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Leo Sels

⁎ 13.01.1888 † 16.10.1981
1921 1981 Bürgermeister, Diplomat, Dolmetscher, Autor, Lehrer
sonstiger Name: Eine schillernde Persönlichkeit des 20. Jhs.
13.01.1888 bis 16.10.1981

Vorbemerkung

Philologe, „Kulturoffizier“, Theaterkritiker, „Mediator“, Bürgermeister, Diplomat, „Zivilbeauftragter“, Chefdolmetscher, Übersetzer, Volkshochschullehrer. Betrachtet der Leser den Werdegang von Leo Sels, so ist er von der „Buntheit“ seines Lebenslaufes überrascht. Wer war dieser Mann?

Die Familie Sels

Leo Joachim Sels wurde am 13.01.1888 in Rath, dem heutigen Rath-Anhoven, als ältestes Kind von Franz Wilhelm Sels und Wilhelmine Thönnißen geboren. Sein Vater stammte aus einer bäuerlichen Familie aus dem benachbarten Isengraben, seine Mutter aus Anhoven. Kurze Zeit später zog die Familie nach Bonn, wo der Vater ein „Agentur- und Commissionsgeschäft“ betrieb. Leos Sels bekam noch drei Geschwister, zwei Schwestern, von denen eine im Kindesalter verstarb, und einen Bruder, Heinrich, der später als Arzt seine Praxis in der Kölner Straße hatte. Als der Vater 1895 starb – in der Sterbeurkunde wurde als Beruf Pferdebahnschaffner angegeben – zog die junge Witwe mit ihren drei Kindern zu ihrer gleichfalls verwitweten Schwägerin Maria Agnes Vasters geb. Sels nach Gut Schönhausen bei Beeck.

1902 erbaute diese in Erkelenz in der heutigen Kölner Straße ein Wohnhaus, das sie mit ihrer ledigen Schwester Anna Maria Sels und der Familie ihrer Schwägerin bezog.1


Schul- und Universitätsausbildung

© Günther Merkens | Wilhelm Schmitter | Gymnasium Erkelenz an der Südpromenade
Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gymnasium an der Südpromenade

Leo Sels besuchte zunächst das Progymnasium in Erkelenz und wechselte dann 1903 auf das Gymnasium Münstereifel, wo er 1907 sein Abitur ablegte. Er wohnte in einem Konvikt. Jenes Gymnasium wurde damals von etlichen Schülern aus Erkelenz besucht. Ob Leo Sels direkt ein Studium an einer Universität aufnahm, ist nicht bekannt. Ein Mitschüler nennt die Universitätsstädte München, Paris, Cambridge, Turin und Bonn. Hier schrieb er sich im April 1912 für ein Studium der Neuen Philologie (u. a. der französischen Sprache) ein, weil er Gymnasiallehrer werden wollte.2

Der 1. Weltkrieg

1914 befand er sich auf einer Reise durch Nordfrankreich, als ihn der Kriegsausbruch überraschte. Sofort kehrte er in einer abenteuerlichen Reise über das neutrale Königreich der Niederlande zurück, um Soldat zu werden, blieb aber weiterhin als Student in Bonn eingeschrieben. Die ersten zwei Kriegsjahre soll er in Frankreich gedient haben, um dann am Feldzug gegen Rumänien teilzunehmen und anschließend in Bukarest „Chef der Zensur für Theater und Kino“ zu werden. Zugleich schrieb er für Bukarester Zeitungen in Deutsch und Rumänisch Theaterkritiken und hielt Vorlesungen für studierende Mitglieder der deutschen Besatzungsarmee.3


Zwischen den Weltkriegen

Besatzungszeit

Nach Kriegsende geriet Leo Sels kurzzeitig in serbische Kriegsgefangenschaft, um Ende November 1918 nach Erkelenz zurückzukehren. Die Stadt war wie das gesamte Rheinland von den alliierten Armeen besetzt worden, Erkelenz zunächst von belgischen später von französischen Einheiten. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse wurde er von der Stadt- und Kreisverwaltung als Übersetzer und Verbindungsmann, heute würde man wohl Mediator sagen, angestellt. Aus seinem im Erkelenzer Kreisblatt veröffentlichten Tagebuch ist zu entnehmen, dass er neben seiner Tätigkeit als Übersetzer auch intensiv eigenständig oder in Abstimmung mit dem Landrat bzw. Bürgermeister bedeutenden Einfluss auf die Beziehungen zu den immer wieder wechselnden Besatzungstruppen hatte. Dieses Amt übte er bis Ende 1920 aus. Sels fühlte sich persönlich, wie auch weite Teile der Bevölkerung, massiv von der Besatzung unterdrückt und suchte nach Auswegen aus der prekären Situation.4

Familie

© Erkelenzer Kreisblatt | Heiiratsanzeige
Erk. Kreisblatt 03.05.1919

Am 1. Mai 1919 heiratete er Maria Josefina Eleonora Noë. Ihr Vater war Klavierbauer und betrieb in der Aachener Straße / Ecke Westpromenade eine Klavierhandlung. Ihr Onkel war Joseph Noë, der von 1895 bis 1903 in Erkelenz Oberpfarrer gewesen war. Das Ehepaar bekam zwei Töchter.

© Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. | Haus des Drossards Hasenbach, später Schwiegereltern Leo Sels
Haus der Familie Noë, die Schwiegereltern von Sels

Beruflicher Werdegang

© zeitpunkt.nrw.de | Westdeutsche Landeszeitung vom 03.01.1921
Westdeutsche Landeszeitung 03.01.1921

Im Januar 1921 wurde er zunächst kommissarischer Bürgermeister von Körrenzig, das damals noch zum Kreis Erkelenz gehörte.

1921-01-07-Westdeutsche Landeszeitung Einführung als Bürgermeister Cörrenzig
Westdeutsche Landeszeitung 07.01.1921

Am 6. Januar 1921 wurde er vom Landrat von Reumont offiziell in sein neues Amt eingeführt.


1928-05-15-Echo der Gegenwart Sels scheidet aus Bürgermeisteramt Körrenzig aus
Erk. Kreisblatt 15.05.1928

1928 vermittelte ihn sein ehemaliger Mitschüler aus Münstereifel, Hermann Pünder, der mittlerweile Staatssekretär in der Reichskanzlei geworden war, nach Berlin. In einer Quelle wird diese Vermittlung dem Priester und Sozialpolitiker Carl Sonnenschein zugeschrieben.


1928-06-15-Erkelenzer Kreisblatt Sels nach Berlin berufen
Erk. Kreisblatt 15.06.1928

Leo Sels soll im Außenministerium und später beim Völkerbund in Genf tätig gewesen sein. Ab 1931 habe er für eine „weltbekannte Maschinenfabrik“ in Berlin die Auslandsabteilung geleitet.


Im Zweiten Weltkrieg war er „Zivilbeauftragter“ in Paris und Spanien. Leider wird dies nicht weiter erläutert, vermutlich im Auftrag der Wehrmacht.

© Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V. | Unterschrift Leo Sels
Sels Unterschrift

Werdegang nach dem 2. Weltkrieg

DDR-Zeit

1945 geriet er in Berlin als Angehöriger des Volkssturms in russische Kriegsgefangenschaft, 1947 wurde er nach Ostberlin entlassen. In der DDR wurde er zunächst Chefdolmetscher im Außenhandelsministerium und dann im Außenministerium, wo er die Fremdsprachenausbildung leitete. 1956 war er Diplomat in Brasilien. Zwischen 1960 und 1962 übersetzte er drei Bücher aus dem Spanischen. Er war Mitgründer und -arbeiter der Zeitschrift „Fremdsprachen“ und unterrichtete an der Volkshochschule Prenzlauer Berg. Mit 76 Jahren trat er in den Ruhestand und gab nun in der Volkshochschule Unterricht in fünf Sprachen.5


Übersiedlung

Nach seiner Scheidung am 14.05.1959 heiratete er eine ehemalige Schulfreundin seiner Tochter. Im November 1965 konnte er zu ihr nach Westberlin ausreisen. Auch hier war er weiterhin als Fremdsprachenlehrer tätig, nun an der Volkshochschule Berlin-Reinickendorf. 1979 galt er mit 91 Jahren als ältester VHS-Dozent Deutschlands.6


Verdienste in der Erkelenzer Zeit

Leo Sels war vielseitig interessiert, so wurde er in den 20er Jahren Kreisvorsitzender der Zentrumspartei. 

1920-05-22-Heinsberger Volkszeitung Kreisversammlung Zentrumspartei
Einladung zur Versammlung der Zentrumspartei

1919-12-18-Erkelenzer Kreisblatt Volkshochschule Erkelenz

Er baute mit Landrat von Reumont ein Volksbildungswerk, den Vorläufer der Volkshochschule, auf. Es begann mit sogenannten Volksunterhaltungsabenden, denen sich dann Volkshochschulkurse anschlossen, die im Gebäude der Landwirtschaftlichen Schule abgehalten wurden. Die beiden Männer wollten so den Einfluss der Besatzungsbehörden „auf das geistige Leben der Bevölkerung“ zurückdrängen. Der Landrat selbst hielt dabei Vorträge für Ärzte, Anwälte und der Lehrerschaft des Kreises. Die Einladung links zeigt beispielhaft wie umfangreich das Programm angelegt war.


Leo Sels trat der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde bei und war schließlich auch Mitunterzeichner des Aufrufs zur Gründung des Erkelenzer Geschichts- und Altertumsvereins. Auf der Gründungsversammlung hielt er einen Vortrag über „die Geschichte der Stadt und Herrschaft Erkelenz“, die im Laufe der Jahrhunderte „ein vollgerüttelt Maß von Leid und Schmach hat auf sich nehmen müssen.“ „Bisher galt Erkelenz als Stiefkind der Geschichtsforschung“, dies wollte man nun mit dem neuen Verein ändern.7

1920-09-30-Erkelenzer Kreisblatt Aufruf Gründung Geschichts- und Altertums Verein 2
Aufruf Erkelenzer Bürger zur Gründung eines Geschichts- und Altertumsvereins

Sels wurde sofort zum Schriftführer im dreiköpfigen Vorstand gewählt und trat der „Sektion (Arbeitskreis) für Geschichtsforschung, Archiv und Bibliothek und für geschichtliche Veröffentlichungen“ bei. In diesem Verein sollte er in den kommenden Jahren eine tragende Rolle spielen. In der Grünen Schriftenreihe des Vereins veröffentlichte er zwei Hefte. Für die Heimatblätter, der Zeitungsbeilage des Erkelenzer Kreisblattes, schrieb er zwischen 1920 und 1943 insgesamt 28 Aufsätze, darunter etliche mit Fortsetzungen. Gemeinsam mit dem Priester Josef Gaspers gab er 1926 das Buch „Geschichte der Stadt Erkelenz“ heraus und schrieb hierzu das Kapitel „Die Franzosenzeit“. Er war der organisatorische und kreative „Kopf“ der Aktivitäten im Jubiläumsjahr 1926, als das 600-jährige Jubiläum der Stadt Erkelenz gefeiert wurde.


1965 nahm er mit der Erkelenzer Kreisverwaltung Kontakt auf und äußerte den Wunsch einige seiner Aufsätze, die er für die Heimatblätter geschrieben hatte, nun unter dem Titel „Geschichten aus dem alten Erkelenz“ zu veröffentlichen. Seine eigenen Unterlagen wären im Krieg bei der Zerstörung seines Hauses verbrannt. „Momentan“ schreibe er seine Erinnerungen aus der Zeit zwischen 1892 und 1914 nieder. Sein Wunsch wurde nicht verwirklicht. 1979 erkundigte er sich bei der Stadt nach dem Verein der ehemaligen Schüler des Gymnasiums, er sei doch wahrscheinlich der „älteste lebende Schüler“. In seinem Antwortschreiben gratulierte Bürgermeister Stein ihm zu seinem 91. Geburtstag.

Am 16.10.1981 verstarb Leo Sels in Berlin-Reinickendorf.8

  1. Stadtarchiv Erkelenz 14/606, 33.1.1
  2. vgl. Leo Sels: Der Kreis Erkelenz und das Münstereifler Gymnasium 1925, Seite 71
  3. Leo Sels, 1933, Einige Urkunden aus dem Archiv der Stadt Erkelenz, Seite. 45
  4. Erkelenzer Kreisblatt vom 08.01.1921
  5. Heinz Renn: Joachim Leo Sels (A 1907) 90 Jahre alt. Der älteste noch aktive Volkshochschuldozent Berlins, in Mitteilungen Ehemaliger Münstereifler 1978
  6. N.N., Mit 91 Jahren noch VHS – Dozent in Berlin, in: Erkelenzer Volkszeitung 1979
  7. Zitate aus: Gründungsbericht. Geschichtliches. Erkelenzer Geschichts- und Altertumsverein; Heft 1, Erkelenz 1920, S.8
  8. Text von Hubert Rütten, Bilder Bernd Finken
  1. Erkelenzer Geschichts- und Altertumsverein (Hrsg.), Heimatblätter Monatsschrift für Heimatkunde. Nummer 9, 1925. Leo Sels: Der Kreis Heinsberg und das Münstereifler Gymnasium, Seite 71
  2. Erkelenzer Geschichts- und Altertumsverein (Hrsg.), Heimatblätter Monatsschrift für Heimatkunde. Nummer 6, 1933. Leo Sels: Einige Urkunden aus dem Archiv der Stadt Erkelenz, Seite 44 - 45
  3. Joseph Brandts (Gründer), Erkelenzer Kreisblatt. Erkelenz, 03.05.1919, 08.01.1921, 15.05.1928, 15.06.1928
  4. Verlag der Westdeutschen Landeszeitung, Westdeutsche Landeszeitung. Mönchengladbach, 07.01.1921
  5. unbekannter Autor, Erkelenzer Volkszeitung. Erkelenz, 1979
  6. Erkelenzer Geschichts- und Altertumsverein (Hrsg.), Schriftenreihe des Erkelenzer Geschichts- und Altertumsverein (Grüne Hefte). Heft 1, 1920

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