In den 1930- und 1940iger Jahren war dieses Stadtviertel wohl jedem Erkelenzer bekannt. Denn es war, zumindest im Volksmund, nicht gerade ein „Paradeviertel“ der Stadt. Die Redensart „de kütt us de Baracke“ war in Erkelenz keineswegs ein Kompliment, obschon natürlich hier auch viele fleißige Menschen lebten. Nach dem 2. Weltkrieg verschwand der Begriff „Baracken“ immer mehr und heute kennt kaum jemand in der Stadt die Geschichte dieses Erkelenzer Stadtviertels.
Die Entstehung
Die Entstehung des Viertels hängt eng mit dem Ende des 1. Weltkrieges zusammen. Der Waffenstillstand vom 11.11.1918 hatte das Ende eingeleitet. In den Abendstunden des 2. Dezember 1918 besetzten belgische Truppen Erkelenz. Sie ließen die Erkelenzer Bevölkerung spüren, was es heißt, einen Krieg verloren zu haben, denn es kam sogar zu Ausschreitungen und Plünderungen. Die Lage beruhigte sich ein wenig, als elf Tage später die Belgier von französischen Infanterietruppen abgelöst wurden, die meist ältere Männer waren. In dieser Zeit durfte aber die Bevölkerung die Häuser nach 21 Uhr nicht mehr verlassen.
Im Januar 1919 wurden diese Infanteristen von französischen Alpenjäger abgelöst. Die Drangsal der Bevölkerung wuchs wieder, als am 31.8.1919 ein französisches Jäger-Bataillon Erkelenz besetzte. Es kam zu einigen schwereren Übergriffen. Eine strenge Zensur verhinderte jede Berichterstattung darüber in der Tagespresse.
In der Folgezeit wechselten französische und belgische Truppen als Besatzer mehrfach infolge von Truppenverschiebungen im Rheinland. Ab etwa Mitte 1920 waren nur noch belgische Truppen in Erkelenz.
Die Belastungen der Erkelenzer Bevölkerung durch die Unterbringung der Soldaten spitzte sich Anfang der 1920iger Jahre zu, kam doch auf zwei Erkelenzer ein belgischer Soldat.
Immer wieder hatte sich die Erkelenzer Stadtverordnetenversammlung und der Bürgermeister Johannes Spitzlei in der Folgezeit mit dem Problem der Unterbringung der Besatzungstruppen zu beschäftigen, die zunächst ausschließlich in Privatquartieren und Sälen der Stadt untergebracht waren, aber auch Ställe und Scheunen wurden beschlagnahmt. Einzelheiten zu der Besatzungszeit im Artikel „Besatzungstruppen in Erkelenz nach dem ersten Weltkrieg“.
Das Militärlager die „Baracken“ entsteht
Die Stadt überlegte mehrfach, Häuser für die Unterbringung der Besatzungssoldaten anzukaufen, das scheiterte aber aus verschiedenen Gründen. Als erste Entlastung wurde 1921 auf dem ehemaligen Parkgrundstück von Anton Raky zwischen Bahnlinie und Landratsamt am heutigen Freiheitsplatz gegenüber dem abgerissenen Kreishaus ein dreiteiliger Häuserblock für Offiziere gebaut. Diese Wohnblöcke stehen heute noch und werden als Wohnungen genutzt. Gleichzeitig wurde an der Glück-Auf-Straße ein ebenfalls dreiteiliger Wohnblock für Unteroffiziere gebaut, der aber inzwischen abgerissen und durch Neubauten ersetzt wurde.
1920 wurde zunächst vorgeschlagen, entlang des Ostricher Mühlenweges (heute „Im Mühlenfeld“) Baracken für Mannschaften und Pferde zu errichten. Dieser Vorschlag wurde aber nicht verwirklicht. Vorher waren schon an der Brückstraße auf einer Wiese eines Ostricher Bauer einige Baracken für eine Artillerie-Einheit errichtet worden, die am gegenüberliegenden Feldweg zur Rosenstraße Munition gestapelt hatte.
Für die Unterbringung der Mannschaften sollten dann Baracken zwischen der Bahnlinie, der heutigen Graf-Reinald-Straße und Tenholter Str. in Richtung Tenholt, in einem unbebauten Gelände erstellt werden. Nach langwierigen Verhandlungen zwischen der Stadt Erkelenz und der Reichsvermögensverwaltung wurden in den Jahren 1920/21 die Baracken als Unterbringung für Mannschaften und Material aufgestellt. Angelegt wurden auch entsprechende Exerzierplätze.
Bei der Aufstellung wurde nach einem genauen Plan vorgegangen. Es entstanden zunächst gepflasterte Straßen. Die drei Lager wurden zwar nacheinander bezogen, waren aber gleichzeitig erbaut worden und waren in ihrer Anlage gleich. Von der späteren Graf-Reinald-Straße und Tenholter Straße waren drei Stichstraßen gebaut, die jeweils auf einen Exerzierplatz stießen. Die Stichstraße des Artillerie- und Wagenlagers ist heute noch als Teil der Straße „Am Hagelkreuz“ erhalten.
Ursprünglich waren die Baracken reine Holzbauten. Später wurden auch einzelne Felder mit Steinen ausgefüllt.
Die Exerzierplätze waren groß und mit einem breiten, gepflasterten Straßenstreifen gesäumt. Dazwischen lagen in symmetrischer Form, meist vier hintereinander, die Mannschaftsbaracken. In der Nähe der Exerzierplätze gab es Pferde- und Wagenschuppen. Dazu kamen eine ganze Reihe verschiedener Barackentypen, die für einen bestimmten Zweck eingerichtet waren. Es gab Offiziers-, Wach-, Sanitäts-, Bäckerei-, Schmiede- und Badebaracken.
Ein hoher Stacheldrahtzaun umgab jedes Lager, die Einfahrten waren mit Toren versehen, über denen die Namen der Lager standen; so hieß das Artillerielager Flandern-Camp, ein anderes Ypern-Camp. Die Baracken hatten Wasser- und Kanalanschlüsse, die mit dem städtischen Kanalsystem verbunden waren. Vor und zwischen den Mannschaftsbaracken waren Appellplätze und Aschenwege. Grasstreifen lockerten das strenge Bild der dunklen, wetterfest gestrichenen Baracken auf.
Ende des Militärlagers
Ende 1925 verdichteten sich die Meldungen, dass die Besetzung des linksrheinischen Rheinlandes beendet werden sollte. Im Januar 1926, also vor 100 Jahren, war es dann tatsächlich so weit, am 31. Januar verließen die letzten Besatzungstruppen Erkelenz. Die Beendigung der Besatzung wurde am 01. Februar 1926 von der Stadt und den Bürgern festlich gefeiert.
Ein neues Stadtviertel entsteht
Das Ende der Besatzung brachte für die Stadt Erkelenz auch die Frage, was nun mit dem ehemaligen Militärviertel geschehen sollte. Es erfolgten langwierige Verhandlungen mit der Reichsvermögensverwaltung, im Mai 1926 wurde Einigung erzielt, das Barackengebiet blieb erhalten und wurde Wohngebiet.
Die Stadt Erkelenz baute im Frühsommer 1926 auf einem der Exerzierplätze nach Plänen des Stadtbaumeisters Scholtes aus Wagenschuppen für Ihre Festveranstaltungen zum 600jährigen Stadtjubiläum eine große Festhalle. Die Halle wurde später wieder abgebrochen.
Parallel zum Bau der Festhalle liefen die Verhandlungen mit der Reichsvermögensverwaltung für eine Übernahme der Gebäude bzw. des Geländes. Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig. Es war sogar im Gespräch, einen Teil des Viertels abzureißen.
Da in Erkelenz Wohnungsnot herrschte, wurde von Verwaltung und Bürgern gefordert, die Baracken zu Wohnzwecken zu nutzen.
Schließlich ergab sich, dass der 1922 gegründete „Siedlerverein Eigenheim“ im Jahre 1926 für seine Mitglieder einen Teil der Baracken zum Kauf vermittelte. Es handelte sich dabei um einen Block von 2 mal 4 Mannschaftsbaracken und je einer Wach- und Offiziersbaracke. Auch die Firma Wirth erwarb eine Baracke und richtete darin ein Ledigenheim für Beschäftigte der Firma ein. Der Kaufpreis war gering, je qm Grund und Boden 1,- Mark, die Baracken nach Größe gestaffelt: Schlafsaalbaracke 750 Mark, Offiziersbaracke 425 Mark, Krankenbaracke 200 Mark, Speisesaalbaracke 300 Mark. Die Kosten kamen somit im Schnitt auf ca. 2000 Mark je Siedler.
Ende 1926 wurde der Exerzierplatz im Wagenlager dem Hockeyclub verpachtet und umliegende Baracken z. T. verkauft oder verpachtet. Ein Erkelenzer Zimmermann bot per Zeitungsanzeige seine Arbeit beim Abbruch bzw. Wiederaufbau oder Umbau von Baracken an. Auch ein kleiner Industriebetrieb ließ sich hier nieder. Das gesamte Barackengelände blieb, mit Ausnahme der Siedler „Eigenheim“ und einiger weniger Einzelkäufer bis 1940 im Besitz der Stadt Erkelenz.
Die Stadt versuchte damals, das Barackenviertel in ein freundliches Wohngebiet zu verwandeln. Doch dieses Vorhaben gelang nur teilweise. Vor allem die Baracken im mittleren Teil des Infanterielagers wurden nach der 600-Jahrfeier z. T. von Mittel- und Arbeitslosen bezogen, bevor die von der Stadt vorgesehenen Umbauten und Renovierungen durchgeführt werden konnten. Die Folge war, dass dieses Gebiet binnen kurzem ein mehr oder weniger verwahrlostes Aussehen hatte. Da entstand auch der eingangs zitierte Spruch. Im Oktober 1927 berichtet das Erkelenzer Kreisblatt, dass in den „Baracken“ ein Gespenst sein Unwesen treiben würde. Allerdings konnte die Polizei nichts feststellen und beruhigte die Bevölkerung.
Insgesamt wohnten in dieser Zeit in dem Viertel etwa 140 Familien, es war dort auch der Hockeyplatz, und einige kleinere Betriebe hatten sich niedergelassen. Die Idee, um 1940 einen größeren und einen weiteren kleineren Betrieb anzusiedeln, wurde durch den Ausbruch des 2. Weltkrieges verhindert. Lediglich 1940 erwarb die Kraftverkehrsgesellschaft ein Gelände an der Graf-Reinald-Straße, die dann aber erst 1964 hier ihren Betriebshof und die Verwaltung baute.
Trotz des Krieges plante Erkelenz ein neues politisches Zentrum. Einen Teilbebauungsplan lieferte 1941 der Aachener Prof. Veil. Danach sollte in dem Bereich der heutigen Wilhelmstraße, der Goswinstraße, der Graf-Reinald-Straße, der Gerhard-Welter-Straße und der Tenholter Straße (die Straßen trugen damals zum Teil andere Namen), also auch in einem Teil der ehemaligen Baracken, ein neues politisches Zentrum entstehen. Vorgesehen war der Bau von Parteidienststellen, eines neuen Rathauses mit Dienstwohnungen, eines Gemeinschaftshauses mit Glockenturm, einer Landwirtschaftlichen Schule, einer Berufsschule und der Kraftverkehrsgesellschaft. Verwirklicht wurden diese Pläne aber nicht.
Nach dem 2. Weltkrieg änderte sich das „Gesicht“ des Viertels. Ehemalige Baracken wurden abgerissen und durch Wohnhäuser ersetzt oder in Steinbauten -bei einigen ist die ursprüngliche Grundform noch erkennbar- umgebaut. Gewerbebetriebe unterschiedlichster Art siedelten sich in dem Gebiet an. Heute ist das Gebiet als Mischgebiet im Bebauungsplan ausgewiesen und ein Stadtviertel wie die anderen auch. Aber die Geschichte der „Baracken“ ist in Erkelenz mehr oder minder vergessen. 1
- , Heimatkalender der Erkelenzer Lande. Erkelenz, Jahrgang 1968, Seite 140 ff "Josef Lennartz, Die Baracken: Zur Geschichte eines Erkelenzer Stadtviertels"
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