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Maschinenbaufabrik Wilhelm Hegenscheidt

sonstiger Name: Beginn in Ratibor und Neubeginn in Erkelenz
1896 bis 2024

Im Jahr 1947 endete der Weg der Firma Hegenscheidt von Ratibor aus dem von der Sowjetarmee eroberten und polnisch gewordenen Oberschlesien in Erkelenz. Hier entwickelte sich das Traditionsunternehmen wieder zur alten wirtschaftlichen Stärke und ist bis heute mit seinen Produkten erfolgreich auf dem Weltmarkt tätig. Wie war der Weg?

Beginn in Ratibor

Wilhelm Hegenscheidt

© niles-simmons.de/hegenscheidt-mfd- | Wilhelm-Hegenscheidt

Wilhelm Hegenscheidt jun. * 13. Mai 1861 in Gleiwitz, Oberschlesien; † 22. September 1895 in Ratibor, Oberschlesien

Sein Vater Carl August Wilhelm Hegenscheidt (1823–1891) kam aus Altena, Westfalen, nach Oberschlesien und gründete 1852 in Gleiwitz eine Draht-, Nagel- und Kettenfabrik.

Die ersten beruflichen Erfahrungen sammelte Wilhelm junior im Betrieb seines Vaters. Wilhelm Hegenscheidt gründete dann 1889 in Ratibor eine Baubeschlagfabrik. Die Erfolge seines Betriebes erlebte er lediglich sechs Jahre lang. Nachdem er 1895 mit 34 Jahren verstorben war, wurde im Folgejahr 1896 die nach ihm benannte Werkzeugmaschinenfabrik Wilhelm Hegenscheidt GmbH in Ratibor gegründet.

Emil Blau

Nach dem Tod von Wilhelm Hegenscheidt übernahm Emil Blau im Jahr 1896 die Leitung des Betriebes und wurde wohl auch Kapitaleigner. Blau war ein begnadeter Techniker und Erfinder aus Österreich. Er entwickelte Werkzeugmaschinen, die im Trend der Zeit lagen, unter anderem ab 1920 die Radsatzdrehmaschinen jeder Art für Wagen- und Lokomotivradsätze. In Blaus Zeit fallen auch die Entwicklungen von Langfräsmaschinen und Weichenzungen-Hobelmaschinen.1

Zunächst wurden in Ratibor Schuhnägel produziert, später Baubeschläge für Fenster und Türen hergestellt. Für die Baubeschlagfabrik wurden die entsprechenden Automaten und Halbautomaten im eigenen Betrieb gebaut. Daraus entwickelte sich später die eigentliche Werkzeugmaschinenfabrik Wilhelm Hegenscheidt.
Im Jahre 1922 wurden dann in der Werkzeugmaschinenfabrik alle Maschinen hergestellt, die für den Bergbau und die Bedienung des oberschlesischen Industriegebietes entwickelt worden waren.

Diese Maschinen wurden aber später vom Programm abgesetzt und lediglich noch Radsatzdrehbänke hergestellt. Auf diese Weise entwickelte sich Hegenscheidt zum Experten und zur einzigen Firma in der Welt, die Radsatzdrehbänke als Hauptprogramm fabrizierte. Hegenscheidt hatte u. a. eine Radsatzdrehbank entwickelt und patentieren lassen, die beide Räder gleichzeitig drehen konnte, ohne sie von der Achse entfernen zu müssen. Vor allem die Eisenbahnindustrie profitierte schnell vom Know-How der Firma Hegenscheidt.

Schon 1912 hatte Hegenscheidt 1.200 Mitarbeiter, die dann bis zum Zusammenbruch 1945 auf 2.500 anstiegen. Inzwischen waren zum Ratiborer Werk einige weitere Betriebe hinzugekauft worden, und zwar zuerst 1907 die Schoenawa’schen Werke in Ratiborhammer, die aus einem Schweiß- und Flußeisenwalzwerk bestanden, einem sogenannten Puddelwerk, ferner eine Achsenfabrik, eine Schraubenfabrik und eine Gießerei. Einige Jahre später wurde schließlich in Dziergowitz die frühere Fränkelsche Zementfabrik hinzugekauft und wieder einige Jahre später in Tapiau (Ostpreußen) eine weitere Baubeschlagfabrik.

© niles-simmons.de/hegenscheidt-mfd- | Gesamtansicht-des-Werkes-in-Ratibor-im-Jahr-1912-Foto-Hegenscheidt-MFD
Das Werk in Ratibor, 1912

Hegenscheidt weitete den Markt nach Übersee aus, in der Hauptsache aber in den Osten. Hauptkunden waren Rußland und China sowie der gesamte Balkan. Es versteht sich, dass die Deutsche Reichsbahn in erster Linie auf die Erzeugnisse der Firma Hegenscheidt zurückgriff; diese deckte den Eisenbahnbedarf zu ca. 80 Prozent.2

Adolf Schondorff/Bernhard Schondorff

Im Jahre 1932 kaufte Dr. Ing. E. H. Adolf Schondorff (geb. 31.01.1880, gest. 26.06.1962) die Firma Hegenscheidt nach dem Tode von Emil Blau (gestorben 1932) von dessen Witwe. Das Werk wurde im Zweiten Weltkrieg erweitert und änderte seinen Namen in Schondorff-Hegenscheidt Werke GmbH. Das Unternehmen, das seine Werke in Ratibor und Ratiborhammer hatte, produzierte auch für die Bedürfnisse der Rüstungsindustrie des Dritten Reiches, z. B. Werkzeugmaschinen für die Eisenbahnindustrie. Ende 1943, als die alliierten Luftangriffe in Oberschlesien begannen, wurden die Fabriken von den Spezialkräften der Luftwaffe in Gleiwitz geschützt3.

Seit 1935 war auch Dipl. Ing. Bernhard Schondorff (geb. 20.09.1910, gest. 31.03.1991), der Sohn von Adolf, in der Geschäftsleitung der Firma. Er war es dann, der 1945 massgeblich die Flucht in den Westen organisierte und nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1962 die Firma leitete.

Die Flucht

Im Januar 1945 hatte die Rote Armee der Sowjetunion das schlesische Industriegebiet eingekesselt. Lediglich bei Ratibor blieb ein „Tor“ in Richtung Westen offen, durch das ein großer Teil der deutschen Industrie aus Oberschlesien flüchtete. Auch Hegenscheidt-Schondorff wollte vor der Eroberung nach Westen ausweichen; bei einem Meter Schnee und 30 Grad unter Null wurde ein Lkw- und Pkw-Treck für 28 Familien zusammengestellt, der zur Tarnung weiß gekälkt wurde und der sozusagen zwischen der zurückweichenden Wehrmacht und der vordringenden Roten Armee ins fast unbehelligte Niemandsland führte, so dass sie „keinerlei Belästigungen ausgesetzt“ waren. Der Treck gelangte ins thüringische Erfurt, wo Schondorff vom Verkehrsministerium in Berlin den Befehl erhielt, ins noch nicht eroberte Ratibor zurückzukehren, um dort die Radsatzdrehbänke im Werk herauszuholen, da sie für die größtenteils zerstörte Bahninfrastruktur wichtig waren. 33 Eisenbahnwaggons hatte Schondorff zur Verfügung, sie kamen sogar aus dem Werk heraus – die inzwischen befreite Tschechoslowakei, durch die der Zug fahren musste, sperrte die Grenze, das Unternehmen scheiterte.

Thüringen, man war wieder nach Erfurt zurück gekehrt, war von den Amerikanern besetzt, die nach den alliierten Vereinbarungen dieses aber im Juli 1945 verließen und Schondorff aufforderten, die Firma in die amerikanische Zone nach München zu bringen. Doch da gab es wegen der Evakuierung keine Ansprechpartner, deshalb blieb man in Erfurt.

Von der russischen Besatzung wurde Schondorff mitgeteilt, dass sich die Maschinen aus Ratibor nunmehr in der Nähe von Moskau befänden und er und die Mitarbeiter überlegen sollten, dort wieder zu fertigen. Sowohl Schondorff als auch die anderen Mitarbeiter flüchteten dann aber in den „Westen“.

Nach dem Verlust eines Großteils ihrer Kundschaft und der Produktionsanlagen baten sie den VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken) Partnerfirmen zu suchen, bei denen man die Produktion wieder aufnehmen könnte, wenn diese über funktionierende Bearbeitungsmaschinen verfügten. Mehrere Firmen wie in Düsseldorf, Karlsruhe, Gießen schieden aus, da sie von den westlichen Alliierten demontiert wurden. Schließlich wurde man in Erkelenz bei der Maschinen- und Bohrgerätefabrik Alfred Wirth & Co fündig. Und damit begann die Ära Hegenscheidt in Erkelenz.4

Neubeginn in Erkelenz

Nachdem Hegenscheidt in Erkelenz ein neues Zuhause gefunden hatte, wurde das Unternehmen als Kommanditgesellschaft neu gegründet. Nach Abschluss eines Fabrikationsvertrages mit der Firma Wirth begann man dann im Jahre 1947 mit der Arbeit. Zuerst war Hegenscheidt nur ein Konstruktions- und Verkaufsbüro – mehrere der leitenden Mitarbeiter aus Ratibor waren mit geflüchtet -, die Maschinen wurden in den Werkstätten der Firma Wirth hergestellt. Der gesamte Verkehr mit den Kunden wurde jedoch von Hegenscheidt erledigt. Es konnte aber nur der Werkzeugmaschinenbau erfolgen, die anderen früheren Produktionszweige waren zu sehr standortgebunden. Deshalb wurde ein neues Fabrikationsprogramm geschaffen, die Produktion von Glattwalzmaschinen.

© Archiv Stadt Erkelenz | Villa Raky

1900 kaufte Anton Raky das (links abgebildete) Haus und ließ es umbauen. Mit Anbauten und einer schmuckreichen Fassade entstand daraus die „Villa Raky“. Nach dessen Ausscheiden aus der IBG wurde daraus die Direktoren-Villa und in den Jahren des „Dritten Reiches“ war hier die Kreisleitung der NSDAP.5

Nach dem Kriege benutzte die Firma W. Hegenscheidt KG diese Villa – sie war im Krieg nur wenig beschädigt worden – als Konstruktion- und Büroräume. Beim Bau der Bahnunterführung im Jahre 1988 wurde sie abgerissen.

Im Jahre 1954 wurde in einer kleinen Halle des ehem. Landhandels Schiffer – das Gebäude gehörte früher zur Mechanischen Weberei Halcour – wieder eine eigene Produktionsstätte geschaffen, insbesondere für die Glattwalzmaschinen. Die größeren Radsatzdrehbänke wurden weiter bei Wirth gefertigt.

© RP 2019 | Halcour/Kraftverkehr

In den 1960iger Jahren übernahm die Hegenscheidt KG das Gelände und die Fabrikhallen, die seit 1932 von der Kraftverkehrsgesellschaft (davor Halcoursche Fabrik) genutzt wurden. Die im Hintergrund stehenden Baracken wurden 1966 abgerissen und das gesamte Gelände wurde nach und nach von Hegenscheidt bebaut und genutzt.6

© Arvhiv Heimatverein | Verwaltungsgebaeude-1964

In der ersten Aufbaustufe wurde 1964 das neue Verwaltungsgebäude fertiggestellt und 1966 die große Montagehalle (ehemalige Fabrikhalle von Halcour) in Betrieb genommen. In diesem Jahr wurde auch ein Gleissanschluss geschaffen.

© niles-simmons.de/hegenscheidt-mfd- | Der heutige Firmenkomplex

In den Folgejahren wurden rund um das Gebäude eines Landhandels und des Jüdischen Friedhofs zahlreiche Produktionshallen und Bürogebäude errichtet.

© https://www.bahnbilder.de/bild/Deutschland~Dampfloks~Sonstige/83560/ehemalige-werkslokomotive-der-fa-hegenscheid-in.html | Ehemalige Werkslokomotive der Fa. Hegenscheid in Erkelenz, Hohenzollern Nr. 3650 aus dem Jahr 1919, vor dem Werksgelände als Denkmal aufgestellt. Dezember 2006 Uwe Korbella 20.01.2007, | ehemalige-werkslokomotive-fa-hegenscheid-erkelenz-83560

Eine ehemalige Werkslokomotive der Fa. Hegenscheidt aus dem Jahr 1919 wurde vor dem Werksgelände in Erkelenz als Erinnerung an die Zeit in Ratibor aufgestellt.

Hegenscheidt-MFD/Vossloh

Im Jahr 1995 erwarb die Vossloh AG aus Werdohl (Anbieter im Bereich der Bahntechnik) sowohl die Hegenscheidt GmbH – die KG war zwischenzeitlich in eine GmbH umgewandelt worden – als auch die Maschinenfabik Deutschland (MFD) – 1872 gegründet und 1911 von Hoesch übernommen7 – , die wie Hegenscheidt ebenfalls Radsatzdrehbänke produzierte und fusionierte beide Firmen am Standort Erkelenz. Aus der Hegenscheidt GmbH und der Hoesch-MFD GmbH entstand das Unternehmen HEGENSCHEIDT-MFD GmbH.

Hegenscheidt-MFD/NSH-Group

Im Jahr 2001 erwarb Prof. Hans J. Naumann – von 1970 bis 1982 war er bereits Gesellschafter und Geschäftsführer bei Hegenscheidt GmbH – von Vossloh mehrheitlich Hegenscheidt-MFD und fügte diese seinem in USA und Deutschland bestehenden Werkzeugmaschinen-Unternehmen (NSH Group Prof. Naumann) hinzu. Daraus entstand die Niles-Simmons-Hegenscheidt Gruppe (NSH-Group).

Die beiden Kernbereiche von Hegenscheidt-MFD sind zum einen die Produktion von Radsatz-Bearbeitungsmaschinen und Radsatz-Diagnosesystemen für Schienenfahrzeuge. Zum anderen ist es die Herstellung von Fest- und Richtwalzmaschinen, Drehräum- und Passlagerbearbeitungsmaschinen zur Herstellung von Kurbelwellen. Diese werden zur Fertigung von PKWs und leichten Nutzfahrzeugen benötigt. Hauptkunden von Hegenscheidt-MFD sind internationale Bahnunternehmen sowie Unternehmen der Automobilindustrie und deren Zulieferer.8

Die NSH-Gruppe konzentriert sich auf die Planung, Herstellung und Unterstützung von Werkzeugmaschinen mit dem Ziel, Systeme der höchsten Zuverlässigkeit, Qualität, Innovation und Energieeffizienz zu produzieren. Die Tochtergesellschaften bauen für Bahn, Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Automobil und erneuerbare Energien zuverlässige Werkzeugmaschinen. Neben Spezial- und Mehrzweckmaschinen ist die NSH-Gruppe eine der weltweit führenden Anbieter von schlüsselfertigen Lösungen für die Konzeption und Umsetzung ganzer Produktionslinien.9

Und Hegenscheidt, wie die Fima in Erkelenz immer hieß, liefert heute einen entscheidenden Beitrag dazu.

In der Stadt Erkelenz wurde eine Stichstraße vom Marienweg als „Ratibor Weg“ und eine Stichstraße von der Neußer Straße als „Hegenscheidt Platz“ benannt.

Erwähnt sei noch, dass es in Ratibor noch heute die polnische Nachfolgefabrik gibt, die 1946 gegründet wurde und heute den Namen „RAFAMET“ führt.10 11

  1. https://rp-online.de/nrw/staedte/erkelenz/chancen-im-jahr-1889-erkannt_aid-9077323 (Stand: 04.2024)
  2. siehe Heimatkalender, a. a. O., 1965, Seite 84
  3. https://www.naszraciborz.pl/site/art/5-styl-zycia/14-historia/78271-130-lat-temu-w-raciborzu-powstala-firma-hegenscheidt (Stand: 04.2024)
  4. siehe Heimatkalender, a. a. O., 1965, Seite 86ff
  5. siehe Josef Lennartz/Theo Görtz, „Erkelenzer Straßen“, Seite 106
  6. siehe Josef Lennartz/Theo Görtz, „Erkelenzer Straßen“, Seite 128/129
  7. https://www.nshgroup.com/unternehmensgruppe/internationale-gesellschaften/hegenscheidt-mfd-de/ (Stand: 04.2024)
  8. https://www.wer-zu-wem.de/firma/hegenscheidt-mfd.htm (Stand: 04.2024)
  9. https://nsh-usa.com/nsh-group/ (Stand: 04.2024)
  10. Geschichte (rafamet.com) (Stand: 04.2024)
  11. Text von Günther Merkens, 2024, für den Heimatverein der Erkelenzer Lande
  1. Landkreis Erkelenz und Heimatverein der Erkelenzer Lande, Heimatkalender der Erkelenzer Lande. Erkelenz, Jahrgang 1965, "Von Ratibor nach Erkelenz". Seite 84 ff; Jahrgang 1966, "Bei Hegenscheidt in Erkelenz", Seite 91 ff; Jahrgang 1968, "Maschinenfabrik W. Hegenscheidt, Erkelenz, baut auf", Seite 187 ff;

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