teil des Rhein­lands fiel aber an Preu­ßen. Zu­sätz­lich zu sei­nen äl­te­ren Be­sit­zun­gen in Kle­ve, Gel­dern, Mo­ers und den durch die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on un­ter preu­ßi­sche Ho­heit ge­lang­ten ehe­ma­li­gen Reichs­stif­ten Es­sen, El­ten und Wer­den, er­hielt Preu­ßen wei­te­re Ge­bie­te: das rechts­rhei­nisch ge­le­ge­ne Gro­ßher­zog­tum Berg, den Nie­der­rhein mit dem ehe­ma­li­gen Her­zog­tum Jü­lich, dem Kur­fürs­ten­tum Köln und den Reichs­städ­ten Köln und Aa­chen, die klei­ne­ren Herr­schafts­ge­bie­te in der Ei­fel, dem Huns­rück und an der Saar und nicht zu­letzt die Ge­bie­te des ehe­ma­li­gen Kur­fürs­ten­tums Trier an Mit­tel­rhein und Mo­sel mit den Städ­ten Ko­blenz und Trier.

Zu­nächst in die bei­den Pro­vin­zen Nie­der­rhein und Jü­lich-Kle­veBerg un­ter­glie­dert, wur­de die­ser Raum 1822 zu den „Rhein­pro­vin­zen“ ver­ei­nigt, für die sich ab 1830 die Be­zeich­nung „Rhein­pro­vin­z“ durch­setz­te. Be­reits 1818 wur­de die Uni­ver­si­tät Bonn ge­grün­det. Der Sitz der Ver­wal­tung (das Ober­prä­si­di­um) be­fand sich seit 1822 in Ko­blenz, der des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges seit 1824 in Düs­sel­dorf. Köln hin­ge­gen, die grö­ß­te rhei­ni­sche Stadt, gleich­zei­tig aber ei­ne Hoch­burg des Ka­tho­li­zis­mus, blieb nicht zu­letzt we­gen der dort vor­herr­schen­den an­ti­preu­ßi­schen Stim­mung weit­ge­hend un­be­rück­sich­tigt.1

Die Entwicklung in Erkelenz

Übergang zur Preußenzeit

© Archiv Heimatverein | Wolfgang Lothmann | Landkreis Erkelenz 1820

Im Januar 1814 war die Franzosenzeit in Erkelenz zu Ende, die Stadt atmete auf. Im Mai 1814 wurden dann die „französischen Rheinlande“ als Generalgouvernement vom Nieder- und Mittelrhein in preußische Verwaltung übernommen. Als Kantons-Kommissar für Erkelenz verblieb der schon zur Zeit der Franzosenherrschaft angestellte Commissaire Gormanns bis zur Anstellung eines Landrates unter preußicher Herrschaft im Amt. Der Kanton Erkelenz wurde dem Generalgouvernement Aachen — Roerdepartement — zugeteilt. Gleichzeitig wurden als amtliche Bezeichnungen festgesetzt: Regierungsbezirk Aachen und Kreis Erkelenz.

Beginn der Preußenzeit

Am 23. April 1815 fand in Erkelenz aus Anlaß der Beendigung der jahrzehntelangen Franzosenherrschaft und des Beginns der preußischen Herrschaft eine größere Feier statt. Die Huldigung für den neuen Landesfürsten fand in Aachen am 15. Mai 1815 statt, an der außer dem Kantons-Kommissar sämtliche Bürgermeister des Kreises Erkelenz als Deputierte ihrer Gemeinden teilnahmen.
Nach Entlassung des Kantons-Kommissars Gormanns ernannte die Regierung im Jahre 1816 den Landrat von Dewall zum Verwalter des Kreises Erkelenz.

Die Stadtgemeinde Erkelenz und die Landgemeinde Kückhoven bildeten seit Jahrhunderten einen gemeinsamen Verwaltungsbezirk. Zur Franzosenzeit wurden sie als Samtgemeinde von dem Maire, ab 1815 von dem Bürgermeister der Stadt Erkelenz verwaltet. Nach der Entlassung des während der Franzosenzeit amtierenden Maire Gormanns übernahm am 2. Januar 1814 der bisher beigeordnete Bürgermeister Heinrich Terstappen die einstweilige Verwaltung der Stadt und Samtgemeinde. Er wurde am 4. Mai. 1815 vom Bürgermeister N. Erdmann abgelöst.

Die preußische Landwehr

Nachdem die Franzosen das Rheinland verlassen hatten und die Preußen nunmehr Landesherr waren, begannen sie sofort, eine militärische Organisation aufzubauen. Im Jahre 1814 schufen die Preußen neben dem „normalen“ Heer die Landwehr. Diese war eine Bereitschaftstruppe, die nicht kaserniert war und in Friedenszeiten nur zu regelmäßigen Kontrollversammlungen und Übungen einberufen wurde. Zur Verwaltung und Gewährleistung der Bereitschaft der Landwehrtruppen war ein Stamm von Berufssoldaten nötig. Im Jahre 1816 wurde u.a. Erkelenz als Standort für einen Landwehrstamm bestimmt. Die Stärke des Landwehrstammes in Erkelenz wurde 1825 mit 25 Soldaten angegeben. Sie wohnten in Erkelenzer Privathäusern, was nicht unproblematisch war.

© Archiv Heimatverein | Zeughaus-Westpromenade

Zum Landwehrstamm gehörte auch ein Zeughaus zur Unterbringung von Waffen und Material. Dieses wurde 1818 an der Westpromenade gebaut, zum Teil mit Steinen aus der abgebrochenen Stadtmauer. Es stand zwischen dem heutigen Kindergarten und dem Schulhof der Hauptschule. Eine Nutzung des Zeughauses erfolgte aber kaum bzw. garnicht.

© (c) Stadtarchiv Erkelenz | Stadtarchiv Erkelenz | F2_70_23_03-1

Neben dem Zeughaus gab es noch die Gendarmeriekaserne, die als Hilfszeughaus genutzt wurde. Das Grundstück der sogenannten Gendarmeriekaserne gehörte ursprünglich zum Franziskanerkloster und war von Patersgasse, Promenade und Maar (Franziskanerplatz) begrenzt. Die Kaserne war zur Unterbringung der französischen Gendarmerie gebaut worden.

Im Jahre 1830 wurde der Landwehrstamm nach Jülich verlegt und beide Gebäude standen nunmehr leer. Im Zeughaus an der Westpromenade richtete der „Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit“ im Jahre 1840 eine Kleinkinderverwahranstalt ein. 1846 wurde in dem Gebäude die Filiale seiner Spar- und Prämienkasse eingerichtet. Der Kindergarten blieb in diesem Gebäude bis 1907, danach unterschiedliche Nutzungen. Im 2. Weltkrieg wurde das Gebäude zerstört und nicht mehr aufgebaut.

In der Gendarmeriekaserne wurde 1858 eine Mädchenschule (sie hieß zeitweise auch Maarschule) eingerichtet. Dazu wurde der Flügel zur Maar/Patersgasse abgebrochen und der Neubau zweistöckig ausgeführt. Das Haupthaus blieb erhalten. In diesem Schulgebäude blieben die Mädchenklassen bis 1927, dann wurde es Berufsschule, vorübergehend nach dem 2. Weltkrieg auch Gymnasium. 1956/57 wurde die alte Schule abgebrochen und an dieser Stelle die Stadthalle gebaut. 2

Abbau der Befestigungsanlagen

Nach kriegerischen Auseinandersetzungen im 17. Jahrhundert wurden die Stadtbefestigung, insbesondere die Stadttore, notdürftig repariert und nur für einige Zeit wiederhergestellt, wie schriftliche Zeugnisse aus den Jahren 1695 und 1718 belegen. Dies geschah weniger aus militärischen als vielmehr aus fiskalischen Gründen, denn an den Stadttoren wurde die Akzise, eine direkte Steuer, vereinnahmt, der sich niemand entziehen konnte, solange alle Wege in die Stadt ausschließlich durch die Stadttore führten.

Als die Stadt im Jahre 1815 preußisch wurde, waren die Mauern schon an einigen Stellen eingestürzt oder drohten einzustürzen, so dass die Regierung in Aachen die Stadt aufforderte alles Mauerwerk entweder nach historischen Gesichtspunkten wieder instand zu setzen oder abzubrechen. Im Rat der Stadt entschied man sich trotz der Befürchtung, dass mit dem Abbruch der Stadtmauern auch die Stadtrechte verloren gehen könnten, letztendlich aus Kostengründen für den Abbruch. Um ihn zu finanzieren, wurde das Gelände vor der Mauer parzelliert und in den Jahren 1816 bis 1818 auf Abbruch verkauft. Mit dem Abbruchmateral wurden die Gräben zugeschüttet. Anstelle der Stadtmauern entstanden vier Promenadenstraßen.

An der heutigen Wallstraße blieben wenige Meter der Stadtmauer erhalten, weil hier die kleinen Häuschen direkt an die Mauer angebaut waren. Ab dem Jahre 1905 wurden die Häuser abgerissen.

Mit Beginn der preußischen Zeit entwickelte Erkelenz sich vom Bürger- und Bauernstädtchen zunächst zu einer Beamtenstadt, später begann dann die industrielle Entwicklung. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg entstanden einige öffentliche Gebäude, aber auch große Privathäuser. Einige der öffentlichen Bauten werden nachfolgend vorgestellt. Aber auch die Entwicklung der Infastruktur wie Strom- oder Wasserversorgung, Abwasserversorung, Schwimmbad, Schlachthof u.a.m. begann.

Neuordnung der Gerichtsbarkeit

Versucht wurde auch, in der neuen Rheinprovinz das Allgemeine Preußische Landrecht, das im Verhältnis zum Code civil veraltet und reaktionär war, einzuführen, einem Vorhaben, dem die rheinische Bevölkerung einschließlich höchster Justizkreise massiven Widerstand entgegen setzte.
Aufgrund dieses Widerstandes gab die preußische Regierung schließlich ihr Vorhaben auf, so dass der Code civil als so genanntes Rheinisches Recht bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900 in den Rheinlanden fort galt.
In die Gerichtsorganisation des Rheinlandes griffen die Preußen jedoch massiv ein. U.a. wurden die Friedensgerichte neu organisiert. Das Erkelenzer Friedensgericht wurde 1821 neu errichtet und vom Arrondissement Krefeld, auch im Hinblick auf die Zuteilung des Kreises Erkelenz zum Regierungs-
bezirk Aachen, dem Landgerichtsbezirk Aachen zugewiesen. Es erhielt die Bezeichnung „Friedensgericht verbunden mit Polizeigericht in Erkelenz”.

Ab 1876 trat an die Stelle des Friedensgerichtes das Amtsgericht.

© Archiv Heimatverein | unbekannt | Friedensgericht-in-der-Brueckstrasse

Untergebracht wurde das Friedengericht/Amtsgericht in dem Privathaus von Franz Gerkrath in der Brückstraße 12, wo diese Gerichtsstelle bis zum Umzug in die ehemalige Bezirkskommandantur im Jahre 1902 verblieb. 3

Bau der Eisenbahn

© Günther Merkens | Wilhelm Schmitter | Bahnhof Erkelenz

Am 11. November 1852 wurde die von der Bergisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft erbaute Eisenbahnteilstrecke Rheydt-Herzogenrath der Linie Düsseldorf-Aachen eröffnet. Dadurch erhielt Erkelenz einen Eisenbahnanschluss, der für die weitere Entwicklung der Stadt von Vorteil war. Der Bahnhof lag seinerzeit weit vor der Stadt in Richtung Kückhoven.

Der steigende Verkehr zu der Eisenbahnstation zwang die Stadt Erkelenz, in den Jahren 1852 bis 1855 die Straßen Richtung Gerderath-Wassenberg und Erkelenz -Kückhoven-Jackerath chausseemäßig auszubauen. Der Weg vom Bellinghovener Tor bis zur Bahn war bis etwa 1870 unbebaut. Erst danach entstanden die ersten Häuser, etwa 1910 war die Bebauung weitgehenst abgeschlossen.4

Weitere geplante Eisenbahnstrecken wie Erkelenz – Jülich – Düren (1868), Erkelenz – Grevenbroich – Hilden und Erkelenz – Opladen (1870) sowie eine Kleinbahn von Immerath über Erkelenz, Wegberg nach Brüggen bzw. Erkelenz – Matzerath -Wassenberg – Heinsberg (1909) wurden aus verschiedenen Gründen nicht realisiert.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden verschiedene Autobus-Linien zu den vorher genannten Orten geschaffen.

Bau der Post

© Günther Merkens | Wilhelm Schmitter | Post Erkelenz

Bereits im Jahre 1853 wurde in Erkelenz ein Postanstalt errichtet, die lange Jahre in Privathäusern eingemietet war. Seit 1876 ist mit dem Postbetrieb eine Telegraphenbetriebsstätte und nacher eine Fernsprechvermittlungstelle mit öffentlicher Fernsprechstelle verbunden. Die vielen Auflagen, die durch die unterschiedlichen Betriebsstellen bedingt waren, zwangen die Reichspostverwaltung, sich ein festes Gebäude zu verschaffen.

Zu dem Zwecke erbaute im Jahre 1904 die Stadt Erkelenz auf Antrag der Postverwaltung am früheren Bellinghovener Tor ein entsprechend eingerichtetes Mietpostgebäude, welches im Jahre 1920 in den Besitz des Reiches überging.

Bau des Landratsamtes

© Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. | Landratsamt Kreis Erkelenz. etwa 1955
Der gesamte Gebäudekomplex des Landratsamtes, etwa 1955

Im Jahre 1815 wurde der Landkreis Erkelenz geschaffen. Ein festes Landratsamt gab es nicht, es war an die Wohnung des jeweiligen Landrates gekoppelt. Erst 1893 wurde das Landratsamt an der oberen Bahnstraße gebaut. 1906 wurde ein Anbau geschaffen, u.a. für die Landwirtschaftsschule. Im Jahre 1930 wurde an der Ecke zum Freiheitsplatz ein weiterer Anbau geschaffen, zunächst für das Arbeitsamt. Nach dem 2. Welkrieg wurde dieser Anbau von der Stadtverwaltung Erkelenz und später dann von der Kreisverwaltung genutzt. Mit dem Bau des neuen Kreishauses im Jahre 1964 wurden alle Gebäude abgerissen.

Bau der Bezirkskommandantur

Nachdem der Landwehrstamm im Jahre 1830 nach Jülich verlegt worden war, wurde Erkelenz im Jahre 1867 dann wieder militärischer Standort. Die Stadt sollte das Standquartier eines Landwehrbataillons werden. Im Oktober wurde dem Stamm das 1. Bataillon des V. Rheinischen Landwehrregiments (zunächst 1 Major, 1 Adjutant und 12 Mann, später betrug die Stärke des Kommandos insgesamt 19 Soldaten) Erkelenz als Standquartier zugewiesen.5 Das Bezirkskommando hatte unterschiedliche Aufgaben, z.B. Erfassung, Musterung und Einberufung von Wehrpflichtigen. 6

Die Unterbringung erfolgte in verschiedenen Quartieren in der Stadt, u. a. im Pangel und in der Ostpromenade (Beim Bau des neuen Parkhauses 2023 wurden Reste der Fundamente dieser Häuser gefunden). Dieser provisorische Charakter der Unterbringung von Verwaltung und Stamm sollte 1880 endlich durch den Neubau eines Bezirkskommandos beendet werden.

Die Stadt Erkelenz, die dem Projekt zunächst sehr reserviert gegenüberstand, stellte schließlich zwei Gärten an der Aachener Straße/Ecke Westpromenade für das neue Bezirkskommando zur Verfügung. Die Planung des Gebäudes übernahm der Garnison-Bauinspektor Hauck aus Köln, der auch den fertigen Bau abnahm.

© Archiv Heimatverein | Schuwirth | Bezirkskommandantur-1890

Der Architekt Hauck griff auf Vorbilder zurück, die er der italienischen Renaissance entlehnte: etwa die dreiachsige Anlage, den erhöhten Mittelrisalit (Risalit ist in der historischen Architektur ein vor die Flucht des Hauptbaukörpers über alle Stockwerke hinweg vorspringender Bauteil, der auch höher sein kann und oft ein eigenes Dach hat), die verzierten Gesimse oder den flachen Dreiecksgiebel über der Tür.7

Das alles verband er mit der Nüchternheit preußischer Militärarchitektur. Das Gebäude -es war nur der heutige Mittelteil- ist ein sehr typischer und seltener Vertreter dieser Bauart. Die Seitenflügel wurden erst später angebaut.

© Archiv Heimatverein | Ulrich Wendt | Grabstaette-Icus-Rothe

Geleitet wurde das Bezirkskommando in der Regel von einem Major. Von 1866 an war dies Icus-Rothe. Er starb am 27. Oktober 1882 und wurde auf dem Friedhof an der Brückstraße beerdigt. Rothe war der erste und einzige Evangelische, der auf diesem Friedhof beerdigt ist. Seine Grabstätte ist heute noch dort.8

1895 war das Gebäude zu klein geworden, deshalb wurde überlegt, einen Anbau zu schaffen. Doch dazu kam es nicht, sondern zu einer Neuordnung der Landwehrbezirke; Erkelenz verlor das Bezirkskommando ganz. Es wurde zum 1. April 1899 nach Rheydt verlegt. Über diese Pläne war die Stadt Erkelenz offenbar überhaupt nicht informiert. Alle Argumente der Stadt Erkelenz, die danach für ein Verbleiben vorgebracht wurden, blieben ohne Wirkung. Am 22. Oktober 1898 meldete das Erkelenzer Kreisblatt, dass die Verlegung des Bezirkskommandos nun in aller Form im Armee-Verordnungsblatt bekannt gegeben sei und am1 . April 1899 in Kraft trete. 9

Und so war das Erkelenzer Haus seit dem 1. April 1899 leer. Man suchte nach einer neuen Verwendung, die am 27. Juni 1900 auch gefunden wurde: das Königliche Amtsgericht übernahm das Gebäude. Das Amtsgericht war zu diesem in einem Gebäude in der Brückstraße untergebracht, das aber den Anforderungen nicht mehr genügte.

Nutzung als Amtsgericht

Das Gebäude des ehemaligen Bezirkskommandos war aber in einem schlechten Zustand und äußerlich sehr unansehnlich, wie ein Zeitchronist berichtet. Es wurde dann saniert und für die Nutzung durch die Justiz umgebaut, z.B. Schaffung eines Sitzungssaales. An den vorhandenen Mittelteil erfolgten folgende Anbauten:

  1. Verdoppelung der beiden Achsen seitlich des Mittelrisalits.
  2. Anbau eines 3-achsigen Seitentraktes an der linken Seite.
  3. Anbau auf der rechten Seite, durch ein halbrundes Bindeglied mit dem Hauptbau verbunden. 10

In dem Anbau zur Westpromenade wurden u. a. fünf Einzel-Gefängniszellen und eine Gemeinschaftszelle für drei Personen geschaffen. Diese sind heute noch im Originalzustand erhalten.

1902 war alles fertigt und das Amtsgericht zog in das Gebäude.

In den 1970er Jahren wurde das Gerichtsgebäude an der Aachener Straße zu klein. Deshalb zog das Amtsgericht 1985 in die ehemalige Kreisverwaltung an der Kölner Straße. Nach dem Auszug des Amtsgerichtes wurde in dem Gebäude ein Seniorenheim errichtet, das bis 2018 betrieben wurde. Ab 2019 begann die Sanierung und Umgestaltung für die Kreismusikschule, die nunmehr das Gebäude benutzt. 11 .12

Schaffung von Geldinstituten

Schon im Jahre 1836 richtete der „Aachener Verein zur Beförderung der Arbeitssamkeit“ eine Zweigstelle als Spar-und Darlehnskasse in der Westpromenade ein. 1840 kam´eine „Kleinkinderbewahrschule“ dazu. Im Jahre 1908 wurde ein neuer Kindergarten gebaut. Einige Zeit bestanden später dann noch weitere Geldinstitute, die aber meitens nicht lange Bestand hatten. Im Jahre 1898 wurde eine Kreisspar- und Darlehnskasse gegründet, die etwas später den Namen „Kreissparkasse des Kreises Erkelenz“ erhielt. 1919 wurde dann noch die „Städtische Sparkasse Erkelenz“ gegründet.

Die industrielle Entwickung

Im Jahre1825 ließ sich Andreas Polke aus Ratibor in der Stadt nieder und gründete eine Stecknadelfabrik. Der benachbarte Aachener Raum war zu damaliger Zeit in diesem Gewerbe führend. 1841 beschäftigte Polke in seiner Fabrik 73 Arbeiter, darunter 35 Kinder unter 14 Jahren; für die schulpflichtigen unter ihnen unterhielt er eine Fabrikschule. Stecknadeln wurden bis etwa 1870 in Erkelenz gefertigt.

Im 19. Jahrhundert existierte vor allem in den umliegenden Dörfern die Handweberei an Webstühlen. Die industrielle Epoche begann in Erkelenz zunächst mit der Einführung mechanischer Webstühle für die Tuchfabrikation. Im Jahre 1854 gegründet und 1878 am heutigen Parkweg ansässig war die Rockstoff-Fabrik I. B. Oellers, eine mechanische Weberei, in der zeitweise 120 Arbeiter und 20 kaufmännische Angestellte tätig waren. Seit 1872 existierte die mechanische Plüschweberei Karl Müller (Ecke Kölner Straße – Heinrich Jansen Weg), die in Erkelenz 60 und im Bergischen und im Rhöngebiet weitere 400 Handweber für den Erkelenzer Hauptbetrieb beschäftigte. Im Jahre 1897 entstand an der Neußer Straße die Textilfabrik Halcour, die im Jahre 1911 67 männliche und 22 weibliche Beschäftigte hatte.

Der eigentliche Schritt in das Industriezeitalter fand 1897 statt, als der Industriepionier Anton Raky die Zentrale der von ihm gegründeten Internationalen Bohrgesellschaft nach Erkelenz verlegte. Einzelheiten dazu lesen Sie bitte im entsprechenden Bericht „Anton Raky in Erkelenz

Im Jahre 1910 errichtete Arnold Koepe in der ehemaligen Plüschweberei Karl Müller eine mechanische Werkstatt zur Herstellung von Förderwagen im Bergbau. Im Jahre 1916 übernahm Ferdinand Clasen den Betrieb und gründete 1920 aus dieser Firma die Erkelenzer Maschinenfabrik an der Bernhard-Hahn-Straße, die zeitweise 200 Mitarbeiter hatte.13.14


  1. https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Epochen/1815-bis-1848—vom-wiener-kongress-zur-revolution-/DE-2086/lido/57ab241e7d1687.63686537#toc-2
  2. Lennartz, a. a. O., Seite 168ff
  3. Dr. Horbach in Band 22 der Schriftenreihe des Heimatvereins, Seite 270
  4. Lennartz/Görtz, a. a. O., Seite 104
  5. Josef Lennartz, a.a.O., Seite 178ff
  6. Zu den Aufgaben siehe auch Michael Schmitz, a.a.O., Seite 152
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkm%C3%A4ler_in_Erkelenz
  8. https://erkelenz-heimatverein.de/wp-content/uploads/2022/03/alter-friedhof.pdf
  9. Josef Lennartz, a.a.O., Seite 182 und Michael Schmitz, a.a.O., Seite 153 und 155ff
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkm%C3%A4ler_in_Erkelenz
  11. Lennartz, a. a. O., Seite 178ff
  12. Hiram Kümper und Christina Clever-Kümper, ERKELENZ, Seite 14
  13. https://de.wikipedia.org/wiki/Erkelenz (Stand: 08.2022)
  14. Text von Günther Merkens 2022 für den Heimatverein der Erkelenzer Lande unter Benutzung des Berichtes von Bernhard Hahn in „Geschichte der Stadt Erkelenz“, a. a. O., Seite 70 ff
  1. Gaspers/Sels, Geschichte der Stadt Erkelenz . Erkelenz, 1926
  2. Heimatverein der Erkelenzer Lande e.V. (Hrsg.), Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 3, 1982. Josef Lennartz/Theo Görtz: Erkelenzer Straßen; Band 9, 1989 "Aus der Geschichte des Erkelenzer Landes: Aus der Militärgeschichte der Stadt Erkelenz in preußischer Zeit", Seite 167ff
  3. Hiram Kümper, Christina Clever-Kümper, Erkelenz. Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (Hrsg.): Rheinische Kunststätten, Heft 556, Köln, ISBN: 978-3-86526-109-0, 2015
  4. Kreis Heinsberg (Hrsg.), Heimatkalender des Kreises Heinsberg. Heinsberg, 2016, Michael Schmitz: "Das Königliche Bezirkskommando in Erkelenz 1867 - 1899", Seite 152ff

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