Borschemich (alt)

sonstiger Name: Birsmiki
Stichworte: Borschemich (alt)
Borschemich (alt)
898 bis 27.02.2016

Ortsansichten von 2016:

Allgemeines

Alt-Borschemich war ein ländlich geprägter Stadtteil der Stadt Erkelenz im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Der Ort lag im Abbaugebiet des Tagebaus Garzweiler und wich diesem schrittweise bis 2017, da auf dem Gebiet des Dorfes die Braunkohleförderung 2018 begann. Die Umsiedlung der Bewohner begann 2007 und erfolgte nach Borschemich (neu) als neuer nördlicher Stadtteil von Erkelenz westlich von Mennekrath.

Lage

Borschemich (alt) lag am Rand der Stadt Erkelenz unmittelbar östlich der ehemaligen Autobahn A 61 zwischen Autobahnkruez Wanlo und Jackerath. Im Westen liegt der Ort Keyenberg (alt), der auch vom Braunkohleabbau betroffen ist. Die ehemalige Spezialgemeinde Borschemich hatte 1970 eine Fläche von 5,18 Quadratkilometer. Sie lag in der Talaue der Köhm und des Garzweiler Fließes. Der Ort selbst lag auf einer Höhe von 74 – 78 m über NN, südlich und nördlich des Ortes steigt das Gelände auf 90 m NN an.

Gewässer

Die Köhm floss in West-Ost Richtung und mündete in die Niers. Sie war nur nach starken Regenfällen und zur Schneeschmelze ein fließendes Gewässer. Vom Ortseingang in Borschemich aus Richtung Otzenrath war die Köhm entlang der St.-Martinus-Straße kanalisiert und floss erst wieder ab der Marienstiftstraße neben dem Pfarrhaus offen weiter in Richtung Keyenberg zur späteren Mündung in die Niers.

Geschichte

Namensgebung

Als Birsmiki wurde der Ort erstmals im Jahr 898 urkundlich erwähnt. 1396 erschien der Name als Bursmich. 1560 und 1628 wurde der Ort auch Borssenbeck genannt. Ab 1618 setzt sich aber der Name Borschemich durch.

Die Deutung des Ortsnamens ist nicht eindeutig zu klären. Das Grundwort -mich bedeutet Bach und könnte auf die Köhm hinweisen, die im frühen Mittelalter ein stärkeres Gewässer war. Macke vermutet, dass der Name „Borssenbeck“ eventuell in der „mittelalterlichen Rodungszeit der ursprünglich Name der Köhm“1 gewesen und dieser Name in Borschemich eingeflossen sei.

Archäologische Funde

Schon in der Römerzeit besiedelten die Menschen diesen Ort. 1931 entdeckte Lehrer Hützen die Trümmerstätte einer römischen Landsiedlung, einer Trümmerstätte südlich von Borschemich weist auf eine Besiedlung im 2. bis 4. Jahrhundert n. Chr. hin, 1853 entdeckten Arbeiter Schüsseln und Trinkgefäße eines römischen Grabes. 2

Im Zuge der archäologischen Forschungen vor dem Tagebauabriss haben Archäologen im Jahre 2013 aus der römischen Epoche der Germania inferior eine villa rustica und vier Brandgräber ausgegraben. Die Gräber wiesen bedeutende Funde auf: Reste einer Chalzedonschale, bronzenes Waschservice und Götterdarstellungen auf einem mit Schildpatt ummantelten Kästchen.

Historische Entwicklung

898 schenkte König Zwentibold von Lothringen dem Stift Essen ein Königsgut in Borschemich. 138 Jahre blieb das Stift im Besitz dieses Gutes. Am 10. Januar 1027 ging Borschemich im Zug eines Landausgleichs zwischen dem Erzbischof in Köln und den Äbtissinnen in Essen in den Besitz des Erzbistums über. Kurze Zeit später erwarb das Stift Kaiserswerth durch kaiserliche Schenkung die Grundherrschaft in Borschemich, die sie bis Mitte des 15. Jahrhunderts behielt. Wann genau das Stift die Grundherrlichkeit verkaufte, ist nicht bekannt.3 Zu Beginn des 16. Jahrhunderts verfügt das Herzogtum Jülich über die Güter des Stifts.

Das Stift St. Maria im Kapitol in Köln besaß urkundlich nachweisbar ab 1289 Grundbesitz in Borschemich, den es bis zur Auflösung des Stiftes durch die Franzosen bis 1804 vergrößerte und behielt.

Von 1431 bis 1803 war auch die Benediktiner-Abtei Gladbach (Mönchengladbach) in Borschemich im Besitz eines Gutes.

Im Ort war ein Rittergeschlecht begütert. Erstmals wurde es 1239 als von Birsmich erwähnt. 1289 war der Ritter Gottschalk von Birsmich Gerichtsherr. Um 1400 starb dieses Geschlecht aus. Bis 1837 befand sich das Rittergut Haus Borschemich in adeligem Besitz.

Im 13./14. Jahrhundert gelangte Borschemich an das Herzogtum Jülich, das die Belange der Klostergebiete überwachte, schützte und vertrat. Zunächst bildete das Dorf mit dem benachbarten Holz die Dingbank Borschemich, die dem Amt Grevenbroich unterstand. 1500 besaß das Gericht Borschemich ein eigenes Schöffensiegel, auf dem der Heilige Martin als Reiter mit Bettler abgebildet war.

1554/55 wurde Borschemich in den Dingstuhl Otzenrath eingegliedert. 1586 hatten die Einwohner unter dem Einfall spanischer Truppen im Truchsessischen Krieg zu leiden.

1794 wurde Borschemich in die französische Mairie Kuckum (Kanton Erkelenz) eingemeindet.

1816 ging Borschemich in preußische Verwaltung über. Es war Bestandteil der preußischen Bürgermeisterei Keyenberg im Landkreis Erkelenz. 1848 erhielt die Ortschaft den Status einer Spezialgemeinde innerhalb der Bürgermeisterei.

1935 wurde die Bürgermeisterei aufgelöst und dem neuen Amt Holzweiler zugeschlagen.

Am 27. Februar 1945 nahmen während der Operation Grenade US-amerikanische Soldaten des 175. Regiments der 29. US-Infanterie Division das Dorf ein.

Am 1. Januar 1972 wurde Borschemich aufgrund des Neugliederungsgesetzes Aachen vom 21. Dezember 1971 in die heutige Stadt Erkelenz eingemeindet.

Umsiedlung seit 2006 wurde Borschemich aufgrund der Ausdehnung des Tagebaus Garzweiler umgesiedelt.

Der Abriss von Borschemich begann 2012 und wurde im Frühjahr 2017 abgeschlossen. Die Kirche St. Martinus wurde im November 2014 profanisiert. Im Dezember 2015 wurde Haus Paland abgerissen. Am 27. Februar 2016 kamen Borschemicher Bürger zusammen und fällten die historische Dorflinde, damit kein Fremder Hand an das trutzige Wahrzeichen des Dorfes legen konnte.

Schulgeschichte

Borschemich besaß bis 1968 eine eigene Schule. Die Anfänge gehen auf eine Küsterschule am Anfang des 18. Jahrhunderts in einem Fachwerkhaus neben der Kirche zurück. Als 1828 das Dorf den ersten ausgebildeten Elementarschullehrer zugewiesen bekam, bot die Schule das Bild der völligen Verwahrlosung. So wurde 1836 ein neuer Schulsaal an das Küsterhaus angebaut, dem 1850 ein zweiter Schulsaal und eine Lehrerwohnung folgten. In dieser Form bestand die Schule in der Nähe der Kirche bis 1939, als eine neu errichtete Schule in der Nähe des Hauses Paland errichtet wurde. Dieses Gebäude wurde bis zur Schließung der Schule 1968 als Schule genutzt. Die Grundschüler besuchten die Grundschule in Keyenberg, die weiterführenden Schulen werden überwiegend in Erkelenz besucht. Das ehemalige Schulgebäude diente zusammen mit einem 1972 errichteten weiteren Anbau als Mehrzweckhalle für viele Veranstaltungen der Ortsvereine.

Wirtschaft und Infrastruktur

Dorfentwicklung

Verglichen mit der Tranchot-Karte von 1828 hat sich Borschemich (alt) bezüglich der Straße nicht wesentlich weiterentwickelt. Die heutigen Hauptverkehrs- und Dorfstraßen existierten bereits im 18. und 19. Jahrhundert. Allerdings nahm die Bevölkerung in diesem Zeitraum bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts enorm zu. Im Jahre 1817 lebten 599 Menschen und im Jahre 1970 760. Ab diesem Zeitpunkt ging die Bevölkerungszahl kontinuierlich zurück und pendelte sich um die 700 Einwohner bis zu Beginn des 3. Jahrtausends ein. Der drohende Abbau durch die Braunkohlebagger schreckten die Menschen allerdings ab, sich weiterhin in Borschemich anzusiedeln. Im Jahre 2007 lebten vor der Umsiedlungsmaßnahme noch 518 Menschen in dieser Ortschaft.

Religion

Etwas mehr als 73 % der Bevölkerung war im Jahre 20014 katholisch, 14 % evangelisch. Die katholische Bevölkerung gehörte bis zur Auflösung der katholischen Pfarrgemeinde Sankt Martin Borschemich, später der Gemeinschaft der Gemeinden Maria und Elisabeth Erkelenz an. Die evangelischen Gemeindemitglieder gehörten zur evangelischen Kirchengemeinde Otzenrath-Hochneukirch.

Landwirtschaft

Wie in allen Dörfern der Erkelenzer Börde herrschte auch in Borschemich die Landwirtschaft als Haupterwerbsquelle vor. In den Jahren 1799/1801 gab es hier 50 Familien, die Ackerbau und Viehzucht betrieben5. Die einzelnen Höfe benötigten ein große Anzahl von Mägden und Knechten. Die Anzahl der Bauernhöfe reduzierte sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhundert. Bis 1970 arbeiteten nur noch 76 Menschen in landwirtschaftlichen Betrieben.

Vorwiegende Anbaufrüchte waren Getreide, Ölfrüchte und seit dem 18. Jahrhundert Kartoffeln. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts kam auch der Anbau von Zuckerrüben hinzu. Nach dem 2. Weltkrieg nahm dieser Anbau durch die zunehmende Motorisierung zu. 1953 wurden auf einer Gesamtfläche von 338 ha in Borschemich 53 ha Zuckerrüben angebaut.

Neben dem Ackerbau betrieben die Bauern auch Viehwirtschaft. 1963 gab es in Borschemich 228 Rinder und 180 Schweine.

Die Entwicklung der Landwirtschaft gegen Ende des 20. Jahrhunderts führte auf den meisten Bauernhöfen zu einer Spezialisierung. Von einst 25 Landwirten wirtschafteten 2001 noch acht6 und 2006 noch drei. Das Gestüt Arab el Haira betrieb bis 2010 die Pferdezucht von Vollblutarabern.

Vier Gartenbaubetriebe arbeiteten 2001 noch in Borschemich7.

Handwerk, Industrie und Gewerbe

Neben den fest angestellten Mägden und Knechten lebten im 19. Jahrhundert viele Einwohner vom Tageslohn. 1798 / 1802 wohnten in Borschemich 82 Tagelöhner. Im 18. Jahrhundert war das Handwerk bis auf das des Schmiedes in den Dörfern kaum vertreten. Das änderte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts gewaltig. Heinrich Goebels zählt auf, dass in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Borschemich viele Berufe vertreten waren, und zwar „im Metallgewerbe, im Holzgewerbe, im Textilgewerbe, im Ledergewerbe, im Nahrungsmittelgewerbe, im Baugewerbe oder im Handels- und Dienstbereich“.8.  Seit 1894 ist auch eine Genossenschaftskasse im Dorf ansässig.

2001 arbeiteten 10 Gewerbebetriebe, 11 Handelsbetriebe und ein gastronomische Betrieb noch im Ort9. Darunter sind als besonders einflussreich zu erwähnen:

Statz Bekleidungswerke hatten in Borschemich ihren Ursprung.

Boss Raumgestaltung ist vor mehr als 100 Jahren aus einer Schreinerei hervorgegangen.

Von der Risch-Gruppe, die mit einer Baumaterialhandlung in Essen von Carl Risch im 19. Jahrhundert begründet wurde, gab es ein Baustoffwerk mit Kiesgruben.

Raiffeisenbank Erkelenz

Infrastruktur

Freiwillige Feuerwehr Erkelenz, Löschgruppe Borschemich, gegründet 1904
Mehrzweckhalle Borschemich
Sportplatz „Alter Kirchweg“
Bolzplatz Von-Paland-Str.
Raiffeisenbank Erkelenz e.G. (Niederlassung, ehemalige Hauptstelle der Raiffeisenbank von 1894 e.G.)

Sehenswürdigkeiten

  • Die Borschemicher Linde am Ortseingang (1689 gepflanzt und 2016 gefällt)
  • Haus Borschemich, auch Haus Paland. Das Gebäude war ein ehemaliges Wasserschloss, bestehend aus einer Vorburg und einem Haupthaus.

 

Das Grabensystem wurde früher von der Köhm gespeist. Ein Teil der Gräben war bis zum Abriss im Dezember 2015 noch erhalten.

  • Die Pfarrkirche St. Martinus, 1906/07 erbaut, abgerissen Februar 2016
  • kirchliche Parkanlage zwischen Pfarrkirche und Haus Paland. Im Park finden sich eine 1921 errichtete „Lourdesgrotte“, eine Kreuzigungsgruppe als Grotte am Kalvarienberg, ein St.-Martinus-Denkmal aus dem Jahr 1936 anlässlich des 300-jährigen Bestehens der Bruderschaft, sowie ein Ehrenmal, Kriegergedächtnisgrotte an der Kirche, errichtet 1922, neugestaltet 1954
  • neue St.-Martinus-Figur an der Dorflinde
  • Josefskloster aus dem Jahr 1688, heutiges Jugendhaus des Bistums Aachen, geleitet von der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg
  • diverse alte Wegekreuze an den Ortsstraßen (Kreuze Heyers, Dappen, Beeck)
  • alte Grabsteine am Aufgang zum Friedhof und auf dem Friedhof, Kreuzwegstationen auf dem Friedhof
  • alte Fußfälle in den Kirchenanlagen
  • Pfarrhaus aus dem Jahre 1839

(Verfasst von Regina und Rudolf Recker-Proprenter, Wolfgang Lothmann)

  1. Karl L. Mackes, a. a. O., S. 85
  2. Karl L. Mackes, a. a. O., S. 35
  3. Karl L. Mackes, a. a. O., Seite 92
  4. siehe: Umsiedlung Borschemich, a. a. O., Seite 21
  5. Karl L. Mackes: Erkelenzer Börde und Niersquellengebiet, a. a. O., S. 285
  6. siehe: Umsiedlung Borschemich, a. a. O., Seite 22 ff.
  7. siehe: Umsiedlung Borschemich, a. a. O., Seite 22 ff.
  8. Heinrich Goebels, a. a. O., Seite 174 und 175
  9. siehe: Umsiedlung Borschemich, a. a. O., Seite 23 ff.
  1. unbekannter Autor, Wikipedia. https://de.m.wikipedia.org, /wiki/Borschemich
  2. Karl L. Mackes, Erkelenzer Börde und Niersquellengebiet. Mönchengladbach, ISBN: 3-87448-122-0, 1985, Seite 35, 86 ff., 285 ff.
  3. Heinrich Goebels, 1100 Jahre Borschemich. Arbeitskreis der Borschemicher Vereinsvorstände in Verbindung mit der Pfarrgemeinde St. Martinus, 1997, Seite 17 ff
  4. RWE-Power, Umsiedlung Borschemich Angaben zur Prüfung der Sozialverträglichkeit. 2002, Seite 1 ff.

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