Vorbemerkung
Das Marienkapellchen an der Aachener Straße ist kein denkmalgeschütztes sakrales Kleinobjekt, sondern muss als Beispiel für eine über die Jahrhunderte hinweg praktizierte Volksfrömmigkeit gesehen werden – ein Bitt- und Anbetungsort, der bereits im 17. Jahrhundert existiert haben soll. Das kleine Bauwerk gehört zum Besitz der Pfarrgemeinde St. Lambertus Erkelenz.
Lage
Unmittelbar an der Stelle, an der sich die schmale Aachener Straße zum Franziskanerplatz hin öffnet, liegt stadtauswärts auf der rechten Seite, nur drei Schritte aus der Straßenflucht zurückgesetzt, ein Bildstock, der in Erkelenz jedoch als Kapellchen bezeichnet wird. Aus anderer Gehrichtung beschreibt Dechant Kamp 1931 die Lage: „Wenige Schritte von der Antoniuskirche [im 2. Weltkrieg zerstört] liegt an der Straßenecke, eingebettet in das anstoßende Haus, ein kleines Kapellchen, eine vielbesuchte Gebetsstätte, jedem Erkelenzer wohlbekannt.“1
„Vielbesucht“ ist heute der neu gestaltete Franziskanerplatz mit Gastronomie und Wasserspielplatz, Spielgeräten für Kinder, einladenden Sitzgelegenheiten, rundherum Geschäfte, Versicherungsbüros, Copyschop und Schulungsräume. Den kleinen Bildstock an der Straßenecke werden im Alltagsgeschehen nur wenige zur Kenntnis nehmen, geschweige denn für ein Gebet innehalten.
Beschreibung des Baus
Das heutige Marienkapellchen wurde am 5. April 1953 anstelle des im 2. Weltkrieg zerstörten Bildstocks erneuert und eingeweiht. Diese frühere Kapelle war als „Kapellchen zum scherpen Hüvel“ bekannt, genau mit dieser Benennung wird das Ereignis 1954 im Heimatkalender erwähnt:
5. 4. 1953
Einweihung des wiederaufgebauten
„Kapellchens am scherpen Hüvel“ in
Erkelenz an der Franzstraße/
Franziskanermarkt.2
Das erneuerte Bauwerk orientiert sich in der äußeren Form an dem an gleicher Stelle gestandenen Vorkriegskapellchen.
Es ist eng an die Seitenwand des Hauses Franziskanerplatz 3 angebaut. Die Außenmauern des nur 2, 20 m breiten Bauwerks sind aus rotem Ziegelstein.3 Ein überstehendes, mehrflächiges, schiefergedecktes Zeltdach bietet Regenschutz für die Kniebank vor einem netzförmigen Metallgitter. Einschließlich einem Kreuz auf dem Dach hat das Bauobjekt eine Höhe von 4, 60 m; es ist 1,50 m tief. Es kann also kein Innenraum betreten werden. Das Metallgitter samt einer dahinter liegenden Glasscheibe trennt eine 80 cm breite und 1, 30 m hohe rundbogige, hell getünchte Nische ab, in der sich eine Marienfigur befindet. Diese Figur aus geschwärztem Ton steht auf einem ca. 10 cm hohen grauen Steinsockel. Die sitzende Maria hält das segnende Jesuskind auf ihrem Schoß; der Betrachter vor dem Gitter steht dieser Figur frontal gegenüber.
Die wenigen Meter Zuweg sind gepflastert. Rechts und links sind die gepflanzten Hainbuchen quadratisch in Form geschnitten und vermitteln so den Eindruck eines Kirchenportals, das man als Besucher durchschreitet.
Darstellung und Bedeutung
Als Erklärung für die alte Bezeichnung „Kapellchen am scherpen Hüvel“ ist häufig auf eine Wallfahrtskirche gleichen Namens in Flandern verwiesen worden.
Die Basilika von Scherpenheuvel (im heutigen Belgien) ist eine große Kuppelkirche, die 1603 eine schon seit dem Mittelalter dort auf „dem steilen Hügel“ existierende Wallfahrt baulich bekräftigen sollte. Die Errichtung einer repräsentativen Wallfahrtskirche sollte gleichzeitig während der territorialen und religiösen Auseinandersetzungen zwischen den protestantischen Nordprovinzen und den katholischen Niederlanden im Süden, zu denen Erkelenz gehörte, die Katholiken unterstützen.
Der Bildstock in Erkelenz wählt anders als in Belgien Maria als Trösterin der Betrübten. Diese Darstellung Marias als Consolatrix afflictorum ist aus der Lauretanischen Litanei bekannt und in diesem Anliegen wird Maria an verschiedenen bekannten Wallfahrtsorten (z. B. in Luxemburg) angerufen. In der hiesigen Region ist Kevelaer der herausragende Marienwallfahrtsort, zu dem jährlich ca. eine Million Pilger kommen, um zur Trösterin der Betrübten zu beten. In der Kerzenkapelle zu Kevelaer dokumentiert ein Schild mit der Jahreszahl 1837 die lange Tradition der Erkelenzer Kevelaerpilgerschaft.
Die Verehrung Marias als Trösterin der Betrübten begann wahrscheinlich im 17. Jh. in Luxemburg und verbreitete sich ab 1624 von dort aus sehr rasch. Für Kevelaer gilt beispielsweise das Jahr 1642 als Beginn der Marienwallfahrt. Die Anrufung Marias muss dann im Kontext des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648) gesehen werden. In diesen drei Jahrzehnten gingen für die Bevölkerung Plünderung, Zerstörung, Tod und Glaubensnot Hand in Hand.
Vor diesem Hintergrund ist es plausibel – selbst wenn ein sicherer Existenznachweis fehlt -, dass das „Marienkapellchen am scherpen Hüvel“ mit genau dieser Bittintention ins 17. Jh. zurückreicht.
Welche Nöte herrschten zu dieser Zeit in der Erkelenzer Gegend? Zeitgenössische Gesamtdarstellungen über die sozialen Verhältnisse fehlen; die damaligen Chronisten waren insbesondere an der politischen Geschichte, den Herrschafts- und Territorialverhältnissen interessiert, doch Notsituationen betreffen alle Bevölkerungsschichten, jung und alt, arm und reich, Adel und Nichtadel, Stadt- und Landbevölkerung. Neben Stadtchroniken geben Aufzeichnungen in Pfarrchroniken Hinweise auf Todeszahlen und manchmal auch Todesursachen; Todeszahlen als Indiz für die Not der Menschen.
Der 30jährige Krieg gilt als Beschleuniger der großen Pestepidemien in Mitteleuropa. Manche Forschungen schätzen die Zahl der Pesttoten im mitteleuropäischen Raum zwischen dem 14. – 17. Jh. auf bis zu 50 Millionen. In der Baux-Chronik ist für Erkelenz im Jahr 1580 eine große Pestwelle festgehalten, bei der 463 Menschen gestorben sind. Diese hohe Todesrate bedeutete nahezu eine Entvölkerung der Stadt. Auch anderenorts wütete die Pest: „175 Tote in Doveren und Haen [Doverhahn] – das war ein Fünftel […] der Bevölkerung.“4 Im 17. Jh. sind für Erkelenz Siechenhäuser belegt. In einer weiteren Epidemie sterben 1676 innerhalb von zwei Monaten in Erkelenz 200 Menschen an der „Ruhr“.
Ohne Rückgriff auf den historischen Kontext des 17. Jhs. erklärt Dechant Kamp 1931 den in der Bevölkerung üblichen Kapellennamen „an der leicht ansteigenden Straße“ so: „Ist nämlich unser Lebensweg nicht auch oftmals ein „scherper Hüvel“ mit scharfen, schwierigen Hindernissen, eckigen Kanten, bitteren Heimsuchungen?“5 Kamp berichtet zudem von Votivgaben und Kerzen und davon, dass in Feldpostbriefen des 1. Weltkrieges Erkelenzer Soldaten ihre Angehörigen gebeten haben, genau an diesem Kapellchen für sie zu beten. Seine Zusammenfassung trifft insofern die damalige Denk- und Lebensweise: „Darum ist das Kapellchen das Ziel frommer Gänge und gehört gleichsam zum beständigen Inventar des christlichen Erkelenz.“6
Jede Zeit hat ihre je eigenen Notsituationen und Gedenkformen. Die Marienkapelle an der Aachener Straße – gepflegt von der Nachbarschaft – existiert als unaufdringlich präsenter Ort zum Innehalten mitten in der Stadt.7
- , Schriftenreihe des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V.. Band 17, 1998. Blaesen, Paul: Zeichen am Wege. Dokumentation christlicher Kleindenkmäler
- , Heimatkalender der Erkelenzer Lande. Erkelenz, 1954
- , Rheinische Post. Düsseldorf, vom 04.01.2021. Spichartz, Willi: Pfarrer und Mönche berichten von Todeswellen
- , Wikipedia Deutsch. https://de.m.wikipedia.org/, /wiki/Basilika_Unserer_Lieben_Frau_von_Scherpenheuvel (Stand: 05.11.2025)
- , Die hl. Patrone der Kirchen und Kapellen des ehemaligen Dekanats und Kreises Erkelenz. Erkelenz, 1931
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