Vorbemerkung
Neben großen und überregional bekannten Wallfahrts- und Pilgerorten gibt es im Rheinland auch eine Reihe regionaler Wallfahrten. In der näheren Umgebung sind z. B. das Birgelener Pützchen und Holtum bekannt. Dennoch schützt eine lange Tradition in einer zunehmend säkularen Gesellschaft nicht vor Veränderungen, vor dem Ausdünnen der Wallfahrtsaktivitäten, in negativster Konsequenz endet sogar eine Wallfahrtstradition.
Im Stadtgebiet von Erkelenz gibt es zwei Orte, zu deren Geschichte eine Jahrhunderte zurückreichende Wallfahrt gehört, die heute noch existiert oder an die im Dorfgeschehen erinnert wird.
Erkelenz – Holzweiler
Die Pfarrkirche in Holzweiler steht unter dem Patronat der Heiligen Cosmas und Damian, die aufgrund ihrer Kenntnisse über Arzneimittel und Heilkunde als Schutzpatrone medizinischer Berufe verehrt werden.
Die Kirche in Holzweiler hat allerdings einen Nebenpatron, den hl. Georg. „Diesem Ritter und Bauernheiligen war eine südlich der Kirche gelegene Kapelle geweiht, die vorübergehend Wallfahrten anzog […].“1 Ihm zu Ehren war wohl zwischen 1401 und 1415 für ein nahe gelegenes Gasthaus eine Kapelle gebaut worden, dessen „Glöckchen […] trägt die Inschrift MARIA VOCOR. ANNO DOMINI MCCCCXV“.2 Diese Georgiuskapelle, auch Gasthauskapelle genannt, ist heute Teil eines Wohnhauses und äußerlich nur noch am dreiseitigen Chorabschluss erkennbar. Das Gebäude ist als Nr. 142 in der Denkmalliste der Stadt Erkelenz geführt.
Der ursprüngliche Georgskult wurde für Generationen in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen gedachten die Menschen eines wundersamen Ereignisses als Anlass für den Kapellenbau: So soll sich ein Kommunionkind des Ortes auf dem Heimweg übergeben haben, Dorfbewohner fanden die unversehrte Hostie, die dann in einer Prozession in die Kirche zurückgebracht wurde. Sowohl Einheimische als auch Bewohner umliegender Orte sammelten genau an diesem Fund- und Kapellenort die Blätter und die Rinde eines dort wachsenden Baumes als Heilmittel gegen (Keuch-)Husten.
Die hier erbaute Kapelle wurde im Laufe der Zeit durch Sach- und Geldspenden gut dotiert, auch der Kapellengeistliche war offenbar sehr auskömmlich versorgt. „Im Jahr 1560 wurden in der Kapelle vier Wochenmessen gelesen. 115 Jahre später fand nur noch montags eine Eucharistiefeier statt. Das Patronatsfest begingen die Gläubigen am Montag nach Weißen Sonntag. Dann zog eine Prozession von der Pfarrkirche zur Kapelle, wo eine Hl. Messe mit Predigt gehalten und der sakramentale Segen gespendet wurde.“3 Zeitgleich fand als Ergänzung zur kirchlichen Feier der Georgsmarkt statt, der auch auswärtiges Publikum anzog.
An diese im Laufe der Zeit aufgegebene Tradition wollte 1853 Pfarrer Peter Bono, der seit Dezember 1845 Pfarrer in Holzweiler war, anknüpfen und den Georgskult neu beleben: die Georgsfeier am Montag nach Weißen Sonntag wurde wieder eingeführt, ebenso die Montagsmesse. Im Jahr 1856 erfolgte erstmals eine Erfassung aller Jahrmärkte im Kreis Erkelenz. Für Holzweiler ist die Datierung des allerersten Termins nicht mehr nachweisbar, doch „war in Holzweiler der zweite Montag nach Ostern der Hauptmarkttag […] im Anschluss an den Georgius -Tag, und es entwickelte sich aus beiden Tagen die Georgius-Kirmes“.4 Die Aussteller und Handwerker sollen das ganze Dorf mit Beschlag belegt haben. Über den großen Besucherandrang – fernab der Wallfahrt – heißt es in einem Bericht: „Das Dorf glich dann bald einem Heerlager.“5
In einer Zusammenstellung von Prozessionen und Wallfahrten für die Pfarre Holzweiler wird 1874 an 2. Stelle die „Prozession am Weißen Sonntag um den Kirchhof“ gelistet.6 Von einer dauerhaften Wiederbelebung der Wallfahrt konnte aber keine Rede sein, die Zahl der Wallfahrer sank, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gab es noch Einzelpilger und kleinere Gruppen.7
In der Pfarrkirche ist der Georgsaltar Hinweis auf das alte christliche Brauchtum. Wenn Holzweiler heute zum ab dem Jahr 2000 neu belebten Georgiusmarkt einlädt, erinnert nur der Name noch an die ehemalige Wallfahrt.
Erkelenz – Tenholt
Anders stellt sich die Situation in Tenholt dar. Die heutige – mitten im Dorf gelegene – Kapelle aus dem Jahr 1863 wurde 1956 erweitert. Als Patron wird in Tenholt der hl. Antonius verehrt. Die 1959 von Peter Haak geschaffene Holzskulptur im Innenraum der Kirche zeigt den Heiligen frontal, gerade aufgerichtet, mit dem Antoniusstab in der Hand. Doch schon vor Betreten der Kirche ist unmissverständlich zu erkennen, dass in Tenholt der Eremit Antonius und nicht der Kirchenlehrer Antonius von Padua verehrt wird.
Über dem Eingangsportal steht eine Steinskulptur, die den Heiligen mit den ihm zugeordneten Attributen zeigt: in der linken Hand ein zum Antoniuskreuz geformter Stab, an dem ein Glöckchen hängt und zu seinen Füßen ist ein Schwein zu sehen: „Ferkes Tünn“, so der sinnenfällige Name des Heiligen im Volksmund. Der in Tenholt verehrte Heilige wird zur Verhütung der Schweinepest angerufen.
Wie ist dieses Attribut zu erklären? Antonius und vor allem die Angehörigen des von ihm gegründeten Antoniterordens kümmerten sich intensiv und unentgeltlich um Verarmte, Schwerkranke und Seuchenkranke. Ihre Fürsorge galt Menschen, die am Rand der Gesellschaft standen oder die wegen der Ansteckungsgefahr gemieden wurden. Mit der Glocke am Stab machten die Ordensleute auf sich aufmerksam. In einigen Gemeinden war ihnen zugestanden, ihre Schweine auf Gemeindeland weiden zu lassen. Oder eine Gemeinde hielt auf Kosten der Öffentlichkeit ein Schwein für die Ordensleute, das als Kennzeichnung eine kleine Glocke um den Hals trug. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Antonius der Einsiedler daher zum Schutzpatron der Schweine und des Viehs insgesamt. Ein Heiliger also, der besonders in ländlichen Regionen verehrt wird.
In der dritten Januarwoche „findet eine Oktav statt, zu der Wallfahrer, meist Einzelpersonen, zu Fuß oder in Fahrtgenossenschaften, die kleine Ortschaft aufsuchen und die in der Kapelle bewahrten Reliquien verehren“.8 Anfang des 20. Jahrhunderts erschien jährlich in den ersten Januarwochen eine Anzeige im Erkelenzer Kreisblatt, mit der zur Teilnahme an der Oktav eingeladen wurde.
In der Dorfgemeinschaft Tenholt und durch die Pfarrei Christkönig Erkelenz wird die Wallfahrtstradition aufrechterhalten. Mit Freude und Erleichterung wurde im Pfarrbrief für Januar 2023 darauf hingewiesen, dass man nach der Corona-Pandemie wieder die Oktav in der Gemeinschaft begehen könne. Das Traditionsbewusstsein zeigt sich auch im aktuellen Dank des Ortsausschusses: Allen Helfern und Spendern bei der St. Antonius-Oktav sagen wir ein herzliches Dankeschön. Dadurch kann die alte Tradition in Tenholt hoffentlich noch lange erhalten bleiben.9
Beide Ereignisse, die Antonius-Oktav in Tenholt und der Georgiusmarkt in Holzweiler, sind Beleg für lebendige Volksfrömmigkeit und Traditionspflege.10
- Wynands, Wallfahrten, S. 267
- Clemen/Renard, Kunstdenkmäler, S. 313
- Wynands, Wallfahrten, S. 268
- Blaesen, Rheinisches Dorf, S. 83
- Böhmer, HK 1962, S. 78
- So bei Blaesen, Rheinisches Dorf, S. 195
- Wynands, Wallfahrten, S. 269
- Ebd. S. 267
- Pfarrbrief Christkönig Erkelenz, Februar 2025
- Text: Agnes Borgs, Dezember 2025 für den Heimatverein der Erkelenzer Land e.V.
- , Holzweiler – Ein rheinisches Dorf in preußischer Zeit 1815–1947. Mönchengladbach, 1988
- , Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Neuss
- , Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 8, 1988. Frauenrath, Therese: Tenholt – ein Dorf im Erkelenzer Land
- , Heimatkalender der Erkelenzer Lande. Erkelenz, 1962. Heinrich Böhmer, Georgius-Kirmes in Holzweiler, S. 78
- , Geschichte der Wallfahrten im Bistum Aachen. Aachen, 1986
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