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Elektrifizierung in Keyenberg

Beginn 1909

„Es werde Licht“ hieß es mit der Elektrifizierung im August 1909 für Keyenberg. Nach einer mehr als einjährigen Verhandlungszeit zwischen der Stadt Rheydt und der Bürgermeisterei Keyenberg wurde der Ort an das Rheydtsche Elektrizitätswerk angeschlossen.1 Mit Abschluss des Vertrages zahlte Keyenberg „für jede Kilowattstunde, welche für Licht zum eigenen Verbrauch abgenommen wird, 20 Pfennig und für jede Kilowattstunde, welche für Kraft abgenommen wird, für die ersten 20 000 Kilowattstunden 12 Pfennig, für die ferneren Kilowattstunden 10 Pfennig“ 2. Dafür erhielt die Gemeinde „elektrische Energie zu Licht- und Kraft- und sonstigen Zwecken“3.

Elektrifizierung auf dem Land

© Bernd Finken | Strommast

Die Elektrifizierungswelle in der wilhelminischen Zeit begann bereits mit der Eröffnung des ersten deutschen Elektrizitätswerks in Berlin 1885.4 Dass Keyenberg erst nach 1900 an das Elektrizitätsnetz angeschlossen wurde, steht in direkter Verbindung mit seiner ländlichen Lage. So war „Elektrizität (…) vor der Jahrhundertwende ein rein städtisches Phänomen“5 und „(erst) nach 1900 begann die Elektrifizierung ländlicher Gebiete“.6 „Dies lag vor allem daran, dass sich der Bau von eigenen Elektrizitätswerken für kleinere Gemeinden oftmals wirtschaftlich nicht rentierte.“7 Erst mit der Erfindung des Drehstroms 1891 konnte mit „Überlandbetrieb“ auch über weite Strecken hinweg begonnen werden, ohne dass Mengen Strom verloren gingen.8 Auch das Elektrizitätswerk in Rheydt war eine dieser „großen Überlandzentralen“9, die Strom an mehrere umliegende Gemeinden lieferte. Neben Keyenberg bezogen auch Borschemich, Venrath, Bedburdyk, Wanlo und Liedberg aus Rheydt ihren Strom.10

Verbreitung in Keyenberg

Die Verbreitung innerhalb des Dorfes nach der Vertragsunterzeichnung verlief schnell. So waren „bereits Ende 1909 in Keyenberg 160 Haus- und 16 Kraftanschlüsse installiert“.11 Bei 124 Haushalten, die Keyenberg im Jahr 1895 verzeichnete, kann man von einer generellen Elektrifizierung von Keyenberg 1909 sprechen. Auch für öffentliche Gebäude wurden noch 1909 Kostenvoranschläge für die Elektrifizierung eingeholt, zum Beispiel für die Schule oder die Bürgermeisterei.12 Beim Schulhaus etwa einigte man sich auf die Montierung von 10 Lampen. Auch für den in Keyenberg sehr bedeutenden Wirtschaftszweig der Landwirtschaft bot die Elektrifizierung neue Möglichkeiten. Schon 1909 heißt es in einer Broschüre, dass Elektrizität „für die Landwirtschaft (…) mehr und mehr eine unabweisbare Notwendigkeit wird“13. Eine Entwicklung, die genauso eingetreten ist.

Konkurrenz der Elektrizität

© Bernd Finken | Strommast
der Eletrizität

Heutzutage schwer vorstellbar, aber zur Zeit des Kaiserreiches war elektrisches Licht keineswegs konkurrenzlos. Zu den Mitbewerbern zählten Petroleumlampen und Gasbeleuchtung. Doch da elektrisches Licht „neben einer besseren Lichtqualität auch weit weniger gesundheitsschädlich war“14, stellte es „eine angenehmere Lichtform als die bisherigen“15 dar. Trotzdem war die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Lichtquellen so groß, dass der Vertrag zwischen der Bürgermeisterei Keyenberg und der Stadt Rheydt zur Elektrifizierung einen Paragraphen enthielt, der sicherstellte, dass während der dreißigjährigen Vertragslaufzeit keine Gasbeleuchtung montiert werden durfte – „(auch) darf Gasbeleuchtung für die Dauer des Vertrages nicht eingeführt werden“16.

Mit den negativen Seiten der Stromgewinnung wird Keyenberg heute direkt konfrontiert. Zum Befeuern der Kraftwerke wird der Ort dem Braunkohleabbau weichen müssen und dafür von der Landkarte verschwinden.17 Eine Entwicklung, die zur Zeit der Elektrifizierung von Keyenberg noch nicht absehbar war.18

  1. Nico Fischer: Die Elektrifizierung Keyenbergs, a. a. O., S. 8
  2. Stadtarchiv Erkelenz 9/14, Preis für Strom
  3. Stadtarchiv Erkelenz 9/14, Paragraph 1 des Vertrags
  4. Nico Fischer: a. a. O., Seite 5
  5. Hans Otto Gericke: Die Überlandzentralen Krottorf und Derenburg- die ersten öffentlichen Stromversorger ländlicher Gebiete im nördlichen Harzvorland, a. a. O., Seite 104
  6. Philipp von Hugo: Der Aufbruch in ein „elektrisches Zeitalter“, a. a. O., Seite 39
  7. Nico Fischer: a. a. O., Seite 6
  8. Nico Fischer: a. a. O., Seite 6
  9. Gerold Ambrosius: Hybride Eigentums- und Verfügungsrecht. a. a. O. Seite 136
  10. Nico Fischer: a. a. O., Seite 8
  11. Mackes: Erkelenzer Börde, a. a. O., Seite 284
  12. Nico Fischer: a. a. O., Seite 15
  13. Stadtarchiv Erkelenz 9/14, Landwirtschaft
  14. Nico Fischer: a. a. O., Seite 14
  15. Nico Fischer: a. a. O., Seite 14
  16. Stadtarchiv Erkelenz 9/14, Kein Gas
  17. Nico Fischer: a. a. O., Seite 17
  18. Text von Rita Hündgen 2020 für den Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V., Zusammenfassung der Hausarbeit von Nico Fischer: Die Elektrifizierung Keyenbergs
  1. , Stadtarchiv Erkelenz. 9/14
  2. Karl L. Mackes, Erkelenzer Börde und Niersquellengebiet. Mönchengladbach, ISBN: 3-87448-122-0, 1985
  3. Nico Fischer, Die Elektrifizierung Keyenbergs (unveröffentlichte Hausarbeit). Mannheim, 2018
  4. Philipp von Hugo, Der Aufbruch in ein „elektrisches Zeitalter“. Elektroindustrie und Elektrizitätswirtschaft im Deutschem Kaiserreich 1880 bis 1918. In: Manfred Ragati/Harald Wixforth (Hrsg.): Wirtschaft und Energie im Wandel der Zeit. Die Geschichte der Elektrizitätsversorgung in Ostwestfalen und Schaumburg-Lippe, Seite 37 bis 48, Köln, 1999
  5. Hans Otto Gericke, Die Überlandzentralen Krottorf und Derenburg - die ersten öffentlichen Stromversorger ländlicher Gebiete im nördlichen Harzvorland. In: Harz-Zeitschrift 57. Jahrgang 2005, 2005
  6. Gerold Ambrosius, Hybride Eigentums- und Verfügungsrecht. Öffentlich-private Kooperationen in systematisch-theoretischer und historisch-empirischer Perspektive . In: Schriften zur öffentlichen Verwaltung und öffentlichen Wirtschaft 226, Berlin, 2012

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