Originale in Keyenberg um 1900

Anekdoten

In einem Beitrag des Heimatkalenders der Erkelenzer Lande erinnerte Monsignore Wilhelm Corsten 1964 an einige Originale in Keyenberg um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert. Sein Beitrag „Von Originalen und allerlei Leuten in Keyenberg“ wird hier aufgeführt. Die Übersetzungen der Dialektstellen stehen in eckigen Klammern.

Ühem Grades

In meine frühe Kindheitserinnerung spielt „Ühem Grades [Onkel Gerhard]“ lebhaft hinein. Er lebte als gebrechlicher Greis in unserem Nachbarhaus und war der Taufpate meines Vaters, der deswegen auch seinen Vornamen Gerhard trug. Meine Mutter pflegte später zu erzählen, daß ich als kleiner Junge Ühem Grades öfters gefragt hätte: ,,Ühem Grades, wanni störvste?“ [Onkel Gerhard, wann stirbst du?] Und der stille Mann, der sonst wenig sprach, verstand den kindlichen Frager und antwortete jedes Mal: ,,Jong, wenn ste en de Schöll geeß.“[Junge, wenn du in die Schule gehst.] Und wirklich, an meinem zweiten Schultag wurde er begraben, und ich – das war der geheime Sinn meiner Frage gewesen – durfte das Kreuz vor seinem Sarge hertragen; so wollte es der strenge Ortsgebrauch.

Schtines

Meinem Elternhause gegenüber hauste Jahre hindurch in einem Zimmerchen ,,Schtines“ [Konstantin], so genannt nach seinem Vornamen Konstantin. Er war ein kleines graues Männchen, das uns Kindern immer etwas unheimlich war. Mit anderen Leuten verkehrte er kaum; dem Vernehmen nach war er früher herrschaftlicher Kutscher gewesen, und besonders interessant an ihm war, daß er als Soldat in Luxemburg gedient hatte, als diese Stadt noch preußische Garnison gewesen war. Werktags trug er immer einen kurzen „Schlomm“ [eine Halbschürze] – eine Seltenheit bei den Männern.

Kroh Hannes

Sein Hauseigentümer war „Kroh Hannes“ [Johannes Krah], der Haarschneider und Rasierer („Schäermann“) der Nachbarschaft war. Uns Jungen aus der „Nachbarschaft“ bis zu einem gewissen Alter schnitt er die Haare für fünf Pfennige, die übrigen mußten zehn bezahlen, und der gute Mann ging von seinen Preisen auch dann nicht ab, als er sich eine Haarschneidemaschine (Handbetrieb) anschaffte, was damals nicht wenig Aufsehen machte.

Tambur Hannes

Für eine Abwechslung anderer Art sorgte von Zeit zu Zeit „ Tambur Hannes“ [ Trommler Johannes ]. Dieser Veteran war als Soldat beim Trommlercorps gewesen und verstand das Trommelschlagen wirklich meisterhaft. Er hatte, wenn man seinen  Erzählungen glauben durfte, im Kriege 1870/71 die Belagerung und Erstürmung der Festung Paris in vorderster Linie mitgemacht. Eine besondere Rolle spielte in seiner Schilderung – wenn er ab und zu „einen gehoben“ hatte – der preußische General von Ickus-Rothe. Für uns Jungens war es ein Mordsspaß, wenn „Tambur-Hannes“, mit dem Rücken gegen eine „Pooz“ (Tor) gelehnt, unter Zuhilfenahme seiner Trommel anschaulich den „Sturm auf Paris“ vorführte und dabei auch nicht unterließ, den genannten General mit seinen anfeuernden Kommandos persönlich in Erscheinung treten zu lassen.

Pilatese Wilhelm und Dorese Kobes

Zu den „Veteranen“ des Dorfes gehörten auch „Pilatese Wilhelm“ und „Dorese Kobes“ [ Hurtz Jakob]. Für beide habe ich als Junge, so oft ich sie sah, eine geheime Bewunderung gehegt. Wilhelm PILATUS, ein ernster, stiller Mann, hatte – so wurde erzählt – als Einziger seiner Kompanie 1870 die Erstürmung der Spicherner Höhen unverletzt überstanden, und man sah ihn dann nach dem Kriege bis in sein hohes Alter hinein als Brudermeister bei allen Prozessionen und täglich an der Kommunionbank – für die damalige Zeit etwas Außergewöhnliches. Er sollte es bei Spichern so gelobt haben.

„Dörese Kobes“, einem kleinen, stämmigen Manne, habe ich immer mit neugieriger Bewunderung nachgeschaut, weil ihm im Kriege 1866 (bei Langensalza) eine Kugel durch die Schulter gegangen war und ich mir diese Kugel immer nur faustgroß vorstellen konnte.  „Dorese Kobes“ konnte auch den Schalk im Nacken haben. So sagte er einmal allen Ernstes zu Dorfgenossen, die über das langanhaltende nasse Wetter klagten: „Wat wollt ihr dann? Dat eß doch immer noch besser aß gar ke Wäer!“ [Was wollt ihr denn? Das ist doch immer noch besser als gar kein Wetter!]

Väldesch Hänneske

In lebendiger Erinnerung aus der Kinderzeit ist mir auch „ Väldesch Hänneske“ [Velders Johannes] geblieben, das langjährige Faktotum auf dem uns benachbarten „Väldesch Hoff“ [Velders Hof ], eine biedere, grundehrliche Haut, der das ganze Vertrauen des Hofinhabers (Anton Velder) besaß und verdiente. Die ganze Verachtung und Geringschätzung des „Überlegenen“ brachte er einmal gegenüber einem nur zeitweilig auf dem Hofe weilenden und nur Hochdeutsch sprechenden Eleven aus der Stadt zum Ausdruck, als dieser eine ihm völlig unverständliche Anweisung gegeben hatte. Mehr zu sich selbst gewandt, schüttelte „Hänneske“ den Kopf und murmelte: „Du böß noch net wäet, dat se dech möt Dried dued schete.“ [Du bist es nicht wert, dass sie dich mit Mist erschießen.] Und dann tat er, was er für richtig hielt.

Schmitze Hendrek

In einer Zeit, da es noch gar keine oder nur sehr wenige Mähmaschinen gab, war mein Vater Jahrzehnte hindurch der anerkannt beste „Hauer“ (Mäher) mit Sicht und „Matthook“ im Dorfe, und wer dabei mit ihm Schritt halten wollte, mußte sich gewaltig anstrengen. So kam es, daß er Jahr für Jahr in der Erntezeit für die Gutsbesitzer Geschwister Schmitz als Mäher tätig war. Die Geschwister „Schmitze Hendrik“ und „Schmitze Marieche“ [Heinrich und Maria Schmitz] galten als die reichsten Leute Keyenbergs und waren es wohl auch. „Schmitze Hendrek“ war ein Original von besonderer Art. In seiner Jugend hatte er einige Jahre in der holländischen Klosterschule Rolduc (Klosterrath) studiert und war trotz aller Eigentümlichkeiten zeitlebens ein kluger Mann. Zu jeder Jahreszeit war er den ganzen Tag auf den Beinen, obschon er schlecht sehen konnte und infolgedessen seine eigenen Leute auf seinen Feldern nicht immer fand. Auch auf der Straße wußte man nie so recht, ob er einen sah und erkannte und man ihn grüßen sollte. Während der Erntezeit („em Beui“), wenn unser Vater als Mäher für ihn tätig war und auch stets die bekannten 14 Morgen am Feldwege nach Eggerath – vor der Landzusammenlegung das größte Stück im Keyennberger Feld – zu mähen hatte, erschien „Schmitze Hendrek“ immer wieder morgens bei uns zu Hause und begann schon gleich an der Tür: „Wo eße – wo eße? Eße fott? Eße fott?“ Dann konnte er stundenlang bleiben und in einem fort erzählen -erzählen, aber meist nur andeutungsweise, und wer nicht genau Bescheid wußte in der Geschichte seiner weitverzweigten Familie und Verwandtschaft, der verstand zunächst überhaupt nicht, worauf Hendrek hinauswollte, und wenn es sich auch vielfach um dieselben Zusammenhänge handelte, interessant war es immer. „Dä Mann kann äver verzälle!“, war einmal der staunende und bewundernde Ausruf eines zufällig anwesenden Fremden. Von originellen Bemerkungen des mit einem großartigen Gedächtnis ausgestatteten Erzählers habe ich zeitlebens einige behalten. Als die Leute über die schlechten Zeiten klagten, sagte er wohl: „Mi Motter hätt 1815 anger Denge durgemäk; do kome de Kosacke, di woere voll Lüß.“ Auch die sicher zutreffende Redensart: „Wämer löpp, eß mer ieder do“, habe ich mehrfach aus seinem Munde gehört. Und meiner Mutter, die ihn nach Regenwetter etwas erstaunt fragte, ob die Frucht denn schon trocken genug zum „Einfahren“ gewesen wäre, gab er zu Antwort: „Di stong om berge!“

Hendrek wie seine Schwester Marieche haben ein hohes Alter erreicht und hatten keine Feinde. Im Stillen sollen sie viel Gutes getan haben. Ihre Dienstboten (Knechte und Mägde und „Arbeiter“) blieben vielfach jahrzehntelang dieselben; „Schmitze Lisbett“ und „Schmitze Fritz“ waren dorfbekannte Figuren. Aufs Ganze gesehen ging es auf dem Hofe etwas patriarchisch zu. Die Leute wurden gut behandelt und gut geköstigt und hielten ihrer Herrschaft die Treue; und schließlich fuhren beide Teile nicht schlecht dabei. In der Öffentlichkeit hielten die Geschwister Schmitz sich ganz zurück. Sie führten kein großes Haus, waren aber angesehene Leute. Die weitausgedehnte Hofanlage mit Ställen, Scheunen, Garten und Baumgarten war (und ist) die größte des ganzen Dorfes.

Et Krömmke

Kurz nach 1900 wurde in Keyenberg und Umgegend die Versorgung mit elektrischem Strom eingerichtet. Im ganzen Dorf wurden Kabel mit Hausanschlüssen metertief in die Erde gelegt; wohl kein Haus schloß sich von der Neuerung aus. Aber meist wurde, um Kosten zu sparen, nur im Wohnzirmmer und höchstens noch im Viehstall eine Lampe mit einer Glühbirne angebracht. Damit kamen die gemütlichen Petroleumlampen mit ihrem milden behaglichen Schein allmahlich  außer Gebrauch. Auch verschiedene landwirtschaftliche Maschinen, vor allem die Dreschmaschinen, wurden für elektr1schen hergerichtet und ebenso die immer nur spärliche Straßenbeleuchtung auf Elektrisch umgestellt. Alten Leuten blieben die Dinge zunächst fremd und fast etwas unheimlich. Bei einer älteren Frau – sie wurde wegen ihrer unvorstellbar krummen Beine, die sie sorgfältig unter ganz langen Röcken verbarg, „et Krömmke“ genannt – machten sich die jungen Burschen aus der Nachbarschaft den Spaß, sie zur äußersten Vorsicht im Umgang mit dem Lichtschalter zu mahnen und sie soweit zu bringen, dass sie lange Zeit den Schalterknopf nur mit der von einer Schürze umwickelten Hand anzufassen wagte. Frau Speuser – so hieß „et Krömmke“ wirklich – liebte ihren Spitznamen gar nicht sonderlich, und unsere Mutter hatte uns Kindern eingeschärft, sie nur mit „Frau Speuser“ zu grüßen und anzureden. Ein kleiner Junge aus einer kinderreichen Familie kündigte seiner Mutter aber eines Tages mit lauter Stimme an: „Mamma, hei es et Krömmke!“ – wofür ihn ein vernichtender, entrüsteter Blick der alten Frau tref, den er aber absolut nicht zu deuten wußte, und so rief er kurz darauf abermals noch etwas lauter: „Mamma, do e? et Krömmke all wier!“ –

Der Merantezeß

Von den meisten Leuten im Dorfe, selbst in der Nachbarschaft, kannten wir Kinder kaum die Familiennamen, dafür aber um so besser die Haus- und Spitznamen. Wohl nicht ganz zu unrecht sagte und sagt man dem eingeborenen Keyenberger ein ziemliches Maß von Spottlust und Neckfreude nach, und das prägte sich nicht zuletzt in den vielen Spottnamen aus, die natürlich in den meisten Fällen dem Fremden oder Nichteingeweihten völlig unverständlich blieben. Wie hätte er auch nur ahnen können, wie und woher der alte Schmied zu seinem lateinischen Spitznamen „der Merantezeß“ gekommen war? Nun, dieser hatte in einem früher gebräuchlichen lateinischen Segenslied statt der richtigen lateinischen Worte „quos sanguine mercatus es“, mit seiner kräftigen Stimme gesungen: „merante zeß“ – wie einer gehört haben wollte, der es dann mit Vergnügen weiter erzühlte. „Der Merantezeß“ übte einmal auch ergötzliche, aber recht bildhafte Kritik an der Probe des Kirchenchors, die in der Schule stattzufinden pflegte: „Et Machenifikat ching noch chanz miserabel – de chanze Schöll hott sech geschott!“ [Das Magnificat hörte sich noch ganz miserabel an – die ganze Schule hat sich geschüttelt]-

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  1. Landkreis Erkelenz und Heimatverein der Erkelenzer Lande , Heimatkalender der Erkelenzer Lande. Erkelenz, 1964, Seite 160 ff. Wilhelm Corsten: Von Originalen und allerlei Leuten in Keyenberg

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