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22.07.2021 Virtuelles Museum hatte analogen Vorgänger


Vor genau 100 Jahren reifte in Erkelenz die Idee, Heimatgeschichte in einem Museum auszustellen. Alte Schriftstücke und Fotos erinnern daran.

VON WILLI SPICHARTZ (RP Bericht vom 20.07.2021)

„Die Erkelenzer empfanden es als besonderes Glück, dass ihnen im Jahre der Wiederkehr der Stadterhebung vor 625 Jahren das Alte Rathaus wiedergeschenkt wurde. Das Dachgeschoß ist ausgebaut worden und wird in Kürze das Heimatmuseum des Kreises Erkelenz aufnehmen.“

ERKELENZ Friedel Krings, von dem dieser Text stammt – ,,der“ Lokalhistoriker seiner Zeit – war im Heimatkalender der Erkelenzer Lande 1954 von keinem Zweifel angenagt, dass die Glocken des Lambertiturms die Wieder-Eröffnung des Museums ankündigen würden. Das war im Bombenkrieg vom Juni 1940 untergegangen. Das heutige virtuelle Museum hat also einen analogen Vorgänger: Vor genau 100 Jahren, 1921, wurden erste Überlegungen für ein Heimatmuseum in Kreis und Stadt Erkelenz angestellt. Aber zur ersehnten „Wiedereröffnung“ in Erkelenz hat es dann doch etwas länger gedauert, und auch das Dachgeschoss des Alten Rathauses musste nicht ausgebaut werden, um das Erkelenzer Heimatmuseum aufzunehmen. Man muss auch keine Treppe steigen – es genügt heute ein Smartphone, um sich wie eine Spinne im Netz des „Virtuellen Museums“ des Heimatvereins der Erkelenzer Lande (HEL) zu bewegen und Typisches des hiesigen Raums kennen zu lernen.

Willi Wortmann und Georg Kehren haben 1997 für den Band 16 die Schriftenreihe des Heimatvereins untersucht, bewertet und Schlüsse aus der Quellenlage gezogen und aus einem recht reichhaltigen Fotoarchiv visuelles Material gezogen, und damit auch für das analoge Heimatmuseum, dessen Gründung von einem Museumsausschuss ausging. Der wurde von drei Gemeinschaften ins Leben gerufen, die 1922 die Gründung des Museums beschlossen: der Geschichts- und Altertumsverein (Vorgänger des HEL), der Verschönerungsverein und der Rathausbauverein. Und die fackelten nicht lange, sammelten einen Fundus von Gegenständen aus dem lokalen Alltagsleben und der  -kultur, die exemplarisch für die Geschichte (nicht nur) der engeren Region waren/sind.

Willi Wortmann, Stadtarchiv Erkelenz | Blauer saal Heimatmuseum 094Blausaal2 bearb
Recht geräumig wirkte der Blaue Saal im Obergeschoss des Alten Rathauses.
 

„Durch die Rokokotür betreten wir das Museum und gehen rechts die Wendeltreppe herauf, die noch die alten eichenen Treppenstufen aufweist, über die die Erkelenzer Ratsherren in früheren Jahrhunderten so manches Mal in schweren und auch in fröhlichen Tagen zur Beratung oder zu heiterem Mahle, zu Spiel und Tanz hinaufgeschritten sein mögen. (…) eine eichengeschnitzte Barock-Kartusche mit Inschrift und Gründungsdatum des Heimatmuseums  –  17. Mai 1922 –  beleben  den Treppenaufgang.“ So beginnt ein Bericht über das Museum vom Anfang der 1930-er Jahre, dessen Diktus und Duktus sowohl für ein analoges wie auch ein digitales Gebäude gelten könnte. In digitalen Zeiten geht allerdings kein Ratsherr mehr „zu heiterem Mahle (außer Schöffenessen) zu Spiel und Tanz“ ins Rathaus, eigentlich nur noch zur Beratung, und das tun auch nicht mehr nur Herren…

Der 1930er Bericht stellt das ganze Museum vor, den blauen und den gelben Saal, die Küche, themengeordnet. Der gelbe Saal war der „Kirchlichen Kunst und Heimat“ gewidmet, die Ausstattung enthielt in erster Linie Leihgaben der Lambertus- und der Antoniuskirche, darunter die spätgotische  „Terheeger Hängekanzel“  von etwa 1450, die letzte ihrer Art in Westdeutschland. Ohnehin vieles aus dem 15. Jahrhundert.

Der „Heimatlichen Raumkunst“ war der blaue Saal vorbehalten, in dem ein Kronleuchter die Blicke anzog, dazu ein barocker Altarschrank, Glasschränke im Aachen-Lütticher Stil, Sitzgruppe und der österreichische Doppeladler als Windfahne vom Wegberger Rathaus. Kleinere Räume in der ersten Etage zeigten Modelle der Stadt und Fotografien typischer Bauten. Das Ober(Dach)geschoss hielt Schaustücke zu Flachsanbau, Textilverarbeitung, landwirtschaftliches Gerät sowie Archäologie- Funde aus römischer, fränkischer und der Neuzeit, der Eiszeit bereit. Fahnen und Militaria legten eine Affinität zur preußischen Monarchie unverkennbar dar, zumal der preußische Landrat Dr. von Reumont bis weit in die Weimarer Republik im Amt belassen worden war.

Schon die ersten der Bombenabwürfe im von den Nationalsozialisten ausgelösten Zweiten Weltkrieg zerstörten 1940 die allermeisten der musealen Erinnerungsstücke. Den materiellen Schaden bezifferte die Kreisverwaltung auf 75.000 Reichsmark, den Leihgeber geltend gemacht hatten.

Die Idee des Wiederaufbaus des Museums war noch Jahre virulent. Bleibende und wechselnde Umstände, unter anderem die Kommunale Neugliederung 1972, be- und verhinderten die Umsetzung letztlich. Ein virtuelles Museum im Home-Office oder der Home­ Event-Location ist allerdings auch bequemer. Man kann sogar ein Bier beim Rundgang trinken.

INFO

Funde aus Eis- und Steinzeit

Ein Rundgang durch das Obergeschoss begann gleich neben dem Treppenaufgang mit Funden aus der Eis- und der Steinzeit, von den Römern und den ihnen folgenden Franken. Jahrmillionen alte Versteinerungen von Pflanzen und Tieren reichten am weitesten in die Regional- und Lokalgeschichte zurück. Weitere Zeugnisse belegen, dass zumindest Mammuts vor oder während der Eiszeit die Fauna hier bildeten, es wurden eine Rippe und ein Zahn dieses Verwandten des Elefanten gezeigt; die letzte Eiszeit hier endete vor rund 100.000 Jahren. Auch aus der Steinzeit an Rur, Schwalm und Niers kündeten einige Funde von Artefakten, Werk- oder Kunstgegenständen, denn die Besiedlung begann zu dieser Zeit. Eine Datierung der Steinzeitfunde hatte der Autor des Rundgangs durchs Museum von vor 90 Jahren nicht vorgenommen, jüngste Entdeckungen bei Wegberg-Kipshoven lassen schließen, dass diese schon durch Neandertaler bis vor 80000 Jahren entstanden sein könnten.

Interessant war für Hückelhoven der Torso einer Steinsäule aus der Römerzeit, die bei den Ausschacht-Arbeiten zur Barbara-Kirche 1933 am Wadenberg entdeckt wurde. Der Fundort belegt auch, dass die Erstbesiedlung (nicht nur) Hückelhovens nicht in der nassen Ruraue, sondern auf halber Höhe zur trockeneren Erkelenzer Lössebene erfolgt ist.

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