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Kriegserinnerungen eines jungen Luftschutzbeauftragten

Stichworte: Zeitgeschehen
1942 bis 1945

Kriegserinnerungen eines jungen Luftschutzbeauftragten für Immerath, Lützerath und Pesch

Von Walter Corsten (†)1

In Ermangelung eines geführten Tagebuchs begab ich mich im Jahre 2001 daran, meine während des Krieges als Luftschutzbeauftragter für Immerath, Lützerath und Pesch gemachten Erfahrungen und Erlebnisse aufzuschreiben.

Erinnerungen beginnt man meist zu schreiben, wenn einem bewusst wird, dass der größte Teil des Lebens gelebt ist. Unwillkürlich fasst man den zurückgelegten Weg ins Auge und erschrickt dabei, wie vieles ins Dunkel gesunken und im Vergangenen verschwunden ist. Zugleich wird man mit den Mühen konfrontiert, die das Heraufholen des Gewesenen macht. Erlebnisse, Worte, Namen, vieles ist verloren. Nur manche Gesichter bleiben gegenwärtig, mit denen sich eine Äußerung, ein Bild oder eine Situation verknüpft. Anderes wiederum konnte ich durch Rückgriff auf die Berichte anderer Zeitzeugen in diversen Veröffentlichungen des Heimatkalenders des Kreises Heinsberg und der Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande rekonstruieren und – zumindest zum Teil – mit genauen Zeitangaben versehen.

Bei Ausbruch des Krieges im September 1939 war ich gerade 14 Jahre alt geworden und begann meine kaufmännische Ausbildung in der Erkelenzer Tabakwarenhandlung Wilms (an der heutigen Hermann-Joseph-Gormanns-Str.), wo ich auch nach Abschluss meiner Lehrzeit im Jahre 1943 bis nach dem Krieg beschäftigt blieb. Im Jahre 1948 gründete ich in Immerath eine eigene Tabakwarengroßhandlung, die mein Sohn später fortführte.

Am 22. September 1939 überflogen die ersten englischen Flugzeuge Immerath. Erstmals wurde „Verdunkelung“ angeordnet. Im Dezember 1939 wurde eine Flakabteilung in Immerath einquartiert, die noch bis Ende April 1940 im Ort lag. Ende des Jahres 1939 wurden Bezugsscheine für Lebensmittel und Tabakwaren („Lebensmittel- und Raucherkarten“) eingeführt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie unser Pfarrer Karl Schumacher jeden Monat Briefe an jeden einzelnen Soldaten aus Immerath schrieb und ich diese Briefe an mehreren Abenden eines jeden Monats mit Zigaretten (ohne Raucherkarte) zu kleinen Feldpost-Päckchen zusammen packte. Am 08. April 1940 wurde ein Soldat einer Nachrichteneinheit, die noch bis zum Juni 1940 in Immerath lag, wegen Fahnenflucht in einer Sandgrube bei Holzweiler standrechtlich erschossen. Im Mai 1940 gab es erstmals Fliegeralarm in den meisten Dörfern des Erkelenzer Landes.

Für den Luftschutz in Immerath war in den Anfangsjahren des Krieges Johann Gormanns zuständig. Die Aufgaben eines solchen Beauftragten für den Landluftschutz (LLS) waren vor allem

  • die Sicherstellung der Versorgung eines jedes Hauses mit Brandschutzgeräten,
  • die Ausgabe von „Volksgasmasken“ an alle Bewohner,
  • die Aufstellung von Horchposten auf Flugzeugbrummen und Flugabwehrfeuer („Flak“),
  • die Kontrolle der Verdunkelungsvorschriften im Ort sowie
  • die Teilnahme an und Durchführung von Unterweisungskursen in Brandschutz, Gasschutz und Soforthilfe.

Von der Gemeinde wurden Löschteiche gebaut, einer an der Ecke Kirchstraße/Freiheitstraße und einer auf dem Immerather Markt. Zur Unterstützung der damals schwachen Feuerwehr wurde zudem eine Löschtruppe von etwa zehn Männern und Frauen meines Alters aufgestellt und mit Brandschutzgeräten, Sanitätsmaterial, Arbeitsanzügen sowie Helmen und Gasmasken ausgerüstet. Ich wurde, gerade 15 Jahre alt, von Johann Gormanns zu seinem Mitarbeiter im Luftschutz ernannt.

Im Frühjahr 1941 wurde der Immerather Kindergarten von der Geheimen Staatspolizei („Gestapo“) beschlagnahmt und zu einer NS-Einrichtung. Zudem wurde die Immerather Pfarrbücherei von der Gestapo geschlossen.

20. April 1941: In Pesch fielen Bomben und richteten Sachschäden an.

02. August 1941: Englische Flieger über Pesch und Immerath.

Im März 1942 wurden auch in Immerath zwei Kirchenglocken – die eine aus dem Jahr 1496, die andere aus dem Jahr 1512 – beschlagnahmt, um zu Kriegszwecken eingeschmolzen zu werden. Glücklicherweise überstanden beide Immerather Glocken – wie durch ein Wunder – die Kriegswirren, ohne dem Schmelzofen letztendlich zum Opfer zu fallen. So läuten sie in Immerath noch heute die heilige Messe ein.

Anfang Juni 1942: Luftkämpfe über dem Gebiet Immerath/Jackerath/Titz. In einer Nacht sahen wir den Abschuss eines alliierten Bombers durch deutsche Nachtjäger. Die Besatzung sprang im letzten Moment ab. Wir merkten uns die Richtung und gingen morgens sehr früh mit mehreren Personen auf die Suche. Nahe der alten Bahnstrecke Immerath-Titz fanden wir im Getreide einen Kanadier und nahmen ihn in Gewahrsam. Jugendliche (Willi Schmitz und Johannes Goeres) fanden in der Feldscheune meines Vetters (Hilar Goebels) einen kanadischen Piloten, der sich im Stroh versteckt hatte. Er wurde von Ihnen festgenommen. Beide Kanadier wurden dann dem Immerather Ortsgruppenleiter übergeben.

1942 wurde Johann Gormanns zum Militär eingezogen, danach wurde ich für Immerath, Lützerath und Pesch zum Landluftschutzleiter ernannt, gleichzeitig wurde ich für Borschemich, Keyenberg und Holzweiler als entsprechender Ausbildungsleiter zuständig. Ich selbst wurde für den Kriegsdienst untauglich befunden, da ich aufgrund einer während der Geburt erlittenen Schultergelenksverrenkung an einer chronischen Lähmung des linken Armes litt.

© Hans Walter Corsten | Foto-Walter-Corsten-komprimiert
Foto von Walter Corsten aus seinem Reichluftschutz-Dienstbuch

Zur Unterrichtung über die Gefahren in einem Luftkrieg und deren Abwehr wurde ich zunächst für eine Woche auf die Gruppenluftschutzschule nach Bad Godesberg gesandt. Als Luftschutzlehrer führte ich in der Folge ab November 1942 zusammen mit drei Mitarbeitern (Mathias Esser, Willi Schmitz und Damian Klos) auf schriftliche Einladung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Ausbildungskurse durch, die die Zivilbevölkerung über die zu erwartenden Auswirkungen eines Luftkrieges und die im Ernstfall zu ergreifenden Selbstschutzmaßnahmen informieren sollten. Die nachfolgenden tabellarischen Eintragungen aus meinem damaligen Ausbilder-Dienstbuch geben einen kleinen Überblick über Art und Umfang der in den einzelnen Orten geleisteten Ausbildungsarbeit.

Tabelle-Unterweisungskurse
Unterweisungskurse in Brandschutz, Gasschutz und Soforthilfe in Immerath
und Umgebung

Sensibilisiert für die Gefahren eines Luftkrieges bauten wir für uns und unsere Nachbarschaft unter unserem Haus auf der Pescher Straße einen Luftschutzbunker. Dieser besaß einem langen Notausgang, der in den Keller des Nachbarn Schiffer und von dort unter der Straße hindurch in den Keller des gegenüber liegenden Hauses reichte. Bauleiter war unser Nachbar, der Bauunternehmer Johann Schiffer. Unter großen körperlichen Anstrengungen wurde der Erdaushub von der ganzen Nachbarschaft mit Eimern und Schaufeln bewältigt. Dafür wurden sie reichlich mit Tabakwaren (ohne Raucherkarte) versorgt. Den für den Bunkerbau benötigten Zement gab es ebenfalls nur auf Bezugsschein. Da ein Mitglied meiner Löschtruppe bei einem Baustoffhändler in der Umgebung beschäftigt war, konnten die erforderlichen 250 Sack Zement auf andere Weise beschafft werden.

Um die Bevölkerung rechtzeitig vor feindlichen Flugzeugen zu warnen wurden jeweils zwei Männer als Wachdienst aufgestellt, deren nächtliche Aufgabe es war, nach Flugzeugbrummen und Flak-Schüssen zu horchen. Wenn zudem auch die Sirenen in den Städten zu hören waren, mussten die Horchposten den Immerather Dorfpolizisten (zugleich Ortsgruppenleiter), der gegenüber der Wachstube am Haus Lambert Rüttgens auf der Lützerather Str. nächtigte, aufwecken und ihn um die Erlaubnis zur Auslösung des Fliegeralarms ersuchen. Wenn der Alarm genehmigt wurde, liefen die Horchposten mit einer mobilen Sirene durch das Dorf und gaben auf diese Weise Fliegeralarm. Diese mobile Sirene war nach dem Krieg im Übrigen noch lange Jahre im Immerather Karnevalszug im Einsatz.

Das ganze Dorf mittels einer mobilen Sirene rechtzeitig über anfliegende Bomber zu informieren war jedoch nicht möglich. Daher begannen wir, eine stationäre elektrische Sirene herzustellen, die im ganzen Dorf zu hören sein sollte. Auf meine Anfrage hin fertigte der Schlosser Hugo Portz nach und nach mehrere Sirenen an, die auf unserem Haus auf der Pescher Str. angebracht wurden. Sie waren jedoch immer zu schwach und konnten etwa in der Freiheitstraße nicht gehört werden. Durch Zufall konnte ich in Höllen eine große elektrische Sirene kaufen, die dann bei uns angebracht wurde und überall gut zu hören war. Diese Sirene steht noch heute auf dem Haus Krapoll und tut nach wie vor ihren Dienst als Immerather Feuerwehrsirene.

Dank guter Verbindungen konnte ich zudem ein weitaus zuverlässigeres und schnelleres Alarmnachrichtensystem aufbauen. Beim damaligen Fernmeldeamt Jüchen erreichte ich durch die Fürsprache des Holzweiler Horchpostens Joseph Krummen, dass mir von Seiten des Fernmeldeamtes bei Tag und Nacht Fliegeralarm telefonisch mitgeteilt wurde. In einem solchen Fall schaltete ich zunächst die Sirene für Immerath ein, die auf dem Dach unseres Hauses angebracht war. Dann leitete ich den Alarm telefonisch weiter nach Pesch (an Breuer), Jackerath (an Meul), Borschemich, Keyenberg (an Nohr), Lützerath (an Behren) und Holzweiler (an Verhey). Um unsere Nachbarschaft auf der Pescher Str. über die einfliegenden Bomberstaffeln zu informieren hatte ich zudem im Oberlicht unserer Haustür einen Lautsprecher angebracht, der mit Drahtfunk am Telefon verbunden war. Nach der Gefahr gab ich Entwarnung an alle Stellen.

Im Jahre 1943 besuchte ich ein zweites Mal die Luftschutzschule in Bad Godesberg. Wir hatten mehrere Tage Unterricht durch einen Oberfeuerwerker der Wehrmacht und wurden an Originalexemplaren von Sprengbomben, Leuchtbomben, Blitzlichtbomben und Phosphorbomben ausgebildet. Ausbildungsziel war es, die Wirkungen der einzelnen Bombentypen kennenzulernen sowie die Beseitigung von Bomben-Blindgängern durch Entschärfung der Zünder oder mittels Sprengung zu erlernen. Zur Unterstützung des Sprengkommandos Köln wurde ich nach diesem Lehrgang zum Luftschutzfeuerwerker für den Kreis Erkelenz ernannt.

Im Jahre 1943 wurde ein polnischer Zwangsarbeiter in Holzweiler hingerichtet, nachdem er in Keyenberg einen Bauern im Streit geschlagen hatte.

13. Mai 1943: Schwerer Bombeneinschlag in das Wohnhaus auf dem Bauernhof Kradepohl in Oberwestrich. Die Bewohner waren alle im Keller, die Bombe schlug bis dorthin durch. Mehrere Tote. Wir sind mit einigen meiner Löschtruppe hin, um zu helfen, mit Fahrrädern und Motorrad.

14. Mai 1943: Abschuss eines viermotorigen Stirling-Bombers in Richtung Holzweiler kurz vor der Anhöhe links im Feld. Als ich am brennenden Flugzeug ankam hörte ich die Munition schon explodieren. Ein Besatzungsmitglied konnte ich erkennen. Als ich auf allen Vieren näher kam, rief er: „Help, Help!“ Mit mehreren Leuten aus Holzweiler haben wir ihn nach Holzweiler in die „Kapelle“ getragen, er war sehr schwer verletzt und rief immer nach „Water, Water!“, dies alles in der Nacht. Der Holzweiler Ortsgruppenleiter Baumanns kam hinzu und sagte: „Der bekommt kein Wasser!“ Ich entnahm der Uniform des Piloten eine Tasche, in der sich seine Papiere, in Gummi eingeschweißt, befanden. Er war Kanadier. In dieser Tasche befanden sich zudem eine Eisenfeile mit Säge sowie eine Reihe von Geldnoten in sämtlichen Währungen der umliegenden Länder. Der kanadische Pilot starb noch in der Nacht. Am nächsten Morgen brachte ich seine Tasche zur Kreisleitung nach Erkelenz. Dort wollte man mich zunächst aufgrund der Geldnoten eines Devisenvergehens bezichtigen.

17. Juni 1943: Erste Bomben auf Immerath. Sieben Häuser brannten ab. Viele Dach- und Fensterschäden. Ein Jagdbomber („Jabo“) zerstörte mit einer Bombe die Scheune des Bauern Evertz (ehemals Ecke Jackerather Str./Kartäuserweg). Ein Jabo beschoss einen Güterzug auf der alten Strecke Immerath – Titz. Als ich dort ankam lag der Lokführer neben seiner Lok und war ganz verbrüht.

Nacht vom 30. auf den 31. August 1943: Alliierter Großangriff durch mehrere Hundert schwere Bomber auf Mönchengladbach und Rheydt. Tausende von Stab-und Phosphorbomben wurden abgeworfen und setzten auch im Erkelenzer Land zahlreiche Feldscheunen und Strohschober in Brand. Die Felder brannten und die benachbarten Großstädte sahen aus der Entfernung wie ein einziges Feuermeer aus. Auch unsere Pescher Str. wurde von Stabbrandbomben getroffen. Bei Heinrich Schmitz habe ich zusammen mit unserem Küster Heinrich Gilles den Brand des Speichers über dem Tor gelöscht. Bodewig und Statthalter haben selbst gelöscht. Die Feldscheune meines Vetters (Hilar Goebels) wurde auch getroffen und brannte. Habe eiligst mit meiner Löschtruppe und Nachbarn eine Eimerkette (vom Haus Goebels) bis zur Scheune organisiert und den Brand mit Eimerpumpen gelöscht.

Ein ehemaliger Schulkamerad aus Lützerath (Jakob Mülfarth) hantierte, trotz meiner häufigen Warnungen, mit gefundenen Brandbomben. Bei der Ernte fand er eine aufgeplatzte Blitzlichtbombe und zündete sie, wohl aus Neugier, an. Dabei ist er verbrannt.

Ende 1943 war ich mit drei Personen aus dem Kreis Erkelenz einen Tag in der Technischen Hochschule Aachen zur Ausbildung als Gasspürer. Zu Beginn des Jahres 1944 begann ich zugleich damit, mein in Aachen erworbenes Wissen in Gasschutzlehrgängen an die Bevölkerung weiterzugeben (siehe nachfolgende Tabelle).

Tabelle-Gasschutzlehrgaenge
Tabelle: Gasschutz-Lehrgänge in Immerath und Keyenberg Anfang 1944

Einige der in diesen Kursen verwendeten Unterrichtstafeln sind in folgender Abbildung  dargestellt.

Durch den Abwurf von Flugblättern, in denen die Gefährlichkeit der Phosphorbomben geschildert wurde, sollte die Bevölkerung verunsichert werden, da in den Flugblättern darauf hingewiesen wurde, dass die Menschen in ihren Schutzräumen verbrennen würden. Dieser Verunsicherung wollte ich entgegenwirken und machte auf dem Immerather Sportplatz erste Sprengversuche mit Originalbomben. Im Kreis Erkelenz fand ich im Laufe meiner Tätigkeit neben vielen Stabbrandbomben etwa 40 Phosphorbomben, die ich mit Hilfe der in Bad Godesberg erlernten Techniken fachmännisch entschärfen konnte. Bei der Entschärfung von Sprengbomben war ich hingegen auf die Hilfe des Sprengkommandos Köln angewiesen, da solche Bomben in der Regel äußerst tief im Boden lagen und mit gut fünf Zentnern Gewicht alleine nicht zu bergen waren.

Vom Oberfeuerwerker Fischer, dem Leiter des Sprengkommandos Köln nie gesehen und begutachtet, konnte ich diese Bomben (14 kg Gewicht; gefüllt mit Phosphor, einer brennenden Flüssigkeit; Aufschlagzünder) und deren Bekämpfung breiten Bevölkerungskreisen, Feuerwehren, DRK, Luftschutz, Polizei und Technischem Hilfswerk im ganzen Kreis Erkelenz vorführen. Von der Luftschutzzentrale in Erkelenz wurden die Amtsbürgermeister des Kreises angewiesen, hierfür Termine und einen geeigneten Platz (mit „Gerüstgalgen“) bereit zu stellen. Somit konnte ich mit den Vorführungen Ende April 1944 beginnen. Die hierzu erforderliche Ausstattung bestand aus meinem Luftschutz-Dienstwagen, einem kleinen Anhänger mit vier bis sechs Blindgängern, einem Eimer mit Zündern, Löschgeräten sowie Sand. Begleitet wurde ich von meiner bewährten Löschtruppe aus Immerath (Mathias Esser, Willi Schmitz, Heinz Hurtz, H. Vanderfuhr).

29. April 1944: Erkelenz, Sportplatz, etwa 50 Zuschauer anwesend.

Wollte zwei Bomben zünden, bei der ersten Sprengung flog der Zünder einer Frau, die auf der Westpromenade mit ihrem Kind spazieren ging, vor den Kinderwagen. Durch dieses Missgeschick verbot mir der ebenfalls anwesende Bürgermeister Meyer, eine zweite Sprengung vorzunehmen.

30. April 1944: Niederkrüchten, etwa 1.000 Zuschauer.

30. April 1944: Wildenrath, etwa 500 Zuschauer.

30. April 1944: Wegberg, an der Burg, etwa 1.000 Zuschauer.

Alle Sprengungen wurden von mir gezündet; der Platz war hier jedoch so knapp gewählt, dass ich mit meinem Seilzug sehr nahe (ca. acht Meter) an die Bombe heran musste. Ich stand auf der Böschung des Wassergrabens hinter einem dicken Baum und sah bei der Zündung, dass der Balg der Bombe auf mich zu kam – scharf am Baum vorbei – und schleuderte mir die brennende Flüssigkeit auf den Rücken. Ich sprang in die hohen Brennessel und legte mich auf den Rücken, meine Löschtruppe war sofort zur Stelle. Der Rückenbereich des Arbeitsanzugs sowie kleine Stellen auf der Haut waren verbrannt. Der Zünder flog auf der Bahnhofsstraße in ein Dachgeschoss.

07. Mai 1944: Baal, etwa 700 Zuschauer.

07. Mai 1944: Hückelhoven, Sportplatz an der Zeche, etwa 2.000 Zuschauer.

25. Juni 1944: Borschemich, etwa 800 Zuschauer.

September/Oktober 1944: Auf Anordnung mussten in Immerath Panzergräben, ungefähr zwei Meter tief und zwei Meter breit, ausgehoben werden. Einmal rechts und links der Straße nach Holzweiler, etwa auf Höhe des Grundstücks Rix; sowie auf der Straße Richtung Jackerath in Höhe des heutigen Friedhofs. Beide Straßen sollten zudem mit einer Sprengladung (Bombe) versehen werden. Sodann wurden aus Bauschutt, Balken, Geröll und altem Eisen Straßensperren errichtet, ca. zwei Meter breit und hoch. Eine dieser Panzersperren wurde auf der Rurstraße (etwa in Höhe Hilgers), eine weitere auf der Pescher Str. (etwa in Höhe Königs) errichtet. Alle Männer, Kranke und Gelähmte, Alte und Junge, mussten mit Spaten und Schaufel zu dieser Arbeit antreten.

Die Kriegslage war nun so dramatisch, dass die Tabakwarenhandlung, bei der ich beschäftigt war, ihre Warenvorräte teilweise nach Lippstadt in Westfalen auslagern musste. Mit einem geliehenen Lastwagen voll großer Bahnkisten, die randvoll mit Tabakwaren gefüllt waren, fuhren unser Fahrer Joseph Schmitz und ich nach Lippstadt. Wegen der ständigen Tiefflieger saß ich streckenweise vorne auf dem Kotflügel, um dem Fahrer anzuzeigen, wann es gefährlich wurde. Dann ging es ab in den Straßengraben.

Infolge der gefährlichen Lage wurde auch das Landratsamt (heute Kreisverwaltung) nach Holzweiler, Immerath und Pesch ausgelagert. Viele der Beamten und Angestellten waren mir gut bekannt. Eines Tages musste ich aus einem mir nicht mehr bekannten Grund zur Zulassungsabteilung, die sich in der Krautfabrik Holzweiler befand. Dort war mein guter Bekannter Peter Keller beschäftigt. Im Gespräch erzählte ich ihm, dass ich laufend mit dem Firmenwagen fahren musste, ich aber gar keinen Führerschein besaß. „Moment“ sagte er, nahm ein Formular und trug dort meinen Namen ein. Dann setzte er Stempel und Unterschrift darauf. So erwarb ich meinen Klasse 3 Führerschein, den ich mein ganzes Leben über behalten habe.

04. Oktober 1944: Zwei Bombenangriffe auf Immerath.

08. Oktober 1944: Luftangriff auf eine Marschkolone von Soldaten am Ortseingang von Pesch. Es fielen 32 Bomben, zwei Soldaten starben. Habe mehrere Verletzte notversorgt. Eine Bombe schlug auf einer Weide am Wassergraben neben dem Gutshof zwischen dem dort weidenden Rindvieh ein. Durch die Druckwelle wurde ein Ochse über das Dach der Hofgebäude geschleudert und landete mit aufgeplatztem Bauch quer auf einem Misthaufen im Innenhof.

10. Oktober 1944: Haus Nazareth wird Hauptverbandsplatz.

Im Haus Nazareth war der Hauptverbandsplatz der 159. Infanteriedivision. Die Zahnstation der 159. Infanteriedivision war im Haus Drever (neben der heutigen Immerather Apotheke) untergebracht, Leiter war Stabsarzt Willi Bettinger, später ein sehr guter Freund von mir.

Vom Hauptverbandsplatz erhielt ich Verbandsstoffe und Medizin, da ich zu den Ärzten gute Verbindungen pflegte. Bei einem dieser Besuche kam mir draußen vor dem Haus Nazareth eine OP-Schwester entgegen und übergab mir eilig ein gewisses Etwas, in Mull verpackt: es war ein amputiertes Bein. Dabei sagte sie: „Legen sie das in den Leichenkeller zu den anderen“. Fast jeden Tag wurde ein Sarg mit einem Toten vom Hauptverbandsplatz auf einer Karre mit zwei Gummirädern zum Friedhof gefahren, dahinter ein Feldgeistlicher. Die toten Soldaten wurden in einer Zeltplane bestattet und man fuhr mit dem leeren Sarg zurück.

© Alois Goeres | Haus Nazareth
Das Haus Nazareth in Immerath – ab Oktober 1944 Hauptverbandsplatz der 159. Infanteriedivision (Foto: Alois Goeres)

06. Dezember 1944, Erkelenz, Tabakwarenhandlung Wilms (heutige Hermann-Joseph-Gormanns-Straße): Plötzlich gibt es Fliegeralarm. Ich hatte gerade mein geliehenes Motorrad (250 ccm DKW) repariert und stand am Bunkereingang an einer Tonne und wusch mir die Hände. Ich nahm mein Fernglas und sah einen Jabo Lightning, er stand schon schräg über mir auf dem Kopf. Ich rannte so schnell ich konnte in den Bunker, kaum war ich in der ersten Schleuse hörte ich einen Donnerschlag. Nach kurzer Wartezeit ging ich nach oben und sah, dass das Tabakwarenlager komplett zerstört war. Mein Motorrad wurde von Splittern getroffen, so dass ich zu Fuß nach Immerath zurückgehen musste. Zur gleichen Zeit wurde der Erkelenzer Bahnhof angegriffen.

12. Dezember 1944: Jabo-Angriff auf den Hof von Haus Krapoll. Eine Bombe zerstörte die Nebengebäude mit Waschküche. Zehn Tote, davon zwei Immeratherinnen sowie sechs Flüchtlinge aus Mersch und zwei Soldaten. Habe dabei geholfen, die Toten zu bergen und einzusargen; die Särge wurden bei Werth im Geräteraum aufgestellt.

Ende 1944 wurde ich von einem Melder zur Kommandantur gerufen, die auf der Rurstraße (bei Helpenstein) untergebracht war. Ein Hauptmann erklärte mir, als Feuerwerker und Leiter vom örtlichen Luftschutz hätte ich, wenn die militärische Lage bedrohlich würde, die Bomben unter den Straßen nach Holzweiler und Jackerath zu sprengen. Hierzu gab er mir zwei Zündkapseln und je einen Meter Zündschnur. Beide Kapseln habe ich in unserem Garten gezündet, zur Sprengung der beiden Straßen ist es folglich nie gekommen.

23. Januar 1945: Schäden durch Bordwaffenbeschuss an der Immerather Kirche.

In der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1945 erfolgte der erste Artilleriebeschuss auf Immerath. Die Kirche und einige Häuser (Terhardt, Ecke Goeres/Sommer) wurden schwer getroffen. Eine 17er Granate schlug mitten auf der Pescher Str. nahe unserem Haus ein. Das Haus unseres Nachbarn Schiffer wurde dabei teilweise zerstört.

25. Februar 1945: Granateinschlag in das linke Querschiff der Immerather Kirche. Durch weitere Granaten fanden vier Soldaten den Tod.

Während das 116. Regiment der 29. amerikanischen Infanterie-Division in Immerath einrückte, lag mein Vetter Hilar Goebels als Richtschütze einer deutschen Artillerie-Einheit bei Spenrath. Zur Bekämpfung der bereits in Immerath befindlichen amerikanischen Truppen bekam er von seinen Vorgesetzten den Befehl zum Artilleriebeschuss. Bei Überprüfung der Koordinaten stellte er fest, dass er im Falle einer korrekten Durchführung des Befehls unter anderem auch sein Elternhaus auf der Pescher Str. beschossen hätte. Manuell veränderte er die Koordinaten geringfügig, so dass die Granaten neben Immerath im freien Feld einschlugen, ohne Schaden im Ort anzurichten. Aufgrund des nahen Kriegsendes hatte diese Sabotageaktion glücklicherweise keine Konsequenzen mehr für meinen Vetter.

27. Februar 1945: Der Ami kommt! Im Gefecht um Immerath traf eine Panzergranate unser Haus. Gegen 14:30 Uhr setzte nach stundenlangem Panzer-, Artillerie- und Maschinengewehrfeuer endlich Ruhe ein. Zusammen mit unserem Nachbarn Johann Schiffer an unserer Haustür stehend, erlebte ich, wie die Amerikaner, Straßenmitte Panzer, rechts und links Infanterie, alle Häuser durchkämmten und die Bewohner aufforderten, ihr Haus zu verlassen und in den Keller des „Hospittel“ zu gehen. Also gingen wir über Geröll und durch Panzer aufgewühlte Straßen in den Keller von Haus Nazareth. Dort gerade angekommen brachte man Gottfried Hurtz schwer verletzt mit einem Bauchschuss herein. Da keine ärztliche Hilfe zur Stelle war starb er nach kurzer Zeit in unserem Beisein. Die Bewohner der Freiheitstraße waren im Keller des Pastorats, wussten aber zu dieser Zeit nicht, dass die Amerikaner schon auf der Straße waren. Gottfried musste zur Toilette nach oben, die ihr Fenster zur Straße hatte. Ein amerikanischer Infanterist sah eine sich bewegende Gestalt und schoss.

Ansprechpartner für den amerikanischen Kommandanten war unser guter Pastor Carl Schumacher. Auf seinen Vorschlag hin wurden fünf Männer für den Ordnungsdienst im Ort benannt und mit weißen Armbinden und einem amerikanischen Stempel ausgestattet. Ich war einer von ihnen. Dies wurde sehr wichtig, denn es bestand Ausgangssperre. Keiner im Keller von Haus Nazareth hatte etwas zu essen. Der Immerather Bäcker Terhardt war mit im Keller und teilte uns mit, er habe noch Brot in seinem Keller. Also gingen wir Männer mit den weißen Armbinden Brot bei ihm holen. Etwa 20 Meter vor uns gingen schon zwei Mädchen (eine davon aus Immerath) mit amerikanischen Soldaten nach Hause. Etwa 500 Immerather verbrachten die folgende Nacht im Keller des Hauses Nazareth.

Wir Männer mit den weißen Armbinden wurden von den Amerikanern gezwungen, die vier deutschen Infanteristen, die beim Granatangriff auf die Immerather Kirche zwei Tage zuvor getötet wurden und deren Leichen nach wie vor an der Kirchenmauer lagen, in den Garten Goeres (Jackerather Str.) zu tragen und dort auf den Rasen zu legen. Die Erkennungsmarken haben wir ihnen abgenommen und Pastor Schumacher übergeben.

Die mit Minen und Bomben-Blindgängern übersäten Felder und Wiesen stellten in der Folge eine besonders große Gefahr für die Bevölkerung dar. Das Vieh lief herrenlos über die Felder, so dass zahlreiche aufgeplatzte Pferde- und Kuhkadaver auf den verminten Wegen und in den Gärten und Feldern der Umgebung lagen und mit ihrem widerlichen Gestank die Luft verpesteten.

© Alois Goeres | Immerath bei Kriegsende
Immerath nach Kriegsende. Zu erkennen sind die von schwerem Gerät zerfurchten Straßen und die Schäden durch Granat- und Bordwaffenbeschuss an der Immerather Kirche. (Foto: Alois Goeres)

Nach der Befreiung durch die Amerikaner Ende Februar 1945 wurde Dr. Jack Schiefer, ein sozialdemokratischer Widerstandkämpfer und späterer Ehrenbürger der Stadt Erkelenz, neuer Oberkreisdirektor. Sein Büro war in einem Geschäftshaus auf der Kölner Str. in Erkelenz, dessen Schaufenster nur notdürftig mit einem Bretterverschlag versehen worden war. Im April 1945 ging ich zu ihm und erklärte ihm die Situation der Notversorgung mit Tabakwaren und bekam daraufhin von ihm eine Bescheinigung, mit der ich berechtigt war, für den Kreis Erkelenz Tabakwaren einzukaufen. Diese Bescheinigung war nach dem Krieg die Grundlage für die Gründung einer eigenen Tabakwarengroßhandlung in Immerath.

Mitte April 1945 fuhr ich für den Kreis Erkelenz mit einem Möbelwagen zum Tabakwareneinkauf nach Westfalen. Mit dabei waren Georg Trefzer für den Kreis Düren und Joseph Fabry für den Kreis Geilenkirchen-Heinsberg. Bei uns hielt der Jeep eines amerikanischen Leutnants samt Dolmetscher. Sie fragten, ob ich einmal zu ihnen kommen könnte, da ich als Feuerwerker doch Erfahrung mit dem Entschärfen von Bomben besäße. Sie hätten einige Bomben-Blindgänger gefunden, die entschärft werden müssten und baten mich, diese gefährliche Aufgabe zu übernehmen. Dies habe ich abgelehnt mit der Begründung, dass sie die eigenen Bomben besser kennen als ich.

Ende April 1945 Fahrt nach Krefeld. Plötzlich auf einer Wiese eine Explosion, etwa in Höhe von Buscherhof/Erkelenz, linker Seitenweg. Ein Lastwagen mit Minenräumern war auf eine Mine gefahren. Ich hielt an, lief hin und sah mehrere Männer neben dem Wagen auf der Erde liegen. Durch die Wucht der Explosion waren sie vom Lastwagen hochgeflogen. Ein Mann hing mit dem Oberschenkel eines Beines in einem langen Nagel auf einem Wiesenpfahl. Mit Hilfe eines zweiten Mannes konnten wir den Mann herunterheben, einen Notverband anlegen und in meinen Wagen bringen. Ich fuhr dann weiter mit ihm über holprige Straßen, unter fortdauerndem Schmerzgewimmer, nach Mönchengladbach zum Krankenhaus Maria Hilf. Resultat für mich und meinen geliehenen Wagen Opel P4: fast alle Polster mit Blut beschmiert.

Epilog

Hier enden die Kriegserinnerungen von Walter Corsten.

Seit Bekanntwerden von Plänen der Rheinbraun AG (heute: RWE Power), im südöstlichen Stadtgebiet von Erkelenz – so auch unter Immerath – Braunkohle abbauen zu wollen, war Walter Corsten ein engagierter Kämpfer für den Erhalt seines Heimatdorfes, das er in Kriegszeiten als Luftschutzbeauftragter vor der Zerstörung zu bewahren versucht hatte. Etwa zwei Jahre nachdem er seine Erinnerungen an diese bewegende Zeit zu Papier gebracht hatte, verstarb Walter Corsten im Jahr 2003 im Alter von 78 Jahren, in seinem geliebten Immerath.2

  1. Veröffentlicht in der Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e. V., a. a. O. und mit freundlicher Genehmigung der Familie des verstorbenen Walter Corsten.
  2. Anmerkung von Hans-Walter Corsten
  1. Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. (Hrsg.), Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 24, 2010. Aus der Geschichte des Erkelenzer Landes, Seite 199 bis 214.

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