Vorbemerkung
Schwanenberg gehörte zur Reformationszeit zum Herrschaftsbereich Wickrath. Da der Landesherr von Quadt zum evangelischen Glauben übergetreten war, durften sich, anders als im katholischen Erkelenz, hier Juden ansiedeln. So kam es, dass in Schwanenberg bereits früh Juden wohnten. Im 18. Jahrhundert dürften dies etwa vierzig Personen gewesen sein.1 Es entwickelte sich im Gegensatz zu Erkelenz hier in dieser Zeit eine jüdische Gemeinde, die bis zu den 1930er Jahren Bestand hatte.
Bethaus
Die jüdische Gemeinde in Schwanenberg besaß wahrscheinlich schon im 18. Jahrhundert ein Bethaus. Denn bereits in Jahre 1788 wird es in einem Gerichtsprotokoll erwähnt. Die jüdische Gemeinde wird „in ihrem Bethaus wegen ‚Ärgernis am Sonntag‘“2 vom Gerichtsboten verwarnt. Im Urkataster von 1819 besaß „die Kirche der Juden zu Lentholt“ an der Straße nach Genhof zwei Grundstücke. Auf einem davon stand ein Haus, das von der Bevölkerung die „Judenkirche“ genannt wurde. Es ist anzunehmen, dass ein Teil dieses Wohnhauses als Bethaus genutzt wurde.3 Es wurde später als Synagoge bezeichnet.
Synagoge
Da dieses Gebäude im Laufe des 19. Jahrhunderts baufällig wurde, entschloss sich die jüdische Gemeinde Schwanenberg, eine neue Synagoge zu bauen, allerdings nicht am alten Standort, sondern einige 100 m weiter am heutigen Lindches Weg. (Siehe Flurkarte unten)
Da die jüdische Gemeinde in Schwanenberg sehr arm war, sammelte man die Gelder zum Bau in öffentlichen Kollekten in den Regierungsbezirken des Rheinlandes, in Aachen, Düsseldorf, Köln, Koblenz und Trier.
Am 27. November 1868 erfolgte schließlich die Einweihung der Synagoge in einem feierlichen Festrahmen, der für alle hörbar durch Böllerschüsse eingeleitet wurde. Der stellvertretende Ober-Rabbiner, Herr Wallenstein, aus Krefeld trug die Torarollen in einem Festzug von der alten Synagoge und zur neuen. Der Landrat des Kreises Erkelenz, Herr Claessen, durfte als erster die Synagoge aufschließen. Die Einweihungsfestivitäten wurden durch zwei Festbälle am folgenden Wochenende abgeschlossen.4
In den 1860er Jahren wohnten etwa 60 Personen jüdischen Glaubens in Schwanenberg, so dass jeden Sonntag ein Gottesdienst gehalten werden konnte. Bis zur Jahrhundertwende sank die Anzahl der Juden im Ort, so dass die erforderliche Mindestzahl der Männer zur Abhaltung des Gottesdienstes kaum noch erreicht werden konnte. Da in der Folge keine Gottesdienste mehr gefeiert wurden und die Nationalsozialisten ihre Judenfeindlichkeit immer offener zu Tage trugen, wurde die Synagoge zunehmend verwüstet. „Der Vorstand der Synagogengemeinde Geilenkirchen-Heinsberg-Erkelenz stellte 1936 bei einer Inspektion der Schwanenberger Synagoge fest:
‚Fenster der Synagoge eingeworfen … Fußboden völlig verstaubt. … Tür nicht einmal ordnungsgemäß verschlossen. Wie der Pächter der anliegenden der Gemeinde gehörenden Wohnung‘ berichtete ‚ist seit mehr als Jahresfrist in der Synagoge … Gottesdienst nicht mehr gehalten‘ worden. Nun erfolgte eine Aufstellung der noch hier lebenden Gemeindemitglieder. ‚Wohnt in Schwanenberg eine dreiköpfige Familie, in dem vier Kilometer entfernt liegenden Wegberg wohnen zwei Familien, zwei Gebrüder mit ihren Frauen und zusammen drei Kindern. In dem kleinen Ort Gerderhahn … wohnt noch eine Witwe mit vier Kindern unter zehn Jahren und ein einzelstehender Israelit. … nur zwei Mitglieder zahlen Steuer.‘“5
Der Vorschlag der Synagogengemeinde, das zur Synagoge gehörende Wohnhaus zu verkaufen, wurde am 18.08.1936 umgesetzt. Die Synagoge wurde am 9. November 1938 geschändet. Zeitzeugen machten unterschiedliche Aussagen, ob sie angezündet wurde oder nicht, so dass dieser Tatbestand nicht geklärt werden kann. 1949 fand ein Prozess gegen die fünf Täter der Pogromereignisse von Erkelenz, Schwanenberg und Wegberg statt. Bis auf zwei Freisprüche wurden sie zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Aussagen zu Schwanenberg waren aber so widersprüchlich, dass für diese Tat keine Beteiligung nachgewiesen werden konnte.6
Das Synagogengrundstück war von der Vertretung der jüdischen Gemeinde in Köln während des Krieges verkauft worden. Im Jahre 1949 wurden die nicht zerstörten Teile des Gebäudes abgerissen.
Bauwerk
Architekt der Synagoge war Johann Burkart. Er war 1853 Bauführer in Saarbrücken, später Baumeister in Aachen, wo er durch zahlreiche Monumentalbauten bekannt wurde. Von 1867 bis 1901 war er Stadtbaumeister in Krefeld.
Geplant war ein klassizistischer, einstöckiger, rechteckiger Bau mit einem leicht abgewalmten Dach. Der Eingangsbereich bestand aus einem risalitartigen Vorbau mit dreieckigem Giebel. An der Ostseite sollte sich ein Erker mit zwei Zinnen und einem Rundfenster befinden. Die Längsseiten sollten durch kleine Mauervorsprünge in drei gleichgroße Flächen mit je einem Rundbogenfenster geteilt sein. Unterhalb der Dachkante lief ein Fries rund um das Gebäude. Im Innern waren über den Fenstern und dem Schrein hebräische Inschriften vorgesehen. Eine eingezeichnete Treppe führte wohl zur Frauenempore.7
Diese Baupläne dienten bis auf wenige Details auch als Vorlage für die 1874 eingeweihte Synagoge in Schleiden-Gemünd.8
Es gibt nur ein bekanntes Foto von der Synagoge9. Es stammt von Ellen Kindling, geborene Morjan (1934-2025). Ihre Großeltern Anna und Heinrich Morjan hatten ein Lebensmittelgeschäft, das direkt neben dem Synagogengrundstück lag.
Das Foto zeigt den rückwärtig gelegenen Teil der Synagoge. Die Nachbarin Anna Morjan steht auf ihrem Grundstück neben dem Waschraum. Im hinteren Bereich ist ein Ausschnitt der südlichen Synagogenwand zu sehen. Anna Morjan steht vor der Mauer des Eingangsbereichs und verdeckt so das dortige kleine Fenster. Neben ihr ist eins von den drei großen Synagogenfenstern sowie den Lisenen, senkrecht verlaufenden Mauervorsprüngen, zu sehen.10
- Siehe Rütten, 2008, Seite 22 ↩︎
- Siehe Rütten, 2008, Seite 22 ↩︎
- Siehe Rütten, 2008, Seite 22 ↩︎
- Erkelenzer Kreisblatt vom 02.12.1868 ↩︎
- Rütten, 1008, Seite 35 ↩︎
- Hubert Rütten, 2010 ↩︎
- Beschreibung nach Rütten, 2008, Seite 34 ↩︎
- Elfi Pracht, 1997 ↩︎
- Foto aus dem Aufsatz von Ellen Kindling: „Educated to resist. A family against the Nazis“ in „Equal Times Magazine“, Oberwesel and Kastellaun (Germany), Talitha Kumi (Palestine) Matnas Negev (Israel) August- October 2012 (pdf Dokument) ↩︎
- Text von Wolfgang Lothmann 2026 für den Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V.. Er fasst die sehr gründlich recherchierten Beiträge von Hubert Rütten im Band 22 der Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e. V. zusammen. ↩︎
- , Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 22, 2008. Hubert Rütten: Lebensspuren - Spurensuche. Jüdisches Leben im ehemaligen Landkreis Erkelenz
- , Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 24, 2010: Hubert Rütten: Der Novemberpogrom von 1938 im Erkelenzer Land., Seite 175 - 198
- , Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil 1: Regierungsbezirk Köln. Köln, 1997
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