Dieser Bericht ist am 29.05.2026 in der Rheinischen Post erschienen.
Das 16. Jahrhundert brachte in Erkelenz einen verheerenden Brand mit sich – und einen höchst prominenten Besucher. In dieser Zeit gebaute Prunkstücke finden sich bis heute in der Stadt. Günther Merkens vom Heimatverein der Erkelenzer Lande blickt zurück.
Nachdem wir in der vorherigen Folge über Erkelenz im 15. Jahrhundert berichtet haben, folgt nun das 16. Jahrhundert. Wie im vorherigen Bericht ist auch jetzt wieder Mathias Baux unser Chronist.
Die mittelalterliche Stadt entwickelte sich gut weiter und war eine bedeutende Stadt im Gelderland, insbesondere auch durch ihre Lage als Grenzfestung zum Jülicher Land. Deshalb war es wichtig, den im 14. Jahrhundert begonnenen und im 15. Jahrhundert weitergeführten Bau der Stadtbefestigung fertig zu stellen. Dies geschah im Jahre 1514 mit dem Bau des letzten der vier Stadttore, dem Bellinghovener Tor. Damit war die Stadtbefestigung fertig und Erkelenz war als geldrische Exklave im Jülicher Land ein wichtiges Bollwerk an der Grenze.
Die Stadtbefestigung hatte außer den vier Torburgen, dem Brücktor, dem Bellinghovener Tor, dem Maartor und dem Oerather Tor, noch 14 Mauertürme. Die Tore, Türme und Mauern waren aus Backsteinen gebaut, die Mauern mit Schießscharten versehen und mit Zinnen gekrönt; zur Stadtseite hin war oben an der Mauer ein Wehrgang. Außen war die Stadt mit zwei Wassergräben umzogen, die durch einen mit Gestrüpp bewachsenen Erdwall getrennt waren. Die Wallanlage war etwa 40 Meter breit, die Stadtmauer war insgesamt 1.600 Meter lang. Heute erinnern nur noch Reste der Burg und der Stadtmauer sowie die Promenaden an die einstige Stadtbefestigung.
Die Pfarrkirche war im 15. Jahrhundert so weit fertiggestellt, dass nunmehr auch eine kostbare Ausschmückung erfolgen konnte. Eine davon ist der bis heute erhaltene Marienleuchter. Im Jahre 1517 wurde, so schreibt Baux, „das Bildnis unserer Lieben Frau in der Sonne mit den Engeln inmitten der Kirche aufgehängt“. Gestiftet wurde das Kunstwerk von den Schöffen der Stadt und den Meistern der Waidbruderschaft. Geschaffen wurde der Marienleuchter von einem Kunstschmied aus Neuß und einem Bildhauer. Namentlich bekannt ist nur Johann Erwein aus Köln, der Schnitz- und Eisenwerk im Jahre 1533 vergoldete. Der Leuchter misst 3,37 Meter von der Krone der Madonna bis zur Traube, aus der die sieben Leuchtarme mit ihrem reich verzierten Rankenwerk herauswachsen. Die Leuchterkrone hat einen Durchmesser von 2,70 Metern.
Zu den weiteren hervorragenden Kunstwerken aus dem Mittelalter gehört auch das Adlerpult aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Von den drei im Rheinland noch erhaltenen aus Messing gegossenen Adlerpulten ist es das größte, das auch am besten erhalten ist. Es misst vom Kopf des Adlers bis zu den Pranken der drei Löwen, die das Pult tragen, 2,02 Meter. Die Flügelspanne, der wie beim Start des Vogels angewinkelten Schwingen, beträgt 95 Zentimeter, der Adler selbst ist 76 Zentimeter hoch. Das Adlerpult wurde im Maastal, im heutigen Belgien, gegossen, wo der Messingguss bereits im 10. Jahrhundert nachgewiesen ist. Erkelenz gehörte bis 1558 zur Diözese Lüttich, bevor es der Diözese Roermond zugeordnet wurde, und war deshalb mit dem Maasland besonders verbunden.
In dieser Zeit ist noch ein weiteres Kunstwerk entstanden, das heute noch in der Pfarrkirche vorhanden ist: Die gotische Kanzel aus der Zeit um 1500, die sich in der ehemaligen Gasthauskapelle befand. Der Kanzelkorb ist meisterhaft mit aus Eiche geschnitzten und farbig gefassten Reliefs der Evangelisten und Kirchenlehrer sowie mit einem Kruzifix und einer Darstellung König Davids gefüllt.
Das 16. Jahrhundert brachte für Erkelenz die bis dahin schlimmste Katastrophe, den Brand im Jahre 1540, der in wenigen Stunden fast die ganze Stadt in einen rauchenden Trümmerhaufen verwandelte. Mathias Baux gibt von diesem Brand eine anschauliche und ergreifende Schilderung.
Baux berichtet, dass das Feuer in der Nacht am 21. Juli in der Schülergasse ausbrach und die ganze Nacht andauerte. Längere Zeit schon an dauernde Dürre und Hitze sowie starker Wind in der Nacht begünstigten das Feuer, so das ihm kein Widerstand geleistet werden könnte. Die Bürger mussten zur Rettung ihres Lebens die Stadt verlassen und die Nacht im Freien verbringen. Vier Menschen kamen bei dem Brand ums Leben.
Schnelle Hilfe, so schreibt Baux weiter, kam von den Städten Roermond und Venlo, also von geldrischen Schwesterstädten sowie vom Abt von Gladbach, die insbesondere Lebensmittel in die zerstörte Stadt bringen ließen. Unterstützung kam ebenfalls vom Kreuzherrnkloster Hohenbusch.
Betroffen vom Brand war auch die im vorherigen Jahrhundert erbaute Pfarrkirche. Hier brannte insbesondere das Dach des Kirchenschiffes ab. Um den Wiederaufbau gab es dann einen Streit mit dem Marienstift in Aachen, dass sich zunächst weigerte, sich an Kosten zu beteiligen. Erst nach einigen Bittschriften, u.a. vom Pfarrer Goswin von Wockrath, beteiligte sich das Stift an den Kosten. Das Dach wurde dann von zwei Dachdeckern aus Roermond repariert. Den genauen Wortlaut des Vertrages vom 22. Januar 1541 hat Baux festgehalten.
Nur allmählich und nur unter Mithilfe nachbarlicher Städte und vor allem auch durch das Bemühen der Landesherren konnte sich die Stadt von diesem schweren Unglück erholen. Noch um 1600 gab es in der Stadt Trümmerplätze von Häusern, die noch nicht wiederaufgebaut waren.
Die nächste große Katstrophe wiederholte sich erst 400 Jahr später mit der völligen Zerstörung der Innenstadt durch Bomben im Jahre 1945.
Durch den Brand wurde auch das Gewand-bzw. Rathaus am Markt völlig zerstört. Nach der Zerstörung erteilte die Stadt im Jahre 1545 dem Steinmetz Johann van Vyrß, heute würde man wahrscheinlich Johann von Viersen sagen, den Auftrag, ein „steinernes Rathaus mit allem Zubehör sowie entsprechenden Säulen und Pfeilern“ zu bauen. Dabei hatte der Rat eine genaue Vorstellung von den Ausmaßen des Gebäudes. Es sollte 38 x 38 Fuß Grundfläche haben und eine in sechs Bogen gespannte Untermauerung erhalten. Oben sollte das Gebäude mit einer „umlaufenden, vierkantigen Zinnen(mauer) mit vier Türmchen versehen werden. Unten sollte es vollständig eingewölbt sein. Es musste so viele Fenster haben, wie notwendig waren.
Der realisierte Bau wich allerdings von den Vertragsunterlagen etwas ab. Statt der sechs Arkaden gab es nur fünf mit 3 x 5 Jochen. Das Rathaus wurde ursprünglich mit einer vollständig offenen Erdgeschosshalle errichtet, die als Markthalle diente. Im Dachgeschoss befand sich ein Getreidespeicher und die „Gerkammer“, wo wichtige Stadtdokumente aufbewahrt wurden. Eine solche Raum- und Funktionsdisposition entsprach dem Konzept einer Vielzahl mittelalterlicher Rathäuser in Deutschland.
Im 16. Jahrhundert stellte die Reformation die alte Religionsordnung auf den Kopf. Die Reformation im engeren Sinne war die kirchliche Erneuerungsbewegung, die im frühen 16. Jahrhundert zur Spaltung des westlichen Christentums in mehrere verschiedenen Konfessionen führte. Ihr Beginn wird traditionell auf den 31. Oktober 1517 datiert, als Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben soll.
Reformatorische Bestrebungen hatten im Umland von Erkelenz im 16. Jahrhundert schon um sich gegriffen, da war aber die Stadt Erkelenz noch ein weißer Fleck auf der reformatorischen Landkarte. Dies hing insbesondere damit zusammen, dass Erkelenz als geldrische Exklave zu der Zeit zu den katholischen Spanischen Niederlanden gehörte und rechtlich in das Aachener Marienstift eingegliedert war. Im Umland von Erkelenz wurden dagegen zum Teil durch den Adel die Ausbreitung protestantischer Ideen gefördert. Ein Beispiel dafür ist das nahe Schwanenberg, das um 1560 geschlossen, mit Ausnahme des Dorfes Matzerath, zur reformierten Lehre übertrat, weil es zur Freiheit Wickrath gehörte. Andere Beispiele für das „Fuß fassen“ der Reformation im Erkelenzer Land sind Wassenberg (1528), Hückelhoven (etwa 1530) und Lövenich (Ende des 16. Jhdt.).
Im Jahre 1568 bestätigte der Bischof von Roermond -Erkelenz gehörte seit 1560 zum Bistum Roermond- der Stadt Erkelenz, dass „ihre Bewohner der katholischen Lehre stets treu geblieben sind“. Dreißig Jahre später, im Jahre 1599 war das schon anders, jetzt wurde gewettert, dass die Stadt Erkelenz durch das Umland von der Reformation angesteckt sei.
Im folgenden Jahrhundert zeigte dann die Reformation auch Auswirkungen in Erkelenz.
Wie wurde das mittelalterliche Erkelenz verwaltet? Generell lässt sich sagen, dass an der Spitze der städtischen Verwaltung zwei Bürgermeister, ein Stadt- und ein Landbürgermeister standen. Diesen standen zur Seite das Schöffen- und das Ratskollegium. Wichtiger Teil der mittelalterlichen Verwaltung war auch der Stadtschreiber. Zur Verwaltung gehörten auch zwei Stadtboten, der Mühlenmeister, die Torwächter und der Wallmeister.
Der Stadtbürgermeister konnte, der Landbürgermeister dagegen musste aus den zu Erkelenz gehörenden Dörfern sein. Dazu mussten die Bürgermeister in der Stadt oder im Landbezirk begütert sein. Die Amtszeit dauerte ein Jahr. Die Wahl war jährlich am 22. Februar, dem Feste Petri Stuhlfeier. Gleich mit der Wahl begann die Amtstätigkeit der Neugewählten. Sie gaben dabei ihren Amtsvorgängern und den Schöffen ein Festmahl, das sog. Schöffenessen. Baux beschreibt dies sehr ausführlich in seiner Chronik. Die RP hat darüber schon berichtet.
In seiner Chronik beschreibt Mathias Baux, der 1560/1561 selbst Stadtbürgermeister war, insbesondere die Aufgaben des Bürgermeisters Der Bürgermeister berief das Ratskollegium ein und leitete auch die Versammlung. Als erster trug er vor, niemand anders hatte die Erlaubnis, etwas vorzutragen oder den Rat zu fragen. Er konnte aber sein Recht auf den Landbürgermeister oder den Stadtschreiber übertragen. Zu den Aufgaben des Bürgermeisters gehörte auch die Entgegennahme aller Briefe, die an die Stadt gerichtet waren. Der Bürgermeister war weiterhin für alle notwendigen Bauangelegenheiten der Stadt zuständig, auch für die Überwachung der Tore und Türme, der Schlüssel, Siegel, Urkunden und des Geldes. Zuständig war er auch für die Überwachung der Gewichte und Maße, die in der Stadt und auf den Märkten verwendet wurden. Bei Verstoß dagegen hatte er ein Bestrafungsrecht.
In der Stadtgeschichte aus dem Jahre 1926 befindet sich eine Auflistung der Stadt- und Landbürgermeister, beginnend ab 1491 bis zum Jahre 1789. Aus der Zeit vor dem Stadtbrand im Jahre 1540 sind aber nur vereinzelt Namen von Bürgermeistern bekannt. Dagegen ist ab 1546 eine fast lückenlose Reihenfolge gegeben.
Generell schreibt Baux, dass der Bürgermeister alles, was für die Stadt und die Bürgerschaft notwendig und für diese nütz- und förderlich war, erledigen musste. Unterstützt wurde der Bürgermeister dabei von den Schöffen, in Erkelenz waren das Sieben. Die Schöffen waren ehrenamtlich tätig, mussten aber mit Grundbesitz begütert sein. Ausgewählt wurden solche Schöffen, die diskret waren und juristische Fälle beschreiben konnten. Die Schöffen waren zusammen mit dem Vogt und dem Schultheißen auch für die niedrige Gerichtsbarkeit zuständig und konnten entsprechende Strafen verhängen.
Interessant ist, dass die Schöffen wiederum von den Schöffen gewählt wurden, das Kollegium ergänzte sich also selbst.
Neben Bürgermeister und Schöffen gab es noch das Ratskollegium. Das Ratskollegium umfasste zehn geschworene Ratsmänner. Ins Ratskollegium konnten, anders als bei den Bürgermeistern und Schöffen, auch Personen ohne Grundbesitz gewählt werden, die Chronik spricht vom „Gemeinsmann“. Im Gegensatz zu den Bürgermeistern und den Schöffen schreibt Baux nichts zum Ratskollegium.
Das Ratskollegium hatte nur in wenigen und dabei noch untergeordneten Angelegenheiten beschließende Befugnisse. Das Ratskollegium war fast ohne Einfluss auf die Verwaltung der Stadt. Den entscheidenden Einfluss auf die Führung und die Verwaltung der Stadt hatten die Schöffen, da sie ja auch den Bürgermeister wählten.
Was war sonst noch wichtig für Erkelenz im 16. Jahrhundert? Baux berichtet u.a., dass im Juli 1551 die Örather Windmühle abbrannte und ein Jahr später durch einen Neubau an gleicher Stelle ersetzt wurde. Diese wurde dann 1578 von durchziehendem Kriegsvolk erneut abgebrannt. Im Jahre 1558 wurde die Bellinghovener Mühle wegen Baufälligkeit abgebrochen und an gleicher Stelle durch eine neue ersetzt.
Auch von Naturkatastrophen berichtet Baux, so von schweren Erdbeben in Erkelenz in den Jahren 1554, 1556 und 1569. Im Jahre 1580 wurde die Stadt durch die Pest fast entvölkert.
Auch einen interessanten Besuch in Erkelenz schildert Baux. Durch den Vertrag von Venlo aus dem Jahre 1543 gehörte das Herzogtum Geldern und damit auch Erkelenz zu den spanischen Niederlanden. Das Riesenreich wurde von Karl V. regiert, der damit auch oberster Landesherr von Erkelenz war. Karl V., der 1543 nach der Einnahme von Düren und Jülich, mit einem Heer auf dem Weg nach Roermond war, weilte dann am 29. August 1543 für einige Stunden persönlich in Erkelenz und nahm im Haus des Pfarrers Goswin sein Mittagsmahl ein.
Bedeutende Personen in Erkelenz waren neben dem schon erwähnten Chronisten Mathias Baux und dem Pfarrer Goswin u.a. Cornelius Burgh und Theodoor van Loon. Cornelius Burgh, geboren um 1590 in Köln; gestorben um 1638 in Erkelenz, war Jurist (voersprechers = Anwalt), Organist und Komponist des Frühbarocks, überwiegend in Erkelenz lebend. Theodoor van Loon, geboren 1581/82 in Erkelenz, war ein flämischer Maler des Barocks und lebte in Brüssel, Löwen und zuletzt in Maastricht. Dort ist er im Februar 1649 gestorben. Über beide Personen hat die RP schon ausführlich berichtet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das 16. Jahrhundert für Erkelenz ein spannendes und interessantes war. Die Finanzlage war trotz des Stadtbrandes gut und diese Finanzsituation und die Wohlhabenheit der Bürger begünstigten die innerstädtische Entwicklung, wie z.B. die Vollendung der Stadtbefestigung, den Bau eines neuen Rathauses oder die kostbare Ausschmückung der Pfarrkirche.
Ergänzende Informationen und Fotos zu den einzelnen Punkten sind im Virtuellen Museum Erkelenz.
Im nächsten Bericht folgt dann ein Überblick über das 17. Jahrhundert.1











