Eine Kirche erzählt

Heilig-Kreuz Keyenberg

Ich weiß! Einige Menschen nerve ich, wenn ich bereits um 7 Uhr morgens zum Angelusläuten meine wohlklingenden Glocken erklingen lasse. Gerade an Sonntagen will keiner so früh geweckt werden. Heute weiß ja auch keiner mehr, dass mein Geläute morgens, mittags und abends den Menschen im Dorf als zeitliche Richtschnur diente. Man wusste beim Läuten, wann das Tageswerk beginnen sollte, wann das Mittagessen bereit stand und Feierabend war. Aber in Zeiten von Quarzuhren braucht niemand mehr mein Geläute. Natürlich weiß ich, dass in der katholischen Kirche das Angelusläuten für die Angelusgebete stattfand, aber die alten Leute sahen darin doch eher die zeitliche Struktur ihres Tages.

 

Es hat sich ohnehin viel geändert. Waren das noch Zeiten, als meine Bänke an Sonntagen voll waren. Heute kann ich froh sein, wenn sonntags 30 bis 40 Gläubige den Gottesdienst besuchen. Es scheint, dass keiner mehr meinen Hausherrn braucht. Je weniger Gläubige mich besuchen, desto weniger Priester werden geweiht. In Keyenberg lebt schon lange keiner mehr im Pfarrhaus. Alle 14 Tage halten Laien den Gottesdienst. Schade, dass in meinen Mauern nicht mehr so viel gebetet wird. Es macht mich schon sehr traurig, dass ich nicht mehr so sehr gebraucht und zunehmend säkularisiert werde. In meinem Turm befinden sich Sendeanlagen von Telefongesellschaften, damit auch jeder im Ort mit seinem Handy und Smartphone spielen kann. Dabei empfinde ich mich als besonders schönes neugotisches Exemplar innerhalb der Kirchengebäude in Erkelenz und wurde immerhin von einem berühmten Kirchenbauer, dem Professor Friedrich von Schmidt aus Wien, in der Mitte des 19. Jahrhundert entworfen.

Ich kann mit Fug und Recht sagen: Um meinen Kirchturm herum spielte sich das Leben in Keyenberg ab.

Gab es ein Fest oder ein Jubiläum im Ort, ging es meistens von hier aus. Da sind zum Beispiel die Schützen. Zweimal im Jahr feiern sie Kirmes und die beginnt sonntags natürlich mit einem Hochamt mit anschließendem Totengedenken am Kriegerdenkmal neben meinem Portal. Dann treten alle Schützen in Uniform und schwarzem Frack an und der St. Josefs Musikverein spielt auf zum „Helm ab zum Gebet“. Da sind die Festtage wie Weihnachten und Ostern, die besonders von unserem Kirchenchor festlich gestaltet werden.

Besonders freue ich mich, wenn junge Leute zu mir kommen. Ich weiß nicht, wie viele Kommunionkinder an meinem Altar die erste heilige Kommunion empfangen haben. Beim Empfang der Hostie hat sich ja so manches geändert. Vor dem 2. Vatikanischen Konzil mussten sich zum Empfang alle vor der Kommunionbank knien, um die Kommunion zu empfangen. Der Priester legte die Hostie dann vorsichtig auf die Zunge.

Zu dieser Zeit ging längst nicht jeder zur Kommunion. Nein, ich erinnere mich noch gut, dass viele Männer nach der Wandlung mein Haus verließen und in die nahe Kneipe zum Frühschoppen gingen. Wer zur Kommunion ging, musste nüchtern sein, ansonsten durfte er sie nicht empfangen. Das vertrug sich nicht mit dem Alkohol in der Gastwirtschaft.

Das hat sich nach dem 2. Vatikanum grundlegend geändert. Die Hostie wurde in die Hand gelegt. Für manche Kirchenbesucher ein No-Go, wie man heute zu einem Tabu sagt. Die Kirchenbank wurde zur Sitzbank für die Messdiener umfunktioniert. Meine Beichtstühle blieben zunehmend verwaist, weil kaum noch einer zur Ohrenbeichte ging und geht. Der Hochaltar diente nicht mehr als Tisch des Herrn, weil der Priester heute mit dem Gesicht zum Kirchenvolk steht.

Auch die Erstkommunionkinder brauchen nicht mehr wie früher ehrfürchtig in ihren Bänken sitzen und mit gefalteten Händen auf den Empfang warten. Nein, sie gestalten heute ihren Gottesdienst selbst und stehen mit dem Priester und den Müttern, die sie auf diesen Tag vorbereiteten, um den Altar herum. Das finde ich sehr schön. Denn Gott ist doch bei den Menschen und nicht weit weg von ihnen.

 

Unzählige Paare gaben sich in meinem Haus das Ja-Wort und kamen auch gerne zu mir zurück, wenn sie denn Silber- oder Goldhochzeit feierten. Diese Feiern beglückten mich besonders, wenn sie vom St. Josefs Musikverein oder vom Kirchenchor Cäcilia musikalisch unterstützt wurden.

Damit will ich nichts gegen meine Orgel gesagt haben, denn die ist fast so alt wie ich und erklingt nach wie vor majestätisch in den Messen und Gottesdiensten.

Und in wenigen Jahren soll ich abgerissen werden, weil der Ort wegen des Braunkohleabbaus umgesiedelt wird. Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.

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